Es ist ein unscheinbarer Moment – und doch einer, der Sportgeschichte schreibt. Am 23. September 1992 steht eine junge Torhüterin im Trikot der Tampa Bay Lightning auf dem Eis. Tausende Zuschauer, Kameras, Skepsis. Als der erste Bully fällt, ist klar: Das hier ist mehr als ein Vorbereitungsspiel. Hier wird heute Geschichte geschrieben. Die Frau im Tor heißt Manon Rhéaume – und sie wird an diesem Abend zur ersten Frau, die in einer der großen nordamerikanischen Profiligen der Männer spielt, der NHL.
Rhéaumes, geboren 1972, Geschichte beginnt nicht in großen Arenen, sondern auf einer improvisierten Eisfläche hinter dem Haus ihrer Familie in Québec. Mädchen spielen damals kaum Hockey, also spielt sie mit den Jungen. 1984 schreibt sie erstmals Geschichte: Als erstes Mädchen nimmt sie am renommierten Quebec International Pee-Wee Tournament teil. Nur wenige Jahre später folgt der nächste Schritt: 1991 steht sie als erste Frau in einem Spiel der Quebec Major Junior Hockey League auf dem Eis, einer der wichtigsten Nachwuchsligen Nordamerikas.
Doch ein Jahr später, 1992, passiert dann etwas noch unglaublicheres: Rhéaume wird ins Trainingscamp der Tampa Bay Lightning eingeladen. Bei ihrer Nominierung geht es wohl auch darum, dass die Mannschaft aus Florida ein Zeichen setzen möchte, zumindest erinnern sich Offizielle später so, aber Rhéaume überzeugt im Training, sie ist zu gut, um nur eine PR-Maßnahme zu sein. Also wird sich auch tatsächlich aufgestellt: Und als Rhéaume im Vorbereitungsspiel gegen die St. Louis Blues im Tor steht, wird sie zur ersten Frau, die jemals in einer der vier großen nordamerikanischen Männer-Profiligen spielt.
Die Torhüterin macht ein gutes Spiel, ordentliche Fangquote, strahlt auch im Aufbauspiel viel Sicherheit aus. Und doch: Trotz dieses historischen Durchbruchs bleibt ihre Karriere ein Grenzgang. Sie spielt in verschiedenen Männerligen, bestreitet Profispiele, doch die große Tür, die sie 1992 einmal aufstößt, bleibt zunächst nur einen Spalt geöffnet. Bis heute ist sie die einzige Frau, die jemals in einem NHL-Spiel auf dem Eis stand.
Währenddessen hat sich auch das Frauen-Eishockey weiter entwickelt. Manon Rhéaume wird Nationalspielerin Kanadas und gewinnt mit der Nationalmannschaft einige Titel, darunter der Weltmeistertitel 1992 und 1994 und dazu eine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1998. Bis heute gilt sie als beste Eishockey-Torhüterin der Welt.
Und gleichzeitig wurde sie zu einer Pionierin des Spiels. Manon Rhéaume war das Gesicht ihres Sports, als dieser sich gerade professionalisierte. 1990 wurde die erste Weltmeisterschaft gespielt, 1998 war Frauen-Eishockey erstmals olympisch. Gerade in dieser Zeit war ein starkes und inspirierendes Vorbild für diesen Sport wichtig. Doch richtig ist auch: Eine nordamerikanische Eishockey-Liga, die ihre Spielerinnen tatsächlich bezahlte, wurde erst 2015 gegründet, die NWHL als echten Pendant zur NHL gibt es sogar erst seit 2024.
In Deutschland ist die Situation noch schlechter. Zwar gibt es eine erste Eishockeyliga, die DFEL, an ihr nehmen jedoch nur vier Mannschaften teil – darunter ein Team aus Budapest. Viele bekannte DEL-Klubs verzichten entweder ganz auf Frauen-Mannschaften oder lassen sie, wie zum Beispiel die Kölner Haie, maximal zweitklassig antreten, weil dann auf regionalerer Ebene gespielt werden kann und weniger Reisekosten entstehen. Auch bekommen die Spielerinnen in Deutschland oft kein Gehalt, sondern bestenfalls eine Aufwandsentschädigung. Professionelle Strukturen? Fehlanzeige!
Trotzdem war Manon Rhéaume, die heute immer wieder in der Popkultur in Erscheinung tritt, für das internationale Frauen-Eishockey genauso wie für Vielfalt im Eishockey insgesamt eine Wegbereiterin.
Und eine Grenzensprengerin.
Das macht ihre Geschichte heute – wo das Internationale Olympische Komittee mehr Geschlechtertrennung fordert – wieder besonders aktuell.
