Zum sechsten Mal in Serie stehen die Frauen des FC Barcelona in diesem Jahr im Finale der Champions League – drei Mal in den vergangenen fünf Jahren konnten sich dabei den Titel auch sichern. Zudem gewannen sie seit 2020 jedes Jahr die spanische Meisterschaft, in sieben von acht Jahren seit 2017 den Pokal und seit der Einführung des nationalen Supercups 2020, haben die Barca-Frauen den auch in jedem Jahr außer 2021 gewonnen. Mehr Dominanz geht einfach nicht.
Doch in diesem Jahr steht die Mannschaft vor einem gewaltigen Umbruch: Die Verträge von Alexia Putellas, Mapi Leon, Ona Battlle, Salma Paraluello, Caroline Graham und Top-Talent Martine Fenger laufen aus, alle Spielerinnen haben Angebote von ausländischen Vereinen vorliegen. Barca hingegen scheint nicht so recht zu versuchen, sie zu halten. Der Grund: Der mit rund einer Milliarde Euro verschuldete Verein möchte die steigenden Gehälter im Frauen-Fußball nicht zahlen. Zur Einordnung: Die Männer-Mannschaft der Katalanen verdient rund 500 Millionen Euro pro Saison, das sind 70 Millionen Euro mehr als nach den Regeln des Financial-Fair-Play erlaubt wären. Wieso soll jetzt ausgerechnet bei der erfolgreichsten Mannschaft im Verein gespart werden?
Und es ist ja auch nicht der erste Umbruch, weil Barcelona die Kosten im Frauen-Fußball drücken will. Schon im vergangenen Jahr verließen neun Spieler die Barca-Profis. Darunter Ellie Roebuck (Aston Villa), Lucía Corrales, Jana Fernández (beide London City Lioness) und Keira Walsh (FC Chelsea). Mit Judit Pujols kam eine Spielerin sogar zum VfL Wolfsburg in die deutsche Bundesliga. Und Ingrid Engen wird Barca schon bald wiedersehen – sie wechselte in die Frauen-Mannschaft von Olympique Lyon, dem Gegner des FC Barcelona im diesjährigen Champions-League-Finale. Das Ding ist: Auf die Finanzen der Katalanen haben diese Einsparungen kaum Auswirkungen. Denn nur 17 Profispielerinnen stehen in diesem Jahr bei Barca unter Vertrag, eingespart werden mit diesem Rumpfkader nur 0,79 Millionen Euro. Bei mehr als einer Milliarde Schulden ein wirklich zu vernachlässigender Effekt.
Die großen Vereine des spanischen Männer-Fußballs bekleckern sich im Frauen-Fußball bis heute nicht wirklich mit Ruhm. Bis 2020 wurde nämlich bei Real Madrid gar kein Frauenfußball gespielt. Frustriert darüber gründete Alfred Ulloa, ein Unternehmer und langjärhiges Vereinsmitglied von Real Madrid, darum sogar einen eigenen Verein: Madrid CFF, den Frauenfußballclub Madrid. Seine Mannschaft spielt, angelehnt an das köngliche Vorbild, ebenfalls in weiß, auch das Logo ist dem von Real angelehnt. 2014 zog mit der selben Idee Ana Rossell Granados nach. Granados, ehemalige Profifußballerin und eben auch Mitglied von Real Madrid, war wie Ulloa frustriert darüber, dass ihr Herzensklub immer noch keine Frauenabteilung gründen wollte. Anders als Ulloa ging es ihr jedoch weniger um den raschen sportlichen Erfolg, sondern vor allem um die nachhaltige Entwicklung: Sie gründete vor allem Jugendmannschaft, erst später kamen die Seniorinnenteams hinzu. Ihr Weg und ihre Behäbigkeit überzeugten 2020 dann auch Real, das ihren Verein übernahm und als Frauenfußballabteilung in den Gesamtverein eingliederte. Alfred Ulloa löste Madrid CFF in der Folge jedoch nicht auf, seine Mannschaft spielt darum bis heute erstklassig und misst sich darum regelmäßig mit dem historischen Original. Immer noch fühlen sich die Spielerinnen in Madrid und Barcelona wie Sportlerinnen zweiter Klasse.
