Was haben die Schaustellerkultur auf Volksfesten, das Herrenschneiderhandwerk und der Bolzplatz in der Nachbarschaft gemeinsam? Richtig: Sie sind typisch Deutsch. Und jetzt auch offizielles Kulturerbe, aufgenommen in die Unesco-Liste für Deutschland.
Die Begründung ist eine Hymne auf den Hobbykick: Bolzplätze – also frei zugängliche Freizeit-Fußballplätze – werden in der Neueintragung als „Schule des Lebens“ gewürdigt. Weiter schreibt die Unesco: „Als offener und niedrigschwelliger Begegnungsraum bringt der Bolzplatz Menschen unterschiedlicher Hintergründe zusammen und fördert soziale Kompetenzen wie Fairness, Teamfähigkeit und Konfliktlösung.“ Gewürdigt wird, dass das Spiel auf Bolzplätzen auf mündlicher Überlieferung, informellen Regelwerken und jugendlichen Aushandlungsprozessen fußt, die soziale Lernkompetenzen, Integration und Partizipation fördern.
Und das stimmt. Alle, die auf den Bolzplätzen und in den Fußballkäfigen der Republik groß geworden sind, wissen, wie das Pöhlen Verbindungen schaffen kann. Unterschiedliche Muttersprachen, verschiedene Vereinstrikots und die (Nicht-)Marke der Fußballschuhe: Auf dem Bolzplatz tritt manches oberflächliches plötzlich in den Hintergrund. Austausch und Nähe werden möglich. Verständnis wächst. Hass tritt zurück. Und wenn doch mal jemand wütend wird, dann wegen einem überharten Foulspiel – oder weil man diesen einen Flatterball nicht halten konnte. Und das sind ja wohl vernünftige Gründe um sich zu ärgern.
Hintergrund: Seit 2003 gibt es ein Abkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes der Unesco, der für Kultur zuständigen Organisation der Vereinten Nationen. Deutschland ist seit 2013 Vertragspartei. Das bundesweite Verzeichnis soll „kreative, inklusive und innovative“ Kulturformen würdigen. Jedes Land ist für die Pflege seiner immateriellen Kulturerben in die entsprechenden Listen selