Zeit für eine neue Serie auf FanLeben.de: Ex-Profis im Amateurfußball! Denn Anfang machte hier Mehmet Ekici. Es folgten Marcel Halstenberg, Julian Schieber, Ibrahima Traore und Kevin Großkreutz, während Ömer Toprak den umgekehrten Weg ging. Heute geht es weiter – im tiefsten Bayern.

Die A-Klasse Zugspitze 8 ist seit ein paar Monaten um die Erfahrung von zwei A-Länderspielen reicher. Denn seit Beginn dieser Saison ist Andreas Görlitz neuer Trainer beim TSV Rott-Lech, einem Klub, knapp 60 Kilometer südwestlich vom Stadtzentrum Münchens gelegen. Der frühere Rechtsverteidiger trug aber vor seiner Rückkehr in den Amateurfußball nicht nur zweimal den Adler auf der Brust, sondern absolvierte für den TSV 1860 München, den FC Bayern und den Karlsruher SC insgesamt 104 Bundesliga-Spiele. Mit dem FCB gewann der gebürtige Oberbayer sogar einmal die Deutsche Meisterschaft und zweimal den DFB-Pokal. Vier Einsätze in der Champions League runden seine Profilaufbahn, die er bei den San José Earthquakes in den USA ausklingen lies, ab.

Kleiner Funfact: Weil Görlitz, der schon neben seiner Fußballkarriere auch als Musiker arbeitete und seitdem in verschiedenen Bands spielte, eine Band hatte, deren Name auf die Zahl 77 endete, lief er beim KSC mit der Rückennummer 77 – der höchsten jemals in der Bundesliga eingesetzten Trikotnummer. Womöglich ein Rekord für die Ewigkeit. Denn Nummern über 40 dürfen seit der Saison 2020/11, also seit 15 Jahren, eigentlich nicht mehr vergeben werden, außer mehr als 40 Spieler gehören zudem Kader, dann aber sind die Nummern fortlaufend zu vergeben – und 77 Profis hat wohl kaum ein Bundesligist unter Vertrag.

Beim TSV Rott-Lech begann Görlitz als Kind mit dem Fußballspielen. Jetzt kehrt er als ehrenamtlicher Kreisliga-Trainer zurück. Ein Glücksfall, findet der Verein: „Das wird der Mannschaft einen riesigen Schub geben, die Jungs sind alle begeistert, von einem so hochkarätigen früheren Spieler trainiert zu werden“, sagt Abteilungsleiter Michael Welzmiller. Und Görlitz bringt noch viel Profi-Ergeiz mit zurück in den Amateurfußball. Er kündigte nämlich gleich zu Beginn seines Engagements an, dass erst mal konditionelle Grundlagen geschaffen werden müssten. Da der 43-Jährige einst auch unter Felix Magath spielte, könnte es manchem Zehntliga-Kicker womöglich blass um die Nase werden. Doch Görlitz beruhigte: „Das wird aber hauptsächlich auf dem Platz und in Spielformen passieren.“ Es lief damit jedenfalls ganz gut: Aktuell liegt Görlitz‘ Mannschaft nämlich immerhin auf Rang drei.

Doch nicht nur beim heimischen Dorfverein engagiert Görlitz sich. Neben Fußball- und Musikkarriere strebt er nämlich noch ein drittes Standbein an: Die Politik. Konkret will Görlitz Gemeinderat werden und tritt bei der Wahl im März an. Wie es dazu kam? „Das ist eine ganz lustige Geschichte“, verrät Görlitz. „Ein aktueller Gemeinderat hat sich nach Kandidaten umgeschaut und meine Frau angesprochen. Ich kenne den ganz gut, er dachte wohl, dass er mich gar nicht erst fragen braucht. Aber ich bin so auf die Idee gekommen, mich aufstellen zu lassen, um für unseren Ort aktiv Ideen einzubringen.“

Görlitz‘ Ziele? „Wir haben eine super Schule bei uns um Ort, ich will mich dafür einsetzen, dass der Standort erhalten bleibt. In unserem Dorf gibt es viele Vereine, die Unterstützung brauchen. Und natürlich, ganz großes Thema: Möglichkeiten für die Jugend. Das geht bei Spielplätzen für die Kleinen los, da können wir uns auf jeden Fall verbessern. Und auch im Ortskern wäre es schön, wenn es dort wieder Treffpunkte für alle geben würde. Eine Gemeinde hat aber natürlich ein begrenztes Budget.“

Dabei tritt der Ex-Profi übrigens für keine etablierte Partei an, sondern für eine lokale Wählergemeinschaft, die „Dorfgemeinschaft Rott“. Was es mit der auf sich hat, erklärt Görlitz so: „Ich würde sagen Mitte links. Aber bei uns im Dorf spielt das keine große Rolle, da gibt es zwei Listen, die je 12 Kandidaten zur Wahl stellen. Allen geht es aber hoffentlich um das Wohl der Gemeinde.“ Das sei auch deswegen wichtig, weil bundesweit der Druck auf Kommunalpolitiker*innen und auch Anfeindungen gegen sie zunehmen: „Ich persönlich habe keine Angst, aber es ist schlimm, wenn die Entwicklung so weit geht. Bei uns gibt es zum Glück einige Personen, die sich der Verantwortung stellen. Was man nicht vergessen darf: Die Leute opfern ja ihre Freizeit, das ist ein Ehrenamt. Ich kann daher schon nachvollziehen, dass zum Beispiel ein Bürgermeister sagt, das wird mir zu viel. Ich bin einiges gewohnt – ich bin schließlich von 60 zu Bayern gewechselt.“

Apropos Fußball: Was hilft von dem eigentlich in der Politik? „Der Teamgedanke. In einer Mannschaft wird auch mal gestritten, aber man muss Klartext reden und darf nichts unter den Teppich kehren. Es muss demokratische Entscheidungen geben, um die Wünsche unter einen Hut zu bringen. Und ich will meine Erfahrungen einbringen, die ich während meiner Laufbahn sammeln durfte.“

Andreas Görlitz hat seit Jahren einen vollen Trophäenschrank. Aber noch wichtiger scheint: Der Mann ist angekommen.

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Von admin