Nach vier Jahren sind russische Gymnastinnen auf die internationale Bühne zurückgekehrt – zwar unter neutraler Flagge, doch ein darauf folgender Skandal ließ nicht lange auf sich warten: Die Russin Sofia Ilterjakowa holte beim Weltcup im bulgarischen Sofia Silber in der Reifenübung. Die 15-jährige Gymnastin landete dabei hinter Taisija Onofrijtschuk aus der Ukraine. Dritte wurde die Italienerin Sofia Raffaeli. Während der Siegerehrung, als die ukrainische Nationalhymne erklang, drehten sich die Sportlerinnen aus Italien und der Ukraine mit dem Gesicht zu den Staatsflaggen, die auf dem Bildschirm hinter ihnen erschienen. So sieht es das ungeschriebene Protokoll vor. Die russische Gymnastin blieb hingegen regungslos auf dem Podest stehen und drehte sich nicht um.
Die Ukraine legte beim Internationalen Dachverband für Rhythmische Sportgymnastik (FIG) Protest ein. Der ukrainische Verband erklärte, die russische Gymnastin habe sich bei der Siegerehrung absichtlich nicht der Flagge zugewandt und warf der Russin „Respektlosigkeit gegenüber dem Staatssymbol“ vor. Die Vertreter des Landes forderten, Ilterjakowa die Silbermedaille und den neutralen Status abzuerkennen. Klingt wie eine Banalität? Bei den olympischen Winterspielen Anfang des Jahres waren ukrainische Sportler*innen ebenfalls wegen Protokollverstößen bestraft worden, worüber FanLeben.de hier berichtet hat.
Die Trainerin der russischen Mannschaft, Tatjana Sergajewa, hat sich inzwischen hinter ihre Athletin gestellt und versucht, ihr Verhalten zuerklären: Die 15-Jährige, erinnerte Sergajewa, habe zum ersten Mal an so einem großen Wettbewerb teilgenommen und war gerade erst aus der Juniorenkategorie in den Erwachsenensport gewechselt. In einer solchen Situation ist Nervosität ganz normal, argumentierte die Trainerin, was soweit auch verständlich ist. Außerdem, fuhr Sergajewa fort, könnte Ilterjakowa schlicht nicht alle Einzelheiten der Siegerehrung gekannt haben. Dann aber wäre es ihre Aufgabe gewesen, die Sportlerin darauf vorzubereiten – gerade in einer politisch so heikelen Situation.
Die Zuschauer*innen des russischen Staatsfernsehens erfahren unterdessen nichts von dem Eklat. Nicht einmal der Sieg der ukrainischen Gymnastin in vier Disziplinen wird erwähnt. Stattdessen wir die Rückkehr der russischen Sportlerinnen auf die internationale Bühne als „Triumph“ zelebriert. „Die Weltcup-Etappe in Bulgarien ist mit einem großen Erfolg für unser Land zu Ende gegangen“, tönt es fast wortgleich in den Nachrichtensendungen des russischen Staatsfernsehens. Tatsächlich konnten die russischen Sportlerinnen nur eine einzige Silbermedaille in den Einzelwettbewerben ergattert, eben jene von Sofia Ilterjakowa. Im Mehrkampf, der wichtigsten Wettbewerbs-Kategorie der Rhythmischen Sportgymnastik, reichte es hingegen nur für den siebten und neunten Platz. Und Staatspropaganda.
Der ukrainische Verband ist deswegen auch weiterhin überzeugt, dass Ilterjakowas Geste politisch motiviert war. Ihr Verhalten, argumentieren die Ukrainer*innen, bestätige erneut, dass „neutrale“ russische Sportler in Wirklichkeit die aggressive Ideologie des heutigen Russlands vertreten. Auch über diesen Vorwurf hatte FanLeben.de anlässlich der Olympiade hier bereits berichtet. Eine wirklich neutrale Sportlerin müsse sich jeglicher politischer Gesten enthalten, so die Ukraine weiter. Der Gymnastikverband erklärte, man werde den Fall prüfen.
Der Fall zeigt, wie heikel und wie verfahren die Situation weiter ist. Selbst wenn man animmt, dass Sportler*innen unter neutraler Flagge nur ihre Bestleistung präsentieren wollen, was einer 15-jährigen (!) ja durchaus zu unterstellen ist, nutzen die Regime, deren Sportler*innen zur Neutralität gezwungen werden, ihre Leistungen dennoch für ihre Propaganda. In der Gymnastik nutzt die Rückkehr russischer Athletinnen ganz offensichtlich dem Putin-Regime – und damit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.
