Wenn iranische Fußballmannschaften gerade Fußball spielen, dann steht der Sport natürlich nicht wirklich im Mittelpunkt. Viel zu angespannt ist die politische Situation. Und dennoch tritt die iranische Frauennationalmannschaft aktuell bei der Asienmeisterschaft. Dass sie dort ihr erstes Spiel am Montagabend mit 0:3 gegen Südkorea verlor, interessierte jedoch viel weniger als die Botschaft, welche die Spielerinnen bereits vor dem Anpfiff in die Heimat sendeten.

Als die Nationalhymne des Landes abgespielt wurde, hatten sich alle Spielerinnen und der Trainerstab dazu entschieden, nicht mitzusingen. Damit widersetzten sie sich wohl auch offiziellen Anweisungen aus Teheran: Vom Regime hätte es vor ihrer Abreise die Anordnung gegeben, die Hymne mitzusingen, um das Regime nicht zu beschämen. Schweigen kann nämlich laut sein. Trainer Marziyeh Jafari und die Spielerinnen äußerten sich jedoch nicht weitergehend zu ihrem Protest – und auch nicht zu den Raketenangriffen, dem Tod des obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei und der grundsätzlichen Situation vor Ort. Ihr Schweigen sagte aber auch so genug.

Der Protest wurde dabei übrigens auch von den Fans auf der Tribüne mitgetragen. Es waren eine Vielzahl von iranischen Flaggen aus der Zeit vor der islamischen Revolution 1979 gezeicht. Im Vergleich zur aktuellen Variante sind ein goldener Löwe und ein Sonnenemblem zu sehen.

Frauenfußball hat dabei im Iran eine durchaus lange Tradition. Das erste Länderspiel fand beispielsweise schon im Jahr 1971 statt. Nach der Islamischen Revolution von 1979 erfuhr der Frauenfußball viele Veränderungen. Spielerinnen wurden gezwungen, einen vollständigen Hijab zu tragen, und männlichen Zuschauern wurde der Zutritt zum Frauenstadion verwehrt. Und die Nationalmannschaft musste ihren Spielbetrieb vollständig einstellen. Erst 2005 nahm die iranische Fußballnationalmannschaft der Frauen ihren Spielbetrieb wieder auf. Bei der Westasienmeisterschaft 2005 in Jordanien erreichten die iranischen Frauen bei ihrem ersten Anlauf in einem offiziellen Turnier auf Anhieb den zweiten Platz. Im Anschluss daran fand 2006 in Teheran das erste Fußballspiel der Iranischen Fußballnationalmannschaft der Frauen in einem heimischen Stadion seit der Revolution statt. Für Weltmeisterschaften oder die olympischen Spiele konnte man sich noch nicht qualifizieren, 2022 aber immerhin erstmals für eine Asienmeisterschaft.

Genauso wie in diesem Jahr. Heute Abend findet gegen Australien das zweite Gruppenspiel statt, bevor es übermorgen gegen die Philippinen geht. Bei der Hymne werden die Spielerinnen wieder schweigen – eine mutige Geste. Und ein klares Signal, das zeigt, welche gesellschaftliche Strahlkraft der Fußball noch immer organisieren kann und wie sie zum Guten genutzt werden kann.

Im Iran selbst darf derweil übrigens kein Fußball gespielt werden. Aufgrund einer 40-tägigen Staatstrauer nach dem Tod Chameneis fallen alle Spiele in der heimischen Liga und die geplanten WM-Vorbereitungsspiele der Männer-Nationalmannschaft aus. Doch auch die Männer-Nationalmannschaft hatte in der Vergangenheit immer mal wieder ähnliche Protestformen wie die Spielerinnen gewählt.

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Von admin