Sabrina Wittmann, die erste Frau, die in einer Männer-Profiliga als Trainerin arbeitet, beim FC Ingolstadt in der dritten Liga, hat gerade ihren Vertrag verlängert. Ihre Karriere ist ohne Frage beeindruckend, auch weil Wittmann, die gerade einmal Anfang 30 ist, selbst keine Profispielerin war. Und dennoch: Ihre Realität heißt dritte Liga. Während es ausgerechnet in der weltweit bedeutensten Eishockeyliga der Welt, der US-amerikanischen NHL, eine Frau gibt, die sogar noch jünger Cheftrainerin geworden ist: Jessica Campbell. Das hier soll kein Vergleich werden. Höchstens eine Erinnerung daran, dass der Fußball auch im so progressiven Deutschland noch immer noch so durchlässig ist, wie wir alle gerne glauben – im Gegenteil: Die neuen Zugangsbeschränkungen zu Trainer*innenlehrgängen werden ihn sogar wieder elitärer machen. Aber vor allem ist das hier einfach eine Geschichte, die erzählenswert ist. Die zeigt, wie stark Vielfalt einfach ist.

Zur Saison 2024/25 tritt die Kanadierin dann einen neuen Job als Assistant Coach bei den Seattle Kraken an und ist damit die erste Trainerin in der NHL. Vorher war sie zwei Jahren Assistenztrainerin beim Farmteam Coachella Valley Firebirds in der AHL – auch als erste Frau in der Geschichte. Ein*e Assistant Coach im Eishockey ist dabei praktisch meist gleichberechtigt mit dem Head Coach, zuständig für feste Trainingsinhalte, bestimmte Spielsituationen, zum Beispiel das Über- oder Unterzahlspiel, oder für die Verteidigung oder die Offensive insgesamt. Es ist ein umfangreicherer Job als beispielsweise im Fußball, wo es mehr Spezialtrainer*innen und eine größere Hierachie innerhalb des Staffs gibt.

„Es bedeutet mir eine Menge. Seit der Schulzeit verfolge ich dieses Ziel. Meine Reise führte mich um die gesamte Welt“, sagte Campbell in ihrem ersten Interview mit der Liga. „Es ist sehr emotional für mich, denn es hat viele Opfer und harte Arbeit mit sich gebracht. Jetzt die erste Trainerin in der NHL zu sein, macht mich sehr stolz. Doch mit diesem Titel geht auch eine gewisse Verantwortung einher. Ich freue mich darauf, was mich erwartet und möchte den Weg für weitere Frauen ebnen, damit ein Umdenken einsetzt.“ Jetzt aber hat erst einmal sie selbst Geschichte geschrieben. Und nachdem Seattle ihre Anstellung veröffentlicht hatte, lief darum auch erst einmal Campbells Handy heiß. „Mein Telefon ist fast explodiert. Es kam eine Flut an Nachrichten. Viele von ihnen habe ich noch immer nicht beantworten können“, berichtet die Kanadierin. Die als Spielerin übrigens mehrfach an den olympischen Winterspielen teilgenommen hatte. Am emotionalsten war dabei ausgerechnet ein verpasster Anruf des ehemaligen NHL-Verteidigers Brent Seabrook, der unter anderem für die Chicago Blackhawks und Tampa Bay Lightning gespielt. „Er war ein Veteran in der NHL, der mich in seiner Zeit als aktiver Spieler als persönliche Trainerin angeheuert hatte. Unsere Arbeit hat dazu geführt, dass ich an einen Job in der NHL geglaubt habe. Er hat mich immer wieder ermutigt, dieses Ziel zu verfolgen. Sein Anruf, zumal es auch noch der Allererste war, hat mir viel bedeutet. Er hat immer an mich geglaubt.“ Auch das ist im Eishockey durchaus üblich: Viele Spieler arbeiten neben dem offiziellen Mannschaftstraining mit sogenannten Development Coaches, also Individualtrainer*innen, an ihrer persönlichen Entwicklung.

Und auch die deutschen NHL-Profis meldeten sich bei Campbell: „Es gab außerdem tolle Nachrichten von Moritz Seider oder Philipp Grubauer.“ Kein Wunder: Die in Moosomin in der kanadischen Provinz Saskatoon geborene Trainerin pflegt enge Verbindungen nach Deutschland. In der Saison 2021/22 arbeitete sie nämlich für Nürnberg Ice Tigers als Skills- und Skating-Coach und war damit auch hierzulande erste Trainerin, nämlich in der DEL. Danach fuhr sie sogar als Co-Trainerin mit der deutschen Nationalmannschaft zur Weltmeisterschaft. Campbell erinnert sich: „Ich musste zuletzt oft an die denken, die mich auf meinem Weg begleitet und mir geholfen haben. An meine Zeit in Nürnberg mit Ice-Tigers-Sportdirektor Stefan Ustorf, der mir damals die Möglichkeit gab, mit dem Trainerjob anzufangen. An die WM mit dem DEB unter Toni Söderholm.“ Auch jetzt bei den Kraken arbeitet sie mit einem Deutschen zusammen: Goalie Philipp Grubauer: „Ich habe ‚Grubi‘ vor Kurzem hier in Seattle getroffen. Ich war im Büro, er kam gerade aus dem Kraftraum und war noch ein bisschen außer Atem. Er hat mich kurz begrüßt, mich willkommen geheißen und gesagt, dass er sich freut, mich zu sehen. Grubi ist ein ganz wichtiges Puzzleteil in unserer Mannschaft“, betont Campbell und lacht: „Team Deutschland ist also wieder vereint.“

Mittlerweile arbeitet Campbell in Seattle bereits unter dem zweiten Head Coach, hat sich also fest im Trainerteam etabliert. Auch wenn es Anfang erstmal um vermeintlich Marginales ging: „Endlich habe ich meinen eigenen Trainerinnen-Raum. Dieser wurde zwar schon designt, bevor ich hier ankam, doch dieses Gefühl der Akzeptanz ist sehr speziell. Als ich zum ersten Mal diesen Raum betreten habe, war es etwas ganz Besonderes. So viele Jahre musste ich mich in Abstellkammern oder im Schiedsrichter-Zimmer umziehen. Jetzt habe ich einen eigenen Ort für mich, an dem ich eine eigene Dusche habe und die Türe abschließen kann. Es ist ein cooler Platz. Ich habe ihn zu meinem Zuhause gemacht.“

Eine Matapher zum Abschluss dieser Reportage. Sie sagt: Es bleibt weiter viel zu tun. Also, gehen wir es an!

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Von admin