Wenn Zinedine Zidane als Trainer an der Seitenlinie stand, dann haben seine Mannschaften gewonnen. 2016, 2017 und 2018 gewann er mit Real Madrid die Champions League, 2017 und 2018 auch den UEFA Supercup und die – damals noch jährlich ausgetragene – FIFA Klubweltmeisterschaft. Hinzu kommen in seinen beiden Amtszeiten (2016-2018, 2019-2021) noch zwei spanische Meisterschaften (2017 und 2020) und zwei spanische Supercup-Siege (2018 und 2020). 2017 und 2018 wurde er darum auch als Welttrainer des Jahres ausgezeichnet. 174 seiner 263 Spiele als Cheftrainer von Real Madrid hat er gewonnen, nur 36 verloren, seine Amtszeiten beendete Zidane, der als Spieler bereits Welt- und Europameister geworden war, zweimal den Weltpokal und jeweils einmal die Champions League, den UEFA Cup sowie den damaligen UI-Cup gewann und in Italien und Spanien jeweils Meister (Italien: 1997, 1998; Spanien: 2003) und Supercup-Sieger (Italien: 1997; Spanien: 2001, 2003) wurde, der dreimal Weltfußballer (1998, 2000, 2003) war und dutzende weitere individuelle Auszeichnungen erhielt, deswegen jeweils auch selbst durch Rücktritt. Der Grund: Zinedine Zidane soll genug gehabt haben vom stressigen Vereinsfußball, in dem es für ihn ohnehin nichts mehr zu gewinnen gab. Sein Traum soll es seither sein mit der französischen Nationalmannschaft auch noch als Trainer Welt- und Europameister zu werden. Und damit zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten zu werden, die es in der Geschichte des Fußballs jemals gab.

Im vergangenen Oktober hatte Zidane sein Interesse am Chefposten der Nationalmannschaft wiederholt öffentlich bekundet. Damals sagte er: „Mein Wunsch ist es, eines Tages Cheftrainer der französischen Nationalmannschaft zu werden.“ Diesem Ziel scheint er nun sehr nahe zu kommen. Denn Didier Deschamp, der 2018 mit Frankreich Weltmeister wurde, plant seinen Rücktritt nach der Weltmeisterschaft im kommenden Sommer. Philippe Diallo, Präsident des französischen Fußballverbandes, kokettiert deswegen bereits ebenfalls mit der Verpflichtung Zidanes: „Die französische Nationalmannschaft ist eine der besten der Welt, und nicht jeder kann sie leiten“, hatte er zuletzt wiederholt erklärt. „Es braucht ein Profil, das viele Kriterien erfüllt und das die Zustimmung der Franzosen findet, denn diese französische Fußballnationalmannschaft ist die Mannschaft der Franzosen. Es muss eine Verbindung zwischen dem Trainer und den Franzosen entstehen.“ Und angesprochen auf Zidane selbst ergänzt: „Ich lade Sie ein, sich nach der Weltmeisterschaft wieder bei mir zu melden.“

Doch kann Zidane wirklich – nicht nur sportlich – alle Menschen in Frankreich hinter sich vereinen? Spätestens seitdem er die französische Nationalmannschaft 1998 zum WM-Triumph führte, ist er ehemalige Mittelfeldspieler ein sportlicher Nationalheld, bekannt und gefeiert. Doch gleichzeitig repräsentiert der Weltstar auch das moderne Frankreich: So sind seine Eltern einst aus Algerien eingewandert, und er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sich auch diesem Land verbunden zu fühlen. Sein zweiter Sohn, Luca Zidane, spielt inzwischen sogar für die algerische Nationalmannschaft. Darüber hinaus ist außerdem Marseillais, dort ist er aufgewachsen und der Stadt ist er auch weiterhin eng verbunden. Seine ersten beiden Söhne wiederum kamen auf die Welt, als er in Turin spielte, er und seine Frau gaben ihnen italienische Vornamen. Und durch seine lange Zeit bei Real ist er auch Madrileño. All das macht Zidane zu einer idealen Projektionsfläche für ganz unterschiedliche Interessen und Identitäten.

