Die beste zweite Liga der Welt – diesen Slogan hört man immer wieder. In verschiedenen Sporten ist er ein Werbeclaim, um auch den Unterbau attraktiv zu machen. Und es stimmt ja: Oft stehen die Spiele in Liga zwei denen in Liga eins zumindest in Puncto Stimmung und Spannung in nichts nach – im Bereich der sportlichen Qualität aber schon.

Im deutschen Eishockey scheint das sportliche Gefälle zwischen der erstklassigen DEL und der zweitklassigen DEL 2 besonders hoch. In der vergangenen Saison stiegen zum Beispiel die Dresdener Eislöwen als DEL 2-Meister auf, in dieser Saison wurden sie mit 26 Punkten aus 52 Spielen letzter – zum Vergleich: Die Löwen Frankfurt, die als auf Platz 13 und somit auf dem vorletzten Tabellenplatz abschlossen, kamen auf 53 Punkte, also mehr als doppelt so viele. Apropos: Der Klub aus der Main-Metropole war vor dem Team aus Elb-Florenz der letzte DEL-Aufsteiger, 2022 qualifizierte man sich sportlich für die DEL, 2023 und 2024 verzichteten die DEL 2-Meister, die Ravensburg Towerstars (2023) und die Eisbären Regensburg (2024), jeweils bereits vor Saisonbeginn auf einen möglichen Aufstieg. Seither erreichten die Löwen Frankfurt noch kein einziges Mal einen Play-off-Platz, qualifizierten sich als Tabellenzehnter lediglich zweimal für die Pre-Play-offs – trotz des traditionsreichen und wirtschaftsstarken Standorts.

In dieser Saison deutet vieles darauf hin, dass die Krefeld Pinguine DEL 2-Meister werden könnten. Die Hauptrunde haben sich nahezu nach Belieben dominiert: 114 Punkte holten sie aus den 52 Spielen, das entspricht 32 Siegen in regulärer Spielzeit, drei Siegen in der Overtime und vier Siegen nach Penaltyschießen, die zweitplatzierten Kassel Huskies kamen auf 106 (31/3/1). Krefeld – da waren sich die Beobachter*innen einig – spielten dabei das kompletteste Eishockey, es geland ihnen in nahezu jedem Spiel und über die komplette Spieldauer in klarer Formation zu agieren, technisch sauberes und taktisch anspruchvolles Eishockey zu spielen. Klar verfügt die Mannschaft über viel individuelle Qualität, doch während Kassel vor allem über die individuelle Qualität ihrer Spieler punktete, kamen die Pinguine gleichzeitig über das Kollektiv. Auch unter Druck: So wurden zum Beispiel alle vier Derbys gegen den DEL-Absteiger die Düsseldorfer EG gewonnen.

Und sie machen damit in den Play-offs offenbar direkt weiter. Gestern fand ihr zweites Viertelfinalspiel gegen den EV Landshut, der übrigens in den Pre-Play-offs die DEG ausschaltete, statt. Der KEV gewann es – mit 12:4. Und bewies dabei einmal mehr seine Unerschütterlichkeit: Denn nach einer frühen Strafe gegen Krefeld ging Landshut zwar in Führung (8.), doch die Pinguine drehten das Spiel innerhalb weniger Minuten (11., 15.). Landshut gleich dann noch einmal aus (17.), doch wieder antwortete Krefeld sofort (19.) und ging trotz zweier Rückschläge mit einer verdienten Führung in die erste Drittelpause. Das zweite Drittel eröffnete Krefeld dann direkt mit zwei Treffern (21. und 22.), bevor Landshut den Torhüter wechselte. Das brachte nichts: Noch drei weitere Tore erzielten die Pinguine im Mitteldrittel (36., 38. und 39.). Landshut, eine der torgefährlichsten Mannschaften der DEL 2 betrieb mit einem eigenen Treffer immerhin noch Ergebniskosmetik (39.). In den Minuten 43, 48 und 54 erzielten die Krefelder dann die Tore neun (!), zehn (!!) und elf (!!!). Noch krasser: Nach einem vierten Ehrentreffer durch Landshut (56.) antworteten die Krefelder direkt nochmal mit einem Treffer (57.), sportlich unbedeutend, psychologisch enorm eindrucksvoll. Auch das erste Spiel der Serie hatte Krefeld bereits mit 4:1 klar für sich entschieden.

Sportlich besteht kein Zweifel daran: Wenn nichts außergewöhnliches passiert, werden die Krefeld Pinguine im vierten Jahr nach ihrem Absiteg in die DEL zurückkehren. Aber wollen sie das überhaupt? Peer Schopp, Hauptgesellschafter und Geschäftsführer des Klubs, sagt: „Grundsätzlich kann ich den Fans sagen, dass wir uns mit dem Aufstiegsszenario beschäftigen. Allerdings muss man ganz klar sagen, dass es sich dabei in sportlicher und finanzieller Hinsicht um eine Mammutaufgabe handelt.“ Und weiter: „Wir haben im vergangenen Jahr zum ersten Mal ein positives Geschäftsergebnis erwirtschaften können. Das ist natürlich schön, allerdings sind wir noch weit davon entfernt, schuldenfrei zu sein. Deshalb sage ich ganz klar: Wir beschäftigen uns mit einem Aufstiegsszenario und versuchen, die entsprechenden Grundvoraussetzungen dafür zu schaffen. Inwiefern bei einer möglichen Meisterschaft dann genügend Mehreinnahmen im Sponsoring generiert werden können, müssen wir sehen, wenn es wirklich so weit ist. Wir werden aber auf keinen Fall ein finanzielles Abenteuer mit unverhältnismäßig hohen Risiken eingehen. Damit würden wir weder uns noch den Fans einen Gefallen tun, da wir damit die wirklich positive Entwicklung des Vereins massiv gefährden würden.“ Heißt: Selbst im Falle der Meisterschaft könnten die Pinguine auf den Aufstieg verzichten. Dieses Szenario aber gab es noch nie – Landshut und Regensburg hatten, wie erwähnt, in ihren Meisterjahren bereits vor Saisonbeginn auf einen möglichen Aufstieg verzichtet, Krefeld hingegen hat vor der Saison die notwendige Bürgschaft hinterlegt und eine Lizenz beantragt, sie dann ungenutzt zu lassen, wäre einzigartig.

