Der 60. Super Bowl ist gespielt. Die Seattle Seahawks sichern sich den wohl reichweitenstärksten Sporttitel, den eine Vereinsmannschaft nur gewinnen kann. Doch zum Sport kommen wir erst gleich. Beginnen wir vorher mit etwas anderem: Denn beim Super Bowl steht seit jeher nicht nur der Sport im Mittelpunkt. Die Halbzeitshow ist ebenso legendärer Bestandteil der Veranstaltung. Und die NFL nutzte das künstlerische Rahmenprogramm, das heute Nacht sogar noch um eine Pre-Game-Show erweitert wurde, für ein eindeutiges politisches Statement. Das hat auch der Adressat bemerkt: Donald Trump. Und der war gar nicht begeistert. Der Reihe nach.
Mit der Pre-Game-Show eröffnete die Rockband Green Day den Abend. Allein das ist ein Statement. Denn in den letzten Jahren sind Green Day vor allem durch ihre lautstarke Kritik dan Trump aufgefallen. Schon während dessen ersten Präsidentschaftswahlkampfs 2016 hatten sie bei einem Auftritt bei den American Music Awards die Worte „No Trump, no KKK, no fascist USA“ skandiert und damit der noch jungen Anti-Trump-Bewegung zu einem ihrer einprägsamsten Slogans verholfen. Naheliegenderweise war Donald Trump auch von ihrer Nominierung für die Halftime-Show nicht begeistert: „Ich bin gegen sie“, lies er wissen. „Ich halte das für eine schreckliche Entscheidung. Das schürt nur Hass. Schrecklich.“ Ach so.
Bereits am Vorabend des Superbowls waren Green Day dann auch schon im Pier 29, einem Club in San Francisco, aufgetreten – unter anderem vor dem Demokratischen Gouverneur Gavin Newsom, der das Konzert symbolisch besuchte. Während des Auftritts richtete der Sänger der Band, Billie Joe Armstrong, sich unter anderem mit den Worten an das Publikum: „An all die ICE-Agenten da draußen, egal wo ihr seid – kündigt euren beschissenen Job. Kündigt diesen Scheißjob, den ihr habt. Denn wenn das hier vorbei ist – und es wird irgendwann vorbei sein – werden Kristi Noem, Stephen Miller, JD Vance, Donald Trump euch fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Kommt rüber auf diese Seite der Linie.“
Ihre Show bei der Superbowl-Eröffnung dauerte etwa fünf Minuten, in dieser Zeit spielten sie ein Medley aus ihren Songs Holiday, Boulevard of Broken Dreams und American Idiot. Letzterer beginnt mit den Zeilen „Don’t wanna be an American idiot / Don’t want a nation under the new mania / And can you hear the sound of hysteria? / The subliminal mindfuck America.“ Im Original waren diese – der Song erschien 2004 – auf die Präsidentschaft von George W. Bush gerichtet; zuletzt wurde das Lied unter anderem dadurch auf Donald Trump umgemünzt, dass Billie Joe Armstrong statt „the subliminal mindfuck America“ nunmehr „the subliminal Trump America“ sang; und weiter hieß es statt „I’m not a part of a Redneck agenda“ jetzt „I’m not a part of the Trump agenda„. Beide Neufassungen durften Green Day dann am Sonntag allerdings nicht spielen, offenbar wurden sie von den übertragenden TV-Anstalten zensiert.
Auch Bad Bunny durfte – wie es in Amerika bei Fernsehübertragungen üblich ist – keine politischen Statements skandieren, obwohl der Star des späteren Halbzeitshow ebenso ein bekannter Trump-Kritiker ist wie Green Day. Doch Bad Bunny musste auch gar nicht explizit etwas sagen, die Bilder, die er mit seinem Auftritt setzte, waren ausdrucksvoll genug. So lies er nach dem Ende des zweiten Viertels des Spiels das Stadion in eine karibische Landschaft verwandeln. Es wurden Palmen aufgestellt, an denen sich Plantagenarbeiter zu schaffen machten, zwischen den Palmen waren lauter kleine Hütten errichtet, aus denen heraus Getränke ausgeschenkt wurden, ganz am Anfang sprach ein Mann auf Spanisch in die Kamera: „Es ist großartig, ein Latino zu sein. Heute Nacht trinken wir.“ Bad Bunny tanzte durch die Menge hindurch und sang sein Lied En Casita, dieses handelt von eben solchen farbenfrohen puertoricanischen Hütten. Eine davon, ein pastellener Flachbau, diente ihm schon im vergangenen Oktober bei den 30 Konzerten in seinem Heimatland als Kulisse und als Ort der Begegnung, er lud bei seinen Auftritten wechselnde Gäste dorthin ein – seither ist die pastellene Hütte von seinen Fans vielfach nachgebaut worden, sie hat sich zu einem Symbol der puertoricanischen und allgemein lateinamerikanischen Diaspora entwickelt. Heute Nacht traf er in dieser Hütte einen weiteren Weltstar: Lady Gaga, die mit ihren Solidaritätsbekundungen für queere Menschen ebenfalls eine erklärte Widersacherin der MAGA-Bewegung ist. Diese sang zunächst zur Begleitung eines Rumba-Orchesters ihr Lied Die With a Smile, im Original ein Duett mit Bruno Mars, um danach mit Bad Bunny dessen Lied Baile Inolvidable anzustimmen.