Genau das ist es auch – so würde es zumindest Zidane über sich selbst sagen – was ihn als Trainer ausmacht. Denn über sich selbst sagt er, er sei nicht der beste Trainer und taktisch auch nicht außergewöhnlich beschlagen. Was er aber sehr gut im Griff hat, ist die Kabine: Eitelkeiten austarieren, Animositäten zwischen den Spielern moderieren, ohne dass allzu viel an die Öffentlichkeit gelangt. Menschen verbinden und für sie ein Umfeld zu schaffen, in dem sie ihr Bestes leisten können. Etwas was ihn für die Aufgabe eines Nationaltrainers, wo es weniger um Konstanz und Entwicklung über ein gesamtes Jahr, als Bestleistung zum richtigen Zeitpunkt und das Moderieren einer konstruktiven Gruppendynamik geht, geradezu prädestiniert.

Doch Frankreich ist auch eine Nation, die vor einer Zerreißprobe steht. Neben Emmanuel Macron zog bei den letzten beiden Präsidentschaftswahlen jeweils die rechtsradikale Politikerin Marine Le Pen in die Stichwahl um das Präsidentenamt ein. Bei den letzten Parlamentswahlen sowie den Kommunalwahlen in diesem Monat gewannen die extreme Rechte und die extreme Linke weiter an Zuspruch. Nur auf Zidane können sich scheinbar weiter alle einigen, auch weil er in seinen politischen und gesellschaftlichen Positionen bewusst vage bleibt und so zulässt, für allerlei Gruppen eine Projektionsfläche zu sein.

Für allerlei Gruppen – mit einer Ausnahme: Gegen den rechtsradikalen Front National hat er sich immer eindeutig positioniert.

Bereits in den 2000er-Jahren äußerte Zidane offen, dass er eine Wahl des Front National für „inakzeptabel“ halte. Bereits 2002, als Jean-Marie Le Pen überraschend in die Stichwahl einzog, hatte Zidane öffentlich gewarnt, dass dessen Partei eine politische Kraft sei, die „nicht den Werten Frankreichs entspricht“. Mit Blick auf seine eigene Herkunft und die gesellschaftliche Verantwortung prominenter Persönlichkeiten betonte er wiederholt, dass Werte wie Vielfalt, Zusammenhalt und Respekt nicht zur Disposition stehen dürften. Besonders im Umfeld von Wahlen rief er indirekt dazu auf, extremen politischen Kräften keine Unterstützung zu geben. Am deutlichsten formulierte er es bei der Präsidentschaftswahl 2017, als Marine Le Pen erstmals in die Stichwahl eingezogen war. Zidane rief damals offen dazu auf, einen Wahlsieg von Marine Le Pen zu verhindern. Wörtlich erklärte er, „Extreme sind nie gut“ und die Ideen des Front National seien ihm „fern“.

Diese Haltung hat Zidane seitdem nie revidiert. Allerdings in letzter Zeit auch seltener wiederholt. Andere, vor allem selbst noch aktive Nationalspieler, sind dort zuletzt deutlicher geworden. Marcus Thuram forderte beispielsweise: „Wir müssen jeden Tag dafür kämpfen, dass der RN (der neue Name des Front Nation lautet Ressemble National, kurz: RN, Anm. d. Red.) nicht an die Macht kommt.“ Und auch Kylian Mbappe warnte vor einer historischen Situation, in der „die Extreme an die Tür der Macht klopfen“, er ruft deswegen vor allem junge Menschen immer wieder dazu auf, zur Wahl zu gehen und Verantwortung zu übernehmen. Nichtsdestoweniger hat auch die klare Ablehnung der extremen Rechten durch Zidane weiterhin Gewicht und ist beispielgebend.

Und ist es nicht auch das, was einen Nationaltrainer Zinedine Zidane so spannend machen würde: Dass er das Gesicht des tatsächlichen, modernen Frankreichs ist, jemand, der dafür steht, dass die Vielfalt des Landes dessen Stärke ist? Insbesondere bei all dem sportlichen Potenzial, das in seiner Verpflichtung liegen würde. Denn Upamechano, Tchouameni, Dembele, Olise und eben Mbappe sind für die nächsten Jahre das Gerüst einer Weltklassemannschaft – so wie es Zidane auch in Madrid als Trainer vorgefunden hat und woraus er ein Team geformt hat, dass Titel sammelte.

Es wären Titel mit Symbolkraft.

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Von admin