Zu seinem 100. Bundesliga-Spiel im BVB-Trikot schenkte sich Nico Schlotterbeck selbst, aber vor allem auch der Liga insgesamt eine Kampfansage: „Ich habe irgendwann mal gehört: Wenn man die Bayern kitzelt, dann kommen sie“, so der Innenverteidiger nach der Partie gegen den 1. FC Heidenheim. Nur um direkt nachzulegen: „Sie kommen zu uns. Ich glaube, man muss als BVB langsam auch mal den Anspruch haben zu sagen: Wir wollen Meister werden!“

Das Timing für die Kampfansage ist dabei wohl nicht nur wegen seines Dortmund-Jubiläums gewählt. Der FC Bayern hat zuletzt gegen den FC Augsburg verloren und gegen den Hamburger SV nur unentschieden gespielt. Die Folge: Borussia Dortmund ist wieder bis auf sechs Punkte an die Bayern rangerückt – noch vor dem direkten Duell im Signal-Iduna-Park, bei dem der BVB dann sogar auf drei Punkte aufschließen könnte. Klar ist: Um am Rekordmeister vorbeizuziehen, braucht Dortmund neben dem Sieg beim Gipfeltreffen noch mindestens zwei weitere Bayern-Wackler. Denn bei Punktgleichheit würden, das zeichnet sich schon jetzt ab, wohl die Münchener erneut Meister, denn ihre Tordifferenz ist einfach viel zu gut.

Und dennoch: Die Sehnsucht nach einem spannenden Titelkampf ist natürlich riesengroß. Selbst in Gelsenkirchen wäre man wohl nicht abgeneigt, all die Experten, die dem Meisterrennen der Bundesliga auf Jahrzehnte gähnende und nicht zu unterbrechende Langeweile prognostizieren wollen, Lügen strafen zu können. Komplizierter Satz. Heißt soviel: Es gibt in Fußball-Deutschland eine Mehrheit für ein spannendes Titelrennen. Und selbst in München würden wohl mehr Fans, nämlich alle 60er, dem BVB bei seiner Aufholjagd die Daumen drücken, als dem FC Bayern beim abwehren der Konkurrenz.

Aber verrennen wir uns da nicht gerade? Oder gibt es wirklich eine Chance, dass der BVB dieses Jahr noch deutscher Meister wird?

Einerseits sah es in Heidenheim nicht wirklich danach aus. Beim 3:2-Sieg gegen Heidenheim profitierte die Mannschaft von Niko Kovac auch davon, dass die Gäste von der Ostalb in der Nachspielzeit zwei Hochkaräter zum Ausgleich ausließen und schon zuvor beim Stand von 2:1 aus FCH-Sicht in Person von Marvin Pieringer das sichere Tor zum 3:1 liegenließen. So entschied ein Doppelschlag von Serhou Guirassy, darunter ein Elfmeter, die Partie. Einen zweiten Elfmeter vergab der Gabuner sogar noch, weswegen der BVB am Ende, wie gesagt, lange zittern musste.

Sportlich überragend war der BVB-Sieg also keineswegs – im Gegenteil: Fußballerisch war die Darbietung der schwarz-gelben wieder einmal ausbaufähig. Der BVB sorgte besonders vor der Pause weitgehend nur nach Ecken für Gefahr und tat sich aus dem Spiel heraus schwer. Das sieht selbst Nico Schlotterbeck so: „Wir haben jetzt heute ein bisschen glücklich gewonnen, ist mir aber auch scheißegal. Wir haben gewonnen.“

Und das ist der Punkt: 13 Bundesligaspiele in Serie ist der BVB nun ungeschlagen. Er hat in dieser Saison aber auch mehrfach Spiele gewonnen, die er in den letzten Jahren nicht für sich entschieden hätte – das Spiel gegen Heidenheim zum Spiel. Oder das Hinrunden-Duell gegen den 1. FC Köln. Selbst die beiden 3:0-Siege gegen Union Berlin fühlten sich über weite Strecken wie Spiele an, bei denen das Borussia Dortmund vergangener Jahre durchaus Punkte hätte liegen lassen können. Kurzum: Die Mannschaft ist unter Nico Kovac spürbar reifer geworden. Wenn man sich an die Fast-Meisterschaft 2023 zurückerinnert, bei der der BVB am letzten Spieltag nicht gegen Mainz 05 gewinnen konnte und damit den Titel trotz Zwei-Punkte-Vorsprungs noch aus der Hand gab, könnte dies in der Tat das entscheidende Kriterium im weiteren Saisonverlauf werden. Zumindest aus BVB-Sicht.

Dafür spricht auch eine Szene aus dem Heiden-Spiel. Vor den beiden Elfmetern hatte sich jeweils zunächst jedoch Schlotterbeck den Ball geschnappt – und dann an Guirassy abgegeben. Zu schießen habe er nicht vorgehabt, verrät der 23-fache Nationalspieler Schlotterbeck: „Das Problem im Fußball ist mittlerweile, dass sie irgendwann den Schützen verunsichern wollen“. Also habe er versucht, den Druck auf sich zu nehmen, damit sein Teamkollege sich unbemerkt in Ruhe auf die Ausführung vorbereiten konnte. Hat zwar nur einmal geklappt, war aber trotzdem clever.

Eine Meisterfeier auf dem Borsigplatz wäre dabei vielleicht auch das entscheidende Argument für Nico Schlotterbeck, um seinen Vertrag mit Borussia Dortmund noch über das Jahr 2027 hinaus zu verlängern. Denn dann hätten er und der BVB sich gegenseitig bewiesen, dass sie miteinander Titel gewinnen können. Was spräche dann noch dagegen, Vereinslegende bei den Dortmundern zu werden?

Klingt alles zu schön, um wahr zu werden?

Es gibt ja auch noch die Bayern-Sicht. Und die geht so: Der FC Bayern hat die beste Mannschaft der Liga und diese Saison immer wieder bewiesen, dass sie jedes Bundesliga-Spiel deutlich gewinnen können. Niederlagen sind Systemfehler und es spricht alles dagegen, dass sie in dieser Saison noch zum Dauerzustand werden könnten. An der Säbener Straße ist die Vorbereitung auf den Champions-League-Titel gerade realistischer als die Vorbereitung auf Platz zwei in der Bundesliga. Argumente: Harry Kane, Luis Diaz, Michael Olise.

Außerdem ist der BVB zwar cleverer geworden, aber trotzdem immer noch nicht so konstant wie die Bayern. Gegen St. Pauli in der Hinrunde, gegen Leipzig oder den HSV – unterm Strich hat die Kovac-Elf trotz ihrer Ergebnis-Entwicklung deutlich mehr unnötige Punktverluste zu verzeichnen als der Rekordmeister. Ein Frühjahrs-Down bei den Bayern ist nicht ungewöhnlich. Ein rechtzeitiges Comeback zu Topleistungen aber noch weniger.

In vier Woche treffen der BVB und die Bayern in Dortmund aufeinander. Borussia Dortmund muss es schaffen, bis dahin schlechtesten Falls den 6-Punkte-Rückstand zu halten, dann wäre doch noch wirklich alles möglich.

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Von admin