Und gefährlich: Denn anders als in anderen Sportarten ist sind DEL und DEL 2 im Eishockey rechtlich unabhängige Unternehmen, die Regelung zum Auf- und Abstieg wird nicht vom Deutschen Eishockey Bund vorgeben, sondern sie wurde – zeitlich befristet – zwischen beiden Firmen verhandelt. Wieso sollte sich die DEL auf eine Fortsetzung der Regel einlassen, die ja weniger Planungssicherheit für ihre Mitglieder bedeutet, wenn selbst Klubs, die vor der Saison aufsteigen wollten, am Ende verzichten? Schopp argumentiert damit, dass es die DEL Aufsteigern unnötig schwer mache: „Aus meiner Sicht sind die Auf- und Abstiegsregeln für den Aufsteiger unverhältnismäßig herausfordernd und belastend, wohingegen der Absteiger weich fällt. Um ein Beispiel zu nennen: Warum erhält der Aufsteiger nur 50 % aus der Ligavermarktung (gemeint sind die TV-Rechte, Anm. d. Red.) und wird dadurch von vornherein schlechter gestellt als alle anderen DEL-Vereine, wenn es doch ohnehin schon eine Herkulesaufgabe ist, die Lizenzgebühr in Höhe von 1,4 Millionen Euro zu leisten und gleichzeitig den Kader DEL-tauglich zu machen, was ebenfalls mit hohen Kosten verbunden ist?“ Inwiefern das Argument zieht – unklar.

Aber wäre es überhaupt ein so teures Unterfangen, die Pinguine DEL-tauglich zu machen? Mit allen Stammspielern und vor allem: mit allen Leistungsträgern bestehen ligaunabhängige Verträge mindestens auch noch für die kommende Spielzeit. Klar, das war bei den Dresdener Eislöwen ähnlich, aber die hatten zuvor die DEL 2 nicht ansatzweise so dominiert wie die Krefelder in dieser Saison, waren in der Hauptrunde mit 97 Punkten sogar nur Tabellenvierter. Hinzu kommt: In Krefeld steht mit Thomas Popiesch einer der erfahrensten und renomiertesten Eishockeytrainer, gerade in Puncto Mannschaftsentwicklung, hinter der Bande. Popiesch etablierte schon die Fishtown Penguins in der DEL, wurde mit ihnen 2024 sogar Hauptrundenerster und anschließend Vizemeister. Er hat in Krefeld seine Wunschspieler zusammen. Mit Max Newton (73 Punkte in 50 Spielen), Mathew Santos (67 Punkte in 48 Spielen), Marcel Müller (51 Punkte in 50 Spielen) und Philip Gogulla (44 Punkte in 51 Spielen), über den FanLeben.de hier schon einmal berichtet hat, stürmt zum Beispiel bereits heute eine sicher DEL-taugliche Offensive für Krefeld. Mit Davis Vandame (53 Punkte in 50 Spielen) kommt der offensivstärkste Verteidiger der Liga, wichtig vor allem im Power Play, hinzu. Gerade ein starkes Power Play, also Überzahlspiel, könnte im Kampf um den Klassenerhalt von überragender Bedeutung sein, denn wenn man hier seine Chancen, die sich in jedem Spiel ergeben, nutzt, sammelt man direkt wertvolle Punkte. Hinzu kommt, dass Krefeld in der DEL 2-Hauptrunde in über 80% der eigenen Unterzahlsituationen ohne Gegentor blieb und mit 57% die höchste Quote an gewonnenen Bullies hatte. Dresden war in keiner dieser Statistiken vergangenes Jahr genauso gut.

Schopp und sein Sportdirektor Peter Draisaitl, Vater von NHL-Star Leon, müssten also gar nicht so viel im Kader tun, in der DEL sind mehr erfahrene Spieler und mehr Spieler ohne deutschen Pass erlaubt, findet er defensivstarke Verteidiger und Stürmer, die ihre Stärke vor allem im Vorchecking, also dem frühen Angreifen nach Puckverlust, haben, wäre der Kader noch einmal wesentlich variabler und weiterentwickelt, der Klassenerhalt damit wahrscheinlich – zumal auch die Euphorie in Krefeld die Mannschaft tragen könnte. Gut möglich, dass ihnen das gelänge, immerhin haben sie ihren Kader seit dem DEL-Abstieg 2022 jedes Jahr systematisch weiterentwickelt.

Die Krefeld Pinguine sind schon heute der vielleicht beste Zweitligist aller Zeiten.

Nächstes Jahr müssen sie beweisen, wie viel dieses Attribut tatsächlich wert ist.

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Von admin