Manchmal schreibt der Fußball rund um einzelne Spiele ganz besondere Geschichten – absurd oder bewegend. Auf FanLeben.de rekonstruieren wir diese Geschichten und halten so die Erinnerung am Leben. Nachdem wir bislang über das Spiel Barbados und Grenada 1994, bei dem beide Mannschaft unbedingt ein Eigentor erzielen wolltendie Rückkehr von Erzgebirge Aue auf die internationale Bühneüber die tragische Geschichte der torreichste Begegnung aller Zeitenüber einen Schiedsrichter und seine Zahnprotheseüber die WM 1954 berichtet habenein kurioses Qualifikationsspiel zwischen Madagaskar und Mauritiusein Spie mit mehr als einem Ball berichtet habenein ziemlich überraschendes Toreinen Spielabbruch, von dem vor allem Rot-Sünder profitiertendie Erfindung der Strafkartendas Wetter in Kaiserslautern, darüber, wie aus einem Fußballstadion ein Foltergefängnis wurde, wie ein Fußballspiel zu einem Akt des Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurde, über eine der größten Stadion-Tragödien der Fußballgeschichte, über Liebe und Hass, über das wohl kürzeste jemals angepfiffene Fußballspiel aller Zeiten und die Erfindung der gelben Fußballtrikots Brasiliens und eine einzigartige Schiedsrichter-Entscheidung rund um Weltstar Pelé berichtet haben, geht es heute nach Ost-Berlin. Los geht’s!

Wenn heute vom Winter 1990 die Rede ist, fällt fast immer ein Datum: der 27. Januar. Mehr als 50.000 Menschen strömten damals ins Berliner Olympiastadion, als Hertha BSC und der 1. FC Union Berlin wenige Wochen nach dem Fall der Mauer ein Freundschaftsspiel austrugen. Das 2:1 für Hertha geriet zur Nebensache. Viel wichtiger war das Bild zweier Fanlager, die sich nach Jahrzehnten der Teilung in den Armen lagen. Bis heute gilt diese Begegnung als eines der symbolträchtigsten Spiele der deutschen Fußballgeschichte.

Doch schon eine Woche zuvor kamen gut 4.000 Zuschauer*innen in die Ost-Berliner Werner-Seelenbinder-Halle. Zu einem Fußballtunier, das noch mehr Brisanz und politische Strahlkraft hatte. Der Reihe nach.

Vom 18. bis 20. Januar 1990 trafen beim Internationalen Berliner Hallenfußballturnier Mannschaften aus Ost und West aufeinander. Mit dabei waren unter anderem der 1. FC Union Berlin, BFC Dynamo, Hertha BSC und Blau-Weiß 90 Berlin sowie Gäste aus Polen und der damaligen Tschechoslowakei.

Die politische Ordnung der DDR zerfiel vor der Halle in rasantem Tempo. Die Mauer war offen, das Ministerium für Staatssicherheit wurde aufgelöst, und mit ihm verlor auch BFC Dynamo seinen mächtigsten Förderer. Der Verein, der zehn DDR-Meisterschaften in Folge gewonnen hatte und wie kaum ein anderer mit der Stasi identifiziert wurde, stand plötzlich im Zentrum öffentlicher Ablehnung, des Hasses, stand für das gestern.

Diese Stimmung war auch in der Halle mit Händen zu greifen. Der BFC spielte nicht mehr nur gegen seine Gegner, sondern gegen das Image eines gesamten Systems. Was sich jahrelang angestaut hatte, entlud sich nun auf den Rängen. Der damalige Mannschaftskapitän Frank Rohde erinnerte sich später: „Wir fühlten uns wie Freiwild.“ Es war die Erfahrung einer Mannschaft, die innerhalb weniger Wochen vom dominierenden Serienmeister zum Symbol eines untergehenden Staates geworden war.

Und welche Geschichte schrieb der Fußball dazu? Diese hier: Im Finale standen sich ausgerechnet Union Berlin und BFC Dynamo gegenüber – zwei Vereine, die wie kaum andere für unterschiedliche Identitäten des DDR-Fußballs standen. Denn Union galt als vergleichsweise staatsferner Verein, Punks gingen dahin und Arbeiter*innen, die nicht zur Oberschicht gehörten. Union gewann die Begegnung mit 5:4 nach Verlängerung. BFC-Spieler Thomas Doll wurde aber immerhin mit zwölf Treffern Torschützenkönig des Turniers.

Das Ergebnis war jedoch nur ein Teil der Geschichte. Entscheidender war die Atmosphäre. Ost- und West-Berliner Vereine begegneten sich selbstverständlich auf dem Spielfeld, während draußen die politische Landkarte Deutschlands neu gezeichnet wurde. Fußball wurde zum Spiegel einer Gesellschaft im Umbruch.

Rückblickend geriet das Hallenturnier schnell in den Schatten des legendären Freundschaftsspiels zwischen Hertha und Union eine Woche später. Dabei war es für viele der eigentliche Auftakt dieses historischen Winters. Der Hertha-Fan und Zeitzeuge Manfred Sangel sagte Jahre später sogar, das Hallenturnier sei für ihn emotional bedeutender gewesen als das berühmte Spiel im Olympiastadion. Während dort bereits die große Geste der Wiedervereinigung im Mittelpunkt stand, zeigte die Werner-Seelenbinder-Halle noch die Widersprüche dieser Tage: Euphorie und Unsicherheit, Aufbruch und Abrechnung, Freude und Verbitterung lagen oft nur wenige Meter auseinander.

Und am Wochenende drauf trat Union dann als die Berliner Mannschaft an, die als Versprechen taugte, dass ein anderes, ein offenes, buntes und demokratisches Ost-Deutschland möglich ist. Heute spielt Union in der Bundesliga, während der BFC in der Regionalliga feststeckt.

Unser Newsletter: 1x die Woche exklusive Inhalte kostenlos in Dein Postfach holen:

Von admin