Das Sportjahr 2026 begann mit einem Knall: Stefan Kuntz ist nicht mehr Sportvorstand beim Hamburger SV. Die Nachricht erschütterte viele Fans, denn Kuntz war es, der den einstigen Bundesliga-Dino zurück in die Bundesliga führte, ihn konkurrenzfähig verstärkte und dem jungen Trainer Merlin Polzin das Vertrauen schenkte, das dieser seitdem ohne jeden Zweifel auf beeindruckende Weise zurückzahlt. Kuntz, so hieß es in der knappen HSV-Mitteilung am 2. Januar, habe die Rothosen aus „privaten und familiären“ Gründen um die Auflösung seines Vertrages gebeten. Es gebe manchmal wichtigeres als Fußball „und das ist bei mir jetzt der Fall“ beteuerte Kuntz. Der HSV-Aufsichtsrat wiederum bedauerte den vermeintlichen Rücktritt.

Jetzt kommt raus: Es war ganz anders. Nicht Stefan Kuntz bat den Hamburger SV um die Auflösung seines Vertrages, die HSV-Aufsichtsräte stellten ihn vor die Wahl – ruhige und nach außen einvernehmliche Trennung oder Abberufung. Und das aus guten Grund.

Der HSV Aufsichtsrat erklärt in einer heute veröffentlichten Stellungnahme: „Im Dezember 2025 sind an den Aufsichtsrat der HSV Fußball Management AG Vorwürfe eines schwerwiegenden Fehlverhaltens von Stefan Kuntz herangetragen worden. Der Aufsichtsrat hat gemäß seiner Verantwortung sofort nach Kenntnisnahme der Vorwürfe mit Unterstützung spezialisierter externer Anwälte die Aufklärung der Vorfälle eingeleitet.“ Bei den Vorwürfen soll es sich laut übereinstimmenden Medienberichten um mindestens verbale sexuelle Belästigung handeln. Das bestätigt der Aufsichtsrat jedoch nicht. Im Rahmen dieser Prüfung haben sich die Vorwürfe dann auf sich der Aufsichtsräte als glaubwürdig herausgestellt, weswegen das Gremium den Sportvorstand damit konfrontierte. Aber: „Die Gelegenheit zur Stellungnahme gegenüber dem Aufsichtsrat hat Herr Kuntz trotz mehrfacher Angebote explizit nicht genutzt.“

Die Konsequenz: „Nach sorgfältiger Prüfung und der Erkenntnis, dass die Vorwürfe glaubhaft sind, hat der Aufsichtsrat umgehend entschieden, eine schnellstmögliche Trennung von dem Vorstandsmitglied anzustreben. Stefan Kuntz hat auf dieser Grundlage und insbesondere in Kenntnis der gegen ihn erhobenen Vorwürfe der Trennung zum 31.12.2025 zugestimmt.“ Explizit betonen die HSV-Aufsichtsräte dabei noch das: „Er war dabei anwaltlich vertreten.“

Die Vorwürfe gegen Stefan Kuntz waren gestern durch einen Bericht der BILD öffentlich geworden. Kuntz selber war es, der sich dann als Beteiligter dazu via Instagram äußerte – nachdem er HSV-intern offenbar keine Erklärung abgeben wollte. Er schrieb gestern Abend: „Mich erreichen zahlreiche Anfragen wegen der aktuellen Berichterstattung über meine Person. Erst einmal möchte ich sagen, dass mich die Vorwürfe hart treffen. Klar ist: Ich weise diese Vorwürfe entschieden zurück!“ Er habe „im Sinne meiner Familie und aller mir nahestehenden Personen“ die bekannte Medienrechtskanzlei SCHERTZ BERGMANN beauftragt, gegen eine Berichtserstattung über „diese FALSCHEN Vorwürfe und Vorverurteilungen vorzugehen„. Und ja: ‚falschen‘ schrieb der ehemalige DFB-U21-Nationaltrainer dabei wirklich in Allcaps. Medien berichten zudem, dass das Umfeld von Stefan Kuntz das Gerücht streut, der HSV habe die Trennung vor allem deswegen forciert, weil sich sein Vorstandsvertrag durch den Bundesliga-Aufstieg zu deutlich verbesserten Konditionen vorzeitig verlängert habe und der HSV dies nicht weiter zahlen wolle.

