115 Verstöße gegen die Finanzregeln der Premier League. Deswegen wurde seit fast einem Jahrzehnt gegen Manchester City ermittelt und deswegen läuft seit fast zwei Jahren ein Prozess gegen das beste Liga-Team der vergangenen Dekade. Laut der BBC geht es dabei um „einen der größten Finanzskandale im Sport“ überhaupt. Die BBC spricht von „verheerende Konsequenzen“ die das Urteil haben wird, entweder für City oder für die Premier League – oder für die Glaubwürdigkeit der Sportsgerichtbarkeit, sollte es zu gar keinem Ergebnis in diesem Verfahren kommen. Sogar die Beziehungen des Vereinigten Königreichs zum wichtigen Partner Vereinigte Arabische Emirate würde davon belastet, schon jetzt hätte der Fall beide Seiten Dutzende Millionen Pfund gekostet.
Im Kern geht es dabei um Sponsoring-Einnahmen, die Verbindung zu Geschäftspartnern und Betriebskosten, darunter mögliche verdeckte Zahlungen an Trainer und Spieler. Im Einzelnen soll City es 54-mal versäumt haben, genaue Finanzinformationen bereitzustellen (Saison 2008/09 bis 17/18), 14-mal keine genaue Angaben zu Spieler- und Trainergehältern gemacht haben (2008/09 bis 17/18), fünfmal gegen UEFA-Regeln, einschließlich des Financial Fair Play (2012/13 bis 17/18) und siebenmal gegen die Gewinn- und Nachhaltigkeitsregeln der Premier League verstoßen haben (2014/15 bis 17/18) verstoßen haben und 35-mal geweigert haben, bei Ermittlungen der Premier League zu kooperieren (Dezember 2018 bis Februar 2023).
Die Vorwürfe zielen auf das Geschäftsgebaren der milliardenschweren Klubbesitzer aus Abu Dhabi, die City 2008 übernommen hatten. Die UEFA hatte ManCity wegen ähnlicher Verstöße schon vor zehn Jahren zu einer hohen Geldstrafe verurteilt und 2020 für zwei Jahre vom Europapokal ausgeschlossen. Dieses Urteil wurde jedoch vom Internationalen Sportgerichtshof CAS kassiert, die damit verbundene Geldstrafe von 25 auf 8 Millionen Pfund reduziert. Dennoch nahm die Premier League vor sechs Jahren eigene Ermittlungen auf. Das mögliche Strafmaß für den Klub aus Manchester: Eine weitere, weitaus höhere Geldbuße, ein Punktabzug oder sogar der Ausschluss aus der Premier League. Auch der Verlust von Titeln ist nach diesem „größten aller Kämpfe“, wie die BBC schreibt, denkbar.
Wann es zu einem Urteil kommt? Unklar. Schon jetzt hat der Prozess rund ein Jahr Verzug. „Wir haben ein dickes Regelwerk“, begründet Ligaboss Richard Masters, „und Teil jedes sportlichen Wettbewerbs ist die Verpflichtung, diese Regeln einzuhalten.“ Während City-Trainer Guradiola an der Unvoreingenommenheit des Verfahrens zweifelt: „Die Premier-League-Vereine wollen, dass wir bestraft werden, das ist sicher„, behauptet der Star-Trainer.
Bleiben wir aber bei Ligaboss Masters und dessen Glaubwürdigkeit. Denn nachdem jüngst der FC Chelsea zugegeben hatte, unter dem früheren Eigentümer Roman Abramovich gegen die Finanzregeln verstoßen zu haben, wurden die Londoner jetzt von der Premier League mit einer einjährigen Transfersperre und einer Geldstrafe von 11,6 Millionen Euro bestraft. Das Verbot, Spieler für die erste Mannschaft neu zu registrieren, tritt allerdings zunächst nicht in Kraft, weil die Strafe für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Lediglich die Akademie darf neun Monate lang, also bis zum nächsten Wintertransferfenster, keine neuen Spieler verpflichten.
Das Prozess-Ergebnis ist dabei kein Urteil im klassischen Sinne, sondern ein Vergleich zwischen Chelsea und der Liga, denn Chelsea hat im Verfahren kooperiert, die Verstöße selbst früh und umfänglich eingeräumt. Konkret beziehen sich die Vorwürfe auf „unvollständige Finanzberichte und versäumte Zahlungen“ von vor zehn Jahre. Ein Statement der Premier League bestätigte zudem, dass gegen den Verein wegen „nicht offengelegter Zahlungen durch mit dem Verein verbundene Dritte an Spieler, nicht registrierte Berater und andere Dritte“ zwischen 2011 und 2018 ermittelt wurde. Positiv anzumerken ist, dass der damalige Eigentümer des Klubs, Roman Abrahmovic, den Verein 2022 verkaufen musste, nachdem er aufgrund seiner Verbindungen zu Putin und in Zuge dessen Angriffskriegs gegen die Ukraine, in der EU sanktioniert worden war.
In einer Erklärung des Klubs von der Stamford Bridge zeigen sich die Blues jedenfalls mehr als zufrieden: „Der Chelsea Football Club freut sich zu bestätigen, dass eine Einigung mit der Premier League in Bezug auf historische regulatorische Angelegenheiten erzielt wurde, die vom Verein im Jahr 2022 selbst gemeldet wurden. Der Verein hat freiwillig und proaktiv gegenüber allen zuständigen Aufsichtsbehörden potenzielle historische Regelverstöße offengelegt, einschließlich unvollständiger Finanzberichterstattung, die vor über einem Jahrzehnt stattfanden.“
Trotzdem: Es bleibt der Eindruck, dass sich große Klubs leichter vor harten Strafen drücken können, als andere kleinere. Zwar wurde Chelsea bereits im Jahr 2019 wegen mehrere unerlaubter Transfers von minderjährigen Spielern für zwei Transferperioden vom Transfermarkt ausgeschlossen, weitaus häufiger treffen solche Strafen aber Vereine aus der zweiten Liga, zuletzt Sheffield Wednesday, über das FanLeben.de hier berichtet hat. Und auch in Deutschland schaut man auf die Einigung zwischen Chelsea und der Liga überrascht, wurde dem 1. FC Köln vor dessen Transfersperre eine solche einvernehmliche Lösung doch noch verweigert. Von Manchester City, das trotz 115 Verstößen tatsächlich straffrei durchzukommen scheint, ganz zu schweigen.
Es stellt sich also die Frage, wie unabhängig die Sportsgerichtbarkeit tatsächlich ist beziehungsweise wie sehr sie auch das Ziel verfolgt, die Attraktivität der Liga zu sichern und deswegen internationale Topklubs vorsichtiger behandelt als Vereine, die für die Vermarktung von Wettbewerben weniger relevant sind. Die ehrliche Antwort können uns nur Richard Masters und seine internationalen Kollegen geben.