Anschließend wurde es dann sogar noch expliziter: In der nächsten Szene sah man eine Familie mit einem kleinen Jungen vor einem Fernseher sitzen, welche die Verleihung der Grammys an Bad Bunny verfolgte. Der Künstler tauchte daraufhin bei der Familie auf, um seinen Grammy-Pokal, an den Jungen zu überreichen. Dabei stand der Junge unübersehbar für den Fünfjährigen Liam Conejo Ramos, der im Januar mit seinem Vater von den ICE-Leuten in Minneapolis gefangengenommen wurde, eine Maßnahme, die allgemein und vollkommen zurecht weltweit für Entsetzen sorgte. Gerade erst vor einer Woche ist der Junge aus dem „Detention Center“ wieder entlassen worden.
Abschließend gab es noch einen Gastauftritt von Ricky Martin, den Bad Bunny als sein größtes Vorbild bezeichnet. Er saß auf einem weißen Plastikstuhl, wie man ihn auch auf dem Cover des aktuellen Bad-Bunny-Albums DeBÍ TiRAR MáS FOToS sieht, und sang dessen Lied Lo Que Le Pasó a Hawaii, das sich gegen die Kolonialisierung im Allgemeinen und gegen jene von Puerto Rico im Besonderen wendet. „Sie wollen mir meinen Fluss und auch meinen Strand wegnehmen“, heißt es darin, und weiter: „Ich will nicht, dass sie mit dir machen, was sie mit Hawaii gemacht haben.“
Auch an Bad Bunny fand Trump deswegen – wenig überraschend – keinen Gefallen. Dieser sei eine „schreckliche Wahl“ und in Wirklichkeit „nicht populär genug“. Bad Bunnys zig Millionen Fans sprechen da eine ganz andere Sprache. Übrigens: Auch bei der Auswahl der Sängerin, die vor dem Superbowl die patriotische Hymne „America the beautiful“ singen durfte, setzte die NFL bereits ein Zeichen. Denn die Wahl fiel auf Brandi Carlile. Carile lebt mit ihrer Ehefrau und den zwei gemeinsamen Kindern in Florida. Als dort ein „Dont say Gay“-Gesetz für Schulen vom Trump-nahen Gouvenor Ron DeSantis verabschiedet wurde, kündigte sie an, ab sofort zu jedem Elternabend zu gehen und laut „Gay“ zu rufen. Vielfalt, so ihre Botschaft, lasse sich nicht länger verbieten.
Trump selbst, der letztes Jahr noch als erster US-Präsident jemals den Super Bowl besucht hatte, blieb der Veranstaltung in diesem Jahr dann erwartungsgemäß wieder fern. Wohl auch, weil er fürchten musste, in der demokratischen Hochburg Santa Clara vom Publikum ausgebuht zu werden. Er verfolgte das Event aber wohl dennoch – denn auf seinen social Media Kanälen postete er durchgängig ablehende Kommentare gegen die auftretenden Künstler*innen.
Damit aber wiederum lieferte er Gouvenor Newsom eine Vorlage. Denn der parodierte Trumps Posting-Stil für einen eigenen Instagram-Post, in dem es hieß: „WIE VIELE MENSCHEN WISSEN, BIN ICH EIN GROSSER LIEBHABER DES ‚SPANISCHEN‘. ES IST EINE WUNDERSCHÖNE SPRACHE, DIE VON VIELEN WUNDERSCHÖNEN MENSCHEN IM GROSSARTIGEN BUNDESSTAAT KALIFORNIEN UND AUF DER GANZEN WELT GESPROCHEN WIRD. ICH BIN AUCH EIN GROSSER FAN VON PUERRRRRRRTO RICO. DESHALB ERKLÄRE ICH MORGEN IN KALIFORNIEN DEN ‚BAD-BUNNY-TAG‘.“ Und schließlich: „WIR LIEBEN BAD BUNNY! ER IST FAST SO ‚HEISS‘ WIE ICH, WAS EIN GROSSES KOMPLIMENT IST, DENN ES GIBT NIEMANDEN, DER ‚HEISSER‘ IST. FROHEN BAD BUNNY TAG, AMERIKA. VIEL SPASS!!!“ Natürlich in Allcaps.
Kommen wir zum Sport: Auf dem Feld dominierte die Defensive der Seahawks das Spiel nach Belieben. Der Patriots-Angriff um Spektakel-Spielmacher Drake Maye (23) bekam keinen Fuß auf den Boden. Insgesamt muss der junge Quarterback 7 Sacks schlucken, wird gedemütigt. Doch auch die Seahakws-Offensive tat sich lange schwer. Den ersten Touchdown gab es so erst am Anfang des 4. Viertel: Sam Darnold (28) findet A. J. Barner, entscheidet so quasi das Spiel. Die Bühne gehörte aber vor allem den Abwehr-Recken und damit vor allem Seattle-Runningback Kenneth Walker. Der ist lange der einzige Offensiv-Lichtblick in der Partie, ist an den meisten guten Aktionen seines Teams beteiligt und wird am Ende auch MVP des Spiels.
Aus deutscher Sicht, wo Fußball – nun ja – etwas populärer als Football ist, stellt man sich nach diesem Abend aber vor allem eine Frage: Wenn es selbst die NFL, die dem Trump-Regime als amerikanisches Unternehmen ja unmittelbar ausgesetzt ist, es schafft, Trump engagiert entgegen zu treten – wieso in aller Welt kriegt die FIFA das dann nicht hin?
