Pascal Kaiser ist es gewohnt, zumindest auch im Mittelpunkt zu stehen. Denn Kaiser ist Fußball-Schiedsrichter, im Amateurbereich. Damit sind jedes Wochenende nicht nur die Augen von 22 Spieler*innen auf den jungen Mann gerichtet, sondern auch die kritischen Blicke einiger Fans auf den Sportanlagen und in den Stadien. Gerade im Amateurbereich, wo die Wege kurz sind, bekommen Schiedsrichter*innen oft das direktes Feedback – und das fällt nicht immer freundlich aus.
An diesem Wochenende aber gab es für Pascal Kaiser lauten Jubel. Denn der Fußball-Bundesligist 1. FC Köln, dessen Fan Kaiser ist, hat ihm im Rahmen des Diversity-Spieltags einen ganz besonderen Moment verschafft. Er durfte seinem langjährigen Partner Moritz vor dem Anpfiff der Partie gegen den VfL Wolfsburg über das Stadionmikro einen Heiratsantrag machen. Der Heiratsantrag klappte, das 1:0 des Effzeh wurde da fast schon zur Nebensache.
Aber wie kam es überhaupt zu diesem besonderen Moment? Kaiser erinnert sich: Sein Verlobter Moritz habe sich einen großen Heiratsantrag gewünscht, wie er gegenüber dem Tagesspiegel erklärte: „Angefangen hat alles damit, dass mein Partner einmal sagte: Wenn du mir irgendwann einen Antrag machst, dann bitte einen großen. Ich habe lange darüber nachgedacht, was ´groß´ eigentlich bedeutet – und wie man das umsetzen kann. Als ich dann im Sommer im Podcast des 1. FC Köln zu Gast war, kam plötzlich das Angebot: Warum den Antrag nicht im Stadion machen? Da war mir klar: Das ist die perfekte Gelegenheit!“ Und weiter: „Mir war klar: Wenn ich das mache, dann ist das ein Statement – und ich erreiche viele Menschen. Vielleicht gibt es manchen sogar einen kleinen Tritt in den Hintern, um zu zeigen: Natürlich gehört das alles zum Fußball.“ Beim Antrag selbst habe er dann alles gleichzeitig gefühlt: Angst, Stolz und pure Glücksgefühle, so Kaiser überglücklich.
Auf die Aktion blickt er darum auch zufrieden zurück: „Ich möchte mich nicht verstecken, sichtbar sein. Nicht laut, provokant, sondern ehrlich. Ich will, dass jeder sieht, dass ich diesen Menschen liebe. Einen Mann, als Mann, im Fußball“, sagte Pascal Kaiser, der als Unparteiischer bis in die Landesliga pfeift und nach seinem Coming Out 2022 einer der wenigen sichtbar queeren Menschen im deutschen Fußball ist.
Diese Rolle einzunehmen ist dabei aber eben nicht immer leicht, nicht immer so strahlend wie am Freitag, wie der Schiedsrichter weiter verrät. Zu seinem Coming-Out vor knapp vier Jahren sagte er: „Mein Outing war eines der mutigsten, aber auch eines der befreiendsten Dinge, die ich je getan habe. Plötzlich fiel diese ständige innere Anspannung ab, dieses doppelte Leben, das so viele queere Menschen führen, gerade im Fußball. Ich konnte endlich sagen: Das bin ich. Gleichzeitig war es, als hätte ich ein Licht angemacht – und auf einmal wurde sichtbar, wie viel Staub noch in den Ecken liegt. Ich wurde mit enormem Zuspruch, aber auch mit enormem Hass konfrontiert. Ich bekam Nachrichten von Jugendlichen, die sagten: ‚Danke, jetzt traue ich mich auch.‘ Aber auch Morddrohungen, Beleidigungen und Herabwürdigungen. Diese Diskrepanz zeigt, wie sehr wir Sichtbarkeit brauchen – aber auch, wie weit wir noch von echter Akzeptanz entfernt sind.“
Der Scheinwerfer strahlt auf den Schiedsrichter. Und das Licht auf Kaiser dürfte nach seinem Heiratsantrag noch stärker scheinen – für Sichtbarkeit für die Community hat der Fußball-Liebhaber definitiv gesorgt und trägt ein Stück weit mehr dazu bei, die Zugehörigkeit zur LGBTQIA-Community auch im Profisport zu normalisieren.
Auch darüber hinaus stand der Freitagabend in Müngersdorf übrigens im Zeichen von Diversität. Die vier Stadionpfosten erstrahlten in Regenbogenfarben, der FC lief in einem Sondertrikot auf, die Spieler wurden beim Einlaufen von Personen aus den FC-Stiftungsprojekten begleitet. Man wolle mit den Aktionen „wichtige Zeichen für Vielfalt im Sport und in der Gesellschaft setzen“, sagte FC-Geschäftsführer Philipp Türoff. Denn das bleibt – unbestritten – weiter wichtig.
