Er ist einer der besten Verteidiger der Welt, spielt bei einer der besten Mannschaften der Welt, doch dann, über den Jahreswechsel, war Ronald Araujo plötzlich verschwunden. Jetzt ist er zurück und verrät den Grund seiner langen Ausfallzeit: Psychische Probleme. Transparent benennt er die Ursachen und was ihm geholfen hat. Depressionen sind kein Zeichen von Schwäche. Aber es ist verdammt stark, wie der Spieler so zum Vorbild wird.
„Ich wusste schon lange, dass es mir nicht gut ging – das ist die Wahrheit. Aus Gewohnheit macht man weiter, aber manchmal braucht man Hilfe. Ich litt anderthalb Jahre unter Angstzuständen, die sich zu einer Depression entwickelten, und ich spielte trotzdem so weiter. Das hilft einem nicht“, sagte Ronald Araujo. Der Knackpunkt war sein Platzverweis in der ersten Hälfte des 0:3 in der Champions League bei Chelsea am 25. November 2025. „Auf dem Platz fühlst du dich nicht wie du selbst. Ich weiß, welches Niveau ich habe und was ich der Mannschaft geben kann. Und weil ich mich nicht wiederfand, wusste ich, dass etwas nicht stimmt. An diesem Tag wurde mir klar: Es reicht. Ich muss mit Experten und dem Klub sprechen, damit sie mir helfen.“ In der Folge erhielt der 26 Jahre alte Urugayer, der im Alter von 19 Jahren für 4,7 Mio. Euro vom uruguayischen Klub Boston River zu Barça wechselte, eine Auszeit.
„Ich bin jemand, der alles in sich hineinfrisst, aber irgendwann muss man verstehen, dass es Fachleute gibt, die einem Werkzeuge geben, um Situationen zu bewältigen. Ich musste die Hand heben und sagen, dass etwas mit mir los ist, damit ich wieder gesund werden kann“, so Araujo, der nach eigenen Angaben sowohl von seinen Teamkollegen als auch seinen Vorgesetzten im Verein unterstützt wurde. „Zuerst sprach ich mit Deco, weil er der Sportdirektor ist und uns nahesteht. Ich erklärte ihm, was mit mir los war. Er war zunächst überrascht, weil es nicht normal ist, dass ein Barça-Spieler so etwas sagt. Aber er hat großartig reagiert, sehr persönlich. Er kontaktierte umgehend den Präsidenten und den Trainer. Sie waren fantastisch.“ Das ist bemerkenswert, weil Barcelona zuletzt vor allem wegen eines fragwürdigen Umgangs mit seinen Spielern in der Kritik stand.
Barça-Trainer Hansi Flick ist seit dem 1. Juli 2024 im Verein. Die ersten sechs Monate unter seinem neuen Chef verpasste Araujo mit einer Oberschenkelverletzung, danach pendelte er als Kapitän zwischen Startelf und Ersatzbank. In dieser Saison kam er bis zu seiner Auszeit regelmäßiger zum Einsatz. Den 14. bis 19. LaLiga-Spieltag verpasste der Uruguayer und zählt seit dem 18. Januar wieder zum Spieltagskader. Beim 3:1-Sieg gegen Elche stand er in der Liga am 31. Januar erstmals wieder für sechs Minuten auf dem Platz und war drei Tage später beim 2:1 in Albacete als Kapitän Teil der Startelf. Über Flicks Reaktion sagte Araujo: „Er war betroffen von der Situation. Er kennt meine Qualitäten und sah, dass ich nicht auf meinem Niveau spielte. Er wusste, dass etwas nicht stimmte. Von Anfang an schickte er mir Nachrichten: Ich solle mir Zeit lassen, in Ruhe gesund werden – dass das Wichtigste sei, die Sache gut zu überwinden. Das gibt einem Ruhe, weil man weiß, dass Klub, Trainer und Mannschaft hinter einem stehen.“
Doch nicht nur der FC Barcelona stand hinter ihm, auch Spieler anderer Klubs meldeten sich: „Das hat mich überrascht. Spieler aus Italien, Deutschland. Einige sagten, sie seien durch das Gleiche gegangen, hätten es aber nie zugegeben – aus Angst, aus Druck wegen des Gehalts, wegen der Reaktionen des Umfelds. Sie sagten mir, ich solle mich dafür nicht schämen, dass mein Schritt mutig sei. Das gab mir sehr viel Kraft.“ Araujo sagt heute deswegen auch, dass er keine Angst vor einem Rückfall habe und dass er dank der Unterstützung von Fachleuten, vorbereitet sei. „Am Ende sind wir Menschen, nicht nur Fußballer. Geld ist nicht alles. Ruhm ist nicht alles. Auch wir leiden unter dem, was auf dem Platz passiert. Ja, wir sind privilegiert, aber wir haben trotzdem Gefühle. Ich danke den Fans, denn ich habe sehr viel Unterstützung gespürt, als ich meine Pause angekündigt habe. Das hilft.“
Der Fall zeigt, dass Depressionen jede*n treffen können – und dass daran auch nichts schlimmes ist. Menschen werden krank. Depressionen sind eine immense Belastung, aber etwas, dass man meistern kann, gerade mit der Unterstützung des eigenen Umfelds. Doch damit man die bekommt, ist es wichtig, zu wissen, dass man nicht allein ist und dass man sich für eine Depression wie für jede andere Krankheit dieser Welt nicht schämen braucht. Fußballer*innen wie Ronald Araujo sind Vorbilder. Sein offener Umgang mit der Erkrankung macht darum vielen Menschen Mut, gerade im Fußball. Dass er von allen Seiten Unterstützung erhalten hat, ist zudem eine starke Botschaft. Hoffen wir, dass überall alle Menschen möglichst die gleiche Erfahrung machen!
Depressionen sind eine ernstzunehmende Erkrankung. Dieser Text ersetzt keine professionelle Hilfe. Wenn Du Dich stark belastet fühlst oder Suizidgedanken hast, hole Dir bitte Unterstützung. Kostenfreie und anonyme Hilfe erhälst Du in Deutschland bei der TelefonSeelsorge (0800 111 0 111, 0800 111 0 222) oder über 112 in akuten Notlagen.