Etwas anders verhält es sich in Deutschland. Dort drängen aktuell Traditionsvereine aus den Männer-Fußball auch an die Spitze des Frauen – wenn natürlich auch mit reichlich Verzögerung. Seit dieser Saison spielen der FC Union Berlin, der Hamburger SV und der 1. FC Nürnberg erstklassig. Union hat dabei gleich den höchsten Zuschauerschnitt der Liga. Zur neuen Saison könnte mit dem VfB Stuttgart der nächste potenzielle Topklub hinzukommen. VfB-Sportdirektor Sascha Glass freut das: „Es ist schon eine Riesenchance. Wir haben jetzt fünf Punkte Vorsprung und die sollten wir nicht verspielen.“ Er gibt sich sehr optimistisch, aber verweist zugleich auf das schwierige Restprogramm. Für den VfB wäre es ein direkter Durchmarsch aus der Regionalliga in die Bundesliga. Kein Märchen eines Außenseiters allerdings: „Wir würden uns nicht gerecht werden, wenn wir sagen würden, wir sind als Underdog und Aufsteiger in die Zweitliga-Saison gegangen“, räumt Glass ein. „Vielen war bewusst, was wir für einen Kader haben, und deswegen haben wir die Favoritenrolle angenommen.“ Dafür sprechen auch die Neuzugänge der Schwaben: Es kamen erfahrene Bundesliga-Akteurinnen wie Nicole Billa, Janina Hechler (beide 1. FC Köln) und Fabienne Dongus (TSG Hoffenheim). Der Frauen-Fußball wird dabei von den Männern finanziell bezuschusst, ein Zeitpunkt, ab wann sich die Frauen-Mannschaft selbst tragen musst, ist nicht festgelegt. Bis auf weiteres wird ins Wachstum investiert. „Wir schauen gerade, dass wir infrastrukturell mit unserer sportlichen Entwicklung mithalten. Ich bin sehr dankbar, dass der Verein viel für den Frauenfußball macht“, sagt Glass
Große Ziele hat man auch bei Borussia Dortmund: „Ich wünsche mir, dass unsere Frauen-Mannschaft mal im ausverkauften Signal-Iduna-Park spielen wird„, sagt BVB-Geschäftsführerin Svenja Schlenker. Undenkbar ist das keineswegs, gerade nach den Entwicklungen der vergangenen Monate. Im März stellte die Borussia Ralf Kellermann als neuen Sportdirektor vor, Kellermann war zuvor über zwei Jahrzehnte Architekt der sportlichen Erfolge, darunter zahlreiche Meisterschaften und Pokalsiege, aber auch ein Champions-League-Sieg, beim VfL Wolfsburg. Drei Tage nach Kellermanns Verpflichtung folgte der nächste Wechsel aus Wolfsburg nach Dortmund: Alexandra Popp spielt in der neuen Saison für ihren „Herzensklub“, wie sie den BVB nennt. „Wir empfinden diese beiden Zugänge als große Wertschätzung unserer Arbeit in den vergangenen Jahren“, meint Schlenker, „das zeigt uns, dass wir vieles richtig gemacht haben.“ Die BVB-Frauen spielen aktuell in der drittklassigen Regionalliga, liegen dort auf Platz zwei hinter der zweiten Mannschaft des 1. FC Köln. Gut möglich also, dass Borussia Dortmund noch eine Ehrenrunde drehen muss, bevor endgültig der Bundesliga-Aufstieg angegangen werden kann. Bislang war die Frauen-Mannschaft des BVB immer Staffelmeister geworden und damit aufgestiegen.
Wenige Kilometer westlich geht der FC Schalke 04 in den Fußstapfen des großen Erzrivalen einen ähnlichen Weg. Die Knappinnen werden diese Saison in die Regionalliga aufsteigen. „Wir sind mit dem aktuellen Stand sehr zufrieden. Viele unserer gesetzten Ziele konnten wir bereits erreichen, andere haben wir weiterhin klar im Blick. Insgesamt sehen wir eine sehr positive Entwicklung, die Tendenz zeigt eindeutig nach oben“, erklärt Boris Liebing, zuständig für den Fußball der Frauen auf Schalke. Bezüglich der Ziele für die kommenden Jahre sagt er: „Wir wollen uns in unserem eigenen Tempo entwickeln. Der Fokus liegt nicht kurzfristig auf der Bundesliga, sondern auf einem nachhaltigen Aufbau: Schritt für Schritt und auf einer breiten Basis.“ Dabei profitiert man natürlich von der riesigen Fanszene rund um Gelsenkirchen: „Die Strahlkraft des Vereins ist definitiv ein Vorteil. Dennoch sind letztlich die inhaltlichen Faktoren entscheidend für einen Wechsel. Allein Fan eines großen Vereins zu sein, reicht nicht aus. Wir haben in den vergangenen Jahren eine sehr gute Basis geschaffen und können den Spielerinnen mittlerweile viel bieten“, erklärte Liebing.
Nachhaltiger ist der Aufbau des Frauen-Fußballs bei den deutschen Traditionsvereinen – diesen Eindruck kann man bekommen. Es wird bewusst investiert, es werden früh professionelle Strukturen geschaffen und man plant sich so fest zu etablieren. Sicher, es werden Belastungsproben kommen. Und erst dann wird sich endgültig zeigen, wie nachhaltig und ernstgemeint diese Entwicklungen sind. Aber dass Stuttgart, Dortmund oder Schalke sich selbst so ausbremsen würden wie der FC Barcelona oder so gleichgültig agiert wie Real Madrid – das kann man sich beim besten beziehungsweise schlechtesten Willen gerade einfach nicht vorstellen.
