Zu Beginn eines Jahres heißt es in Brasilien: Staatsmeisterschaft. Die Mannschaften aus den verschiedenen brasilianischen Bundesstaaten treten gegeneinander an und klären so die regionale Vorherrschaft. Dieser Wettbewerb ist ein Feuerwerk, jedes Spiel ein Derby, jedes Spiel mit Tradition und Bedeutung – also zumindest so lange man nicht auf den einen Red-Bull-Klub trifft, den es mittlerweile natürlich auch in Brasilien gibt.

Damit man sich die emotionale Dimension dieses Wettbewerbs auch in Deutschland gut vorstellen kann, wagen wir vielleicht einen Vergleich: In Deutschland gebe es, analog zum Bundesstaats-System in Brasilien, zum Beispiel eine „Staatsmeisterschaft NRW“, an der unter anderem Borussia Dortmund, der FC Schalke 04, der VfL Bochum, Wattenscheid 09, Rot Weiß Essen, der 1. FC Köln, Fortuna Köln, Borussia Mönchengladbach und Bayer 04 Leverkusen teilnehmen würden. Hätte doch was.

Aber zurück nach Brasilien. Denn vorgestern fand das Finale der Staatsmeisterschaft von Minas Gerais statt. Minas Gerias liegt im Südosten Brasiliens, ist ein Binnenstaat, Hauptstadt ist Belo Horizonte, insgesamt gehören 853 Städte zum Bundesstaat – mehr als in jedem anderen. Über 21 Millionen Menschen leben in Minas Gerais. Und nicht wenige von ihnen werden leidenschaftlich auf das Finale hingefiebert haben.

Dabei traten Cruzeiro und Atlético Mineiro gegeneinander an, zwei Traditionsvereine. Cruzeiro ist der einzige Erstligist Brasiliens, der noch nie abgestiegen ist und wurde in seiner Geschichte vier Mal Meister. Atlético Mineiro war 1937 sogar der erste offizielle brasilianische Fußballmeister und konnte 2014 sogar die Copa Libertadores, also die brasilianische Champions League gewinnen. Beide Mannschaften kommen zudem aus Belo Horizonte, ein echtes Stadtderby also. Mit leidenschaftlichen Fans und dieser Tradition: Cruzeiro wurde 1921 von italienischen Einwanderern gegründet und galt lange als Verein der Arbeiter- und Einwanderergemeinschaft in Belo Horizonte. Atlético Mineiro entstand bereits 1908 durch Studenten aus eher wohlhabenden Familien, öffnete sich aber schnell und entwickelte sich so zu einem Verein mit Anhänger*innen n aus allen sozialen Schichten.

Sportlich ist die Geschichte des Finals dabei schnell erzählt: Kaio Jorge brachte Cruzeiro per Kopf in der 60. Minute in Führung gebracht. Sein Treffer war auch der sportliche Endstand, eines bis dahin eher vorsichtigen, taktisch-geprägten Spiels. Doch in der Nachspielzeit sollte es dann noch einmal richtig hoch hergehen: Nur zehn Sekunden waren in der sechsminütigen Nachspielzeit noch auf der Uhr, als Angreifer Christian nach einem Schussversuch in Atlético-Torwart Everson reinrauschte. Dieser reagierte aufgebracht und drückte seinen Gegner mit den Knien zu Boden. Innerhalb weniger Sekunden entstand eine Rudelbildung, die eskalierte. Und wie: Nahezu jeder Spieler war in die entstehende Schlägerei verwickelt, Fäuste flogen, es gab Hiebe ins Gesicht der Kontrahenten, Sprungtritte wurden verteilt. Weil die Sicherheitskräfte beider Teams die Situation nicht beruhigen konnte, musste sogar die Militärpolizei auf dem Platz einschreiten – sie brauchte zehn Minuten um alle Beteiligten wieder zu trennen.

Im Anschluss brach der Schiedsrichter Matheus Delgado Candançan die Partie ab, ohne auf dem Feld auch eine einzige Karte gezeigt zu haben. Das aber änderte er im offiziellen Spielberichtsbogen im Anschluss an die Partie: Unter den betroffenen Spielern sind neben den beiden Auslösern Christian und Everson unter anderem Atlético-Kapitän Hulk, der lange in Europa spielte, der baldige BVB-Neuzugang Kauã Prates, Torschütze Kaio Jorge, die Seleção-Nationalspieler Gerson und Fabrício Bruno, die ehemaligen Bundesliga-Spieler Walace (HSV, Hannover 96) und Fagner (VfL Wolfsburg) sowie Ex-Colchonero und Nationalspieler Renan Lodi. Insgesamt notierte Candançan 23 Rote Karten – Rekord. Er  erklärte, er habe diese aufgrund der schnellen Eskalation der Tumulte nicht auf dem Platz zeigen können. Allen Rot-Sündern drohen nun empfindliche Sperren – inwiefern Prates seine mit nach Europa bringen würde, ist dabei aber noch nicht bekannt.

Besonders absurd wirkt aber vor allem die Erklärung von Hulk nach dem Spiel, die als Entschuldigung angekündigt wurde, aber vor allem Kritik am Schiedsrichter ist. Eigentlich gehören Entschuldigungen und Selbstkritik ja zusammen, bei Hulk scheint diese Info aber irgendwie noch nicht angekommen zu sein: „Ich habe dem Schiedsrichter schon zu Beginn des Spiels gesagt, dass es Ärger geben würde. Er hatte keine Persönlichkeit. Wenn er einen, zwei oder drei Spieler vom Platz stellen muss, dann soll er das tun! Er hatte Angst, das Finale zu pfeifen.“ Und weiter: „Ich kann mich nicht erinnern, jemals an Gewalttaten in einem Spiel beteiligt gewesen zu sein. Ich werde nicht müde werden, mich zu entschuldigen. Wir versuchen zu beschwichtigen, aber wenn man heißblütig ist und sieht, wie ein Mitspieler angegriffen wird, reagiert man automatisch. Aber es hätte vermieden werden können.“ Naja, Foulspiele und selbst Tätlichkeiten kommen im Fußball jede Woche vor, Massenschlägereien, die von der Militärpolizei geschlichtet werden müssen und zu 23 Roten Karten führen, eher nicht. Es hätte vermieden werden können – damit hat Hulk zwar Recht, aber halt nicht durch einen anderen Schiedsrichter, sondern durch ein professionelleres Verhalten aller beteiligten Spieler. Dabei ist übrigens insbesondere die Aussage Hulks, wonach er dem Schiedsrichter schon vor dem Spiel gesagt habe, dass es Ärger geben würde, spannend, denn sie lässt auf Vorsatz schließen.

Nichtsdestoweniger wird dieses Pokalfinale in Erinnerung bleiben. Wer weiß: Vielleicht taucht es ja schon in ein paar Jahren in der FanLeben.de-Serie „Spiele, die Geschichte machten“ auf.

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Von admin