Kopfball Garcia, Tor. Gonzalo Garcia jubelt kurz. Innenverteidiger Raul Asencio holt währenddessen den Ball aus dem Netz und bringt ihn so schnell es geht zum Mittelkreis. Real Madrid, das zeigt diese Szene, stand im ersten Spiel nach der Trennung von Xabi Alonso schon wieder mächtig unter Druck. Bis zum Ende der regulären Spielzeit lagen die einstigen Galaktischen im Achtelfinale der Copa del Rey, dem spanischen Pokalwettbewerb, gegen Zweitligist Albacete Balompié mit 1:2 zurück. Dann aber fiel der Ausgleich durch Garcia in der Nachspielzeit. Und sofort sah es wieder so aus als würde das Drama aus Sicht von Real Madrid beziehungsweise das Wunder aus Sicht von Albacete, die am Wochenende übrigens noch 0:0 in der Liga gespielt hatten, gegen die zweite Mannschaft (!) von Real Sociedad wohlbemerkt und in La Liga 2 gerade Mal auf Platz 17 von 20 liegen, ausbleiben. Als würde Real Madrid vielleicht sogar noch in der Nachspielzeit das Spiel drehen. Oder aber spätestens in der Verlängerung den ermüdeten Zweitligisten schlagen.

Und es fiel auch tatsächlich noch ein Tor. Nur halt für Albacete Balompié. Ein krummes Ding von Doppeltorschütze Jefté nur zwei Minuten später und immer noch in der Nachspielzeit der regulären Spielzeit versetzten ganz Madrid in eine Schockstarre.

Spiel eins nach Xabi Alonso hatte Real gründlich in den Sand gesetzt. Dessen Nachfolger war die Enttäuschung beim Schlusspfiff ins Gesicht geschrieben. Mit hängendem Kopf trabte Alvaro Arbeloa über den Platz und dachte sicherlich auch darüber nach, wie er diese Blamage erklären sollte. Doch so recht wollten die Erläuterungen dann doch nicht zusammenpassen. „Ich bin verantwortlich, weil ich die Entscheidungen getroffen habe, die Wechsel vorgenommen habe“, sagte er zunächst selbstkritisch. Gleich sechs Spieler hatte Arbeloa im Vergleich zum 2:3 in der Supercopa gegen Barcelona ausgetauscht. Unter anderem begann auf der Rechtsverteidigerposition David Jimenez (21) und in der Schaltzentrale im Mittelfeld Jorge Cestero (19). Zwei Spieler aus der zweiten Mannschaft, die Arbeloa zuletzt trainierte und die nur spärliche Erfahrung bei den Profis vorzuweisen hatten. Doch eine B-Mannschaft hatte Arbeloa, der neben Real Madrid unter anderem auch für den FC Liverpool spielte, mitnichten nominiert. Vinicius Junior begann ebenso wie Arda Güler und Frederico Valverde, Neuzugang Fernando Mastantuone spielte, Dean Huijsen auch, David Alaba und Eduardo Camavinga wurden immerhin eingewechselt. Im Tor spielte Andriy Lunin, eigentlich Ersatztorwart, ja, doch der hat Thibor Courtouis auch schon sehr oft vertreten. Auch Torschütze Garcia kommt diese Saison schon auf wettbewerbsübergreifend 21 Einsätze, genauso Verteidiger Asencio, auch Linksverteidiger Fran Gracia ist auf seiner Position als Back-up etabliert und fester Bestandteil des Profikaders von Real Madrid. Kurzum: Auch in dieser Formation hätte Arbeolas Mannschaft das Spiel eigentlich gewinnen sollen.

Woran lag es also wirklich? Die Königlichen wirkten defensiv anfällig und vorne uninspiriert, auch das 1:1 von Franco Mastantuono fiel nach einem Eckball. „Ich war überzeugt, dass die Aufstellung richtig war, und bin es immer noch“, sagte Arbeloa. „Ich würde wieder genauso entscheiden.“ Von der viel diskutierten mangelnden Einstellung der Real-Equipe aus den vergangenen Wochen hatte Arbeloa auch nichts bemerkt, demonstrativ stellte sich der 42-Jährige hinter seine Mannschaft. „Ich habe Spieler gesehen, die gewinnen wollten, sich angestrengt haben, und ich kann ihnen in Bezug auf ihre Einstellung nichts vorwerfen“, sagte er. Dass Arbeloa zum einen seine eigenen Wechsel kritisierte und sie dann doch verteidigte, wirkte ziemlich widersprüchlich.

Die Konfliktlinie bei Real Madrid scheint also tiefer zu gehen. Vinicius Junior, der wohl größte Kritiker Xabi Alsonsos, stand gestern – wie erwähnt – in der Startelf und spielte durch. Vom Potenzial her wohl der einer der besten Spieler der Welt, trotzdem konnte auch er das Scheitern gestern nicht verhindern, blieb unauffäliig. Dennoch hatte Arbeloa lobende Worte für den Hochsensiblen übrig. „Es war positiv zu sehen, wie er sich angestrengt hat, dass er hier sein wollte, seine Minuten spielen und sich nicht verstecken wollte. Das ist der Vinicius, den ich sehen will“, sagte der neue Real-Coach. Auch insgesamt könne er den Spielern nur „für ihre Anstrengungen danken und versuchen, ihre Stimmung wieder zu heben“. Für Arbeloa bleibt zu hoffen, dass seine Spieler umgekehrt genau so denken.

Denn wie lange der Neu-Coach überhaupt an der Seitenlinie stehen wird, ist unklar. Von Real Madrid gibt es dazu keine klare Aussage. Die spanische Sportzeitschrif AS sprach jedenfalls von einem „Desaster jener Art, das in die Geschichte eingehen wird“. Auch Arbeloa weiß, dass er schon nach seinem ersten Spiel direkt wieder um seine Zukunft auf der königlichen Bank kämpfen muss: „In diesem Verein ist schon ein Unentschieden eine Tragödie, stellen Sie sich erst eine Niederlage wie diese vor“, sagte der Weltmeister von 2010. Aber Fakt ist auch: Wenn eine Mannschaft, wie Arbeloa sie vorgestern nominierte, gegen den Zweitligasiebzehnten im Pokal ausscheidet, dann ist das Problem bei Real Madrid sicher nicht (nur) der Trainer. Dann stimmt die Ausgewogenheit des Kaders nicht. Dann stimmt vor allem auch die Teamchemie nicht. Und dann ist auch der ewige Vereinspatron Florentino Perez nicht als Trainerscout gefordert, sondern eher als Kaderplaner-Kaderplaner.

Bei Albacete Balompié interessiert sie das freillich (und völlig zurecht) wenig. Der Klub dessen bekanntester Sohn wohl Fernando Morientes ist, feierte am Mittwoch einen der größten und schönsten Abende seiner Vereinsgeschichte. Aber die Party war auch schnell wieder vorbei. Übermorgen, also am Sonntag, heißt die Realität wieder Abstiegskampf, wenn Aufstiegsaspirant FC Cadiz in Kastilien-La Mancha antritt.

Real Madrid hat da gerade ganz andere Probleme.

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Von admin