Und erst diese öffentliche Erklärung Kuntz‘ wiederum veranlasste nun den HSV zu seiner Stellungnahme. Nach dem ursprünglichen BILD-Berichten hatte der HSV eine weitere Erklärung zunächst abgelehnt. Warum? Die Antwort formulieren die Aufsichtsräte so: „Aufgrund der expliziten Bitte der betroffenen Personen hatte bei der Trennung der Schutz der Betroffenen oberste Priorität, die auch weiterhin anhält.“ Die Frauen, die sich an den HSV-Aufsichtsrat wandten, wollten also nicht, dass das Thema in den Medien verhandelt wird – fest steht: Spätestens mit seiner Stellungnahme gestern hat Stefan Kuntz ihnen selbst diesen Wunsch verwehrt.

Der Aufsichtsrat des Hamburger SV schließt sein Statement übrigens wie folgt ab: „Der HSV duldet unabhängig von der betroffenen Hierarchieebene kein Fehlverhalten der hier in Rede stehenden Art und bekennt sich nachhaltig zu den in der Satzung niedergelegten Werten der Toleranz und des Respekts und wendet sich gegen Diskriminierung jeder Art. Dem Aufsichtsrat war es wichtig, im vorliegenden Fall schnell und konsequent zu handeln. Der Schutz der Persönlichkeitsrechte der betroffenen Personen steht für den HSV – wie schon bisher – im Vordergrund.“

Grundsätzlich gilt: Bei der Aufklärung sexueller Gewalt müssen die Interessen der Opfer stets im Mittelpunkt stehen! Es ist deswegen vollkommen legitim, dass sie weder ihre Namen preisgeben noch eine öffentliche Diskussion über ihr Erleben führen wollen. Und es ist gut, dass der HSV-Aufsichtsrat versucht hat, das zu respektieren. Bitter ist, dass Stefan Kuntz mit seinem Instagram-Statement trotzdem die mediale Berichtserstattung angeheizt und damit den HSV zu einer weiteren Stellungnahme gezwungen hat. Das war vollkommen unnötig und selbst aus Kuntz‘-Sicht richtig unklug: Denn seine Anwälte hätten auch ohne sein Statement gegen die entsprechende Berichtserstattung vorgehen können – sogar noch besser, denn dadurch das Kuntz sich selbst öffentlich eingelassen hat, hat er die Berichtserstattung ungewollt weiter legitimiert.

Das öffentliche Interesse gab es aber natürlich auch vorher schon. Denn Stefan Kuntz ist als ehemaliger HSV-Sportvorstand natürlich eine Person des öffentlichen Lebens. Und es ist wichtig, dass transparent wird, sollte so jemand seine sportliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Macht missbrauchen. Die anonymisierte Berichtserstattung war darum vertretbar, auch wenn es – gerade im Sinne der Opfer – besser gewesen wäre, wenn sie am Ende eines Ermittlungs- oder Complianceverfahrens gestanden hätte.

Nichtsdestoweniger hat der HSV-Aufsichtsrat hier mustergültig gehandelt: Er hat die Vorwürfe umgehend ernst genommen, eine unabhängige Prüfung eingeleitet und die Trennung durchgesetzt, sobald die Vorwürfe glaubhaft waren. Trotzdem zeigt der Fall auch, dass es auch beim HSV offenbar noch immer patriarchale Machtstrukturen gibt, in denen Männer zu Tätern werden können. Der HSV-Aufsichtsrat sollte gemeinsam mit den Frauen, die sich an ihn gewandt haben, darum weiter daran arbeiten, diese Strukturen zu verbessern – und die eventuellen Erkenntnisse mit der ganzen Branche teilen.

Denn ein Einzelfall ist das wahrscheinlich leider nicht.

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Von admin