Manchmal schreibt der Fußball rund um einzelne Spiele ganz besondere Geschichten – absurd oder bewegend. Auf FanLeben.de rekonstruieren wir diese Geschichten und halten so die Erinnerung am Leben. Nachdem wir bislang über das Spiel Barbados und Grenada 1994, bei dem beide Mannschaft unbedingt ein Eigentor erzielen wollten, die Rückkehr von Erzgebirge Aue auf die internationale Bühne, über die tragische Geschichte der torreichste Begegnung aller Zeiten, über einen Schiedsrichter und seine Zahnprothese, über die WM 1954 berichtet haben, ein kurioses Qualifikationsspiel zwischen Madagaskar und Mauritius, ein Spie mit mehr als einem Ball berichtet haben, ein ziemlich überraschendes Tor, einen Spielabbruch, von dem vor allem Rot-Sünder profitierten, die Erfindung der Strafkarten, das Wetter in Kaiserslautern, darüber, wie aus einem Fußballstadion ein Foltergefängnis wurde, darüber wie ein Fußballspiel zu einem Akt des Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurde und eine der größten Stadiontribünen berichtet haben, geht es heute um ein wirklich absurdes Derby.
Am Abend des 2. Juni 2007 liegt über dem Kopenhagener Parken-Stadion eine besondere Spannung. Wenn Dänemark und Schweden aufeinandertreffen, ist das mehr als nur ein Qualifikationsspiel – es ist ein nordisches Derby, geprägt von Rivalität, Stolz und einer langen gemeinsamen Fußballgeschichte. Rund 38.000 Zuschauer sind gekommen, um die Partie der Qualifikation zur UEFA Euro 2008 zu sehen. Was sie erleben werden, gehört später zu den kuriosesten und dramatischsten Spielen der jüngeren Fußballgeschichte.
Schon in den ersten Minuten wird klar, dass Schweden an diesem Abend eiskalt ist. Die Gäste wirken konzentrierter, zielstrebiger. In der 21. Minute nutzt Johan Elmander einen Moment der Unordnung in der dänischen Defensive und bringt Schweden in Führung. Das Stadion verstummt kurz – doch es sollte noch schlimmer kommen. Nur wenig später erhöht Petter Hansson nach einer Standardsituation auf 2:0. Die dänischen Fans schauen sich ungläubig an. Ein Derby, das gerade erst begonnen hat, scheint bereits zu kippen.
Als kurz vor der Pause auch noch Olof Mellberg nach einem Eckball zum 3:0 einköpft, wirkt das Spiel entschieden. Die schwedischen Spieler jubeln ausgelassen vor dem Gästeblock, während auf den Rängen der Gastgeber eine Mischung aus Frust und Fassungslosigkeit herrscht. Drei Tore Rückstand im Derby – das fühlt sich wie eine Demütigung an.
Doch nach der Pause passiert etwas, womit kaum jemand gerechnet hat.
Dänemark kommt mit einer völlig anderen Energie aus der Kabine. Die Zweikämpfe werden härter geführt, die Angriffe entschlossener. In der 62. Minute fällt endlich das erlösende Tor für die Gastgeber: Daniel Agger trifft und bringt das Stadion zurück ins Spiel. Die Fans glauben plötzlich wieder daran, dass hier noch etwas möglich ist.
Nur wenige Minuten später explodiert das Parken erneut. Jon Dahl Tomasson verwandelt einen Elfmeter zum 2:3. Jetzt wird aus der zunächst einseitigen Partie ein offener Schlagabtausch. Die Schweden, eben noch souverän, wirken plötzlich nervös.
Die Uhr tickt, doch Dänemark drückt weiter. In der 75. Minute geschieht schließlich das, woran zu Beginn der zweiten Hälfte kaum jemand geglaubt hätte: Wieder ist es Tomasson, der den Ball über die Linie bringt. 3:3. Das Stadion bebt, Fahnen schwenken, Menschen springen auf ihren Sitzen. Aus einem scheinbar verlorenen Spiel ist ein sensationelles Comeback geworden.
Doch die Geschichte dieses Abends ist noch nicht zu Ende.
Als die Partie in ihre Schlussminuten geht, kochen die Emotionen über. In der 89. Minute kommt es im Strafraum der Dänen zu einer Szene, die alles verändert. Christian Poulsen gerät mit Markus Rosenberg aneinander. Plötzlich schlägt Poulsen seinem Gegenspieler in den Bauch. Der deutsche Schiedsrichter Herbert Fandel zögert keine Sekunde: rote Karte für Poulsen – und Elfmeter für Schweden. Rosenberg erinnert sich: „Das Spiel war eigentlich unglaublich – erst führen wir 3:0, dann steht es 3:3. Aber dass es so endet, hätte niemand erwartet.“
Was hätte niemand erwartet?
Na das: Während die schwedischen Spieler den Ball bereits für den Strafstoß vorbereiten, passiert das Unfassbare. Ein Zuschauer stürmt aus dem dänischen Fanblock auf das Spielfeld. Er läuft direkt auf Fandel zu und holt zum Schlag aus. Der Schiedsrichter weicht zurück, Spieler und Ordner versuchen einzugreifen. Für einen Moment herrscht völliges Chaos.
Fandel schaut sich die Szene kurz an – dann trifft er eine klare Entscheidung. Er bricht das Spiel sofort ab.
Später erklärte er: „Als der Zuschauer auf mich zulief und zum Schlag ausholte, war für mich klar, dass ich das Spiel nicht fortsetzen kann.“ Er habe zwar überlegt, noch einmal anzupfeifen, sich dann aber dagegen entschieden: „Ich habe mich umgeschaut und gesehen, dass die Lage völlig außer Kontrolle geraten war. Die Sicherheit von Spielern und Offiziellen geht vor.“
Was als spektakuläres Derby begonnen hatte und sich zu einem unglaublichen Comeback entwickelt hatte, endet in einem abrupten und unwürdigen Finale. Der europäische Fußballverband wertet die Partie später mit 3:0 für Schweden. Aus dem 3:3 auf dem Rasen wird ein offizieller Sieg der Gäste. Dänemarks damaliger Verteidiger Daniel Agger schaute später zurück: „Wir haben uns fantastisch zurückgekämpft. Dass ein einzelner Fan alles zerstört, ist extrem bitter.“
Zurück bleibt ein Spiel, das wegen seiner dramatischen Wendungen ohnehin in Erinnerung geblieben wäre. Doch der Platzsturm und der Spielabbruch machen es endgültig zu einem der seltsamsten Kapitel in der Geschichte der skandinavischen Fußballrivalität – ein Derby, das alles hatte: Tore, Emotionen, ein unglaubliches Comeback und ein Ende, das niemand so vorhersehen konnte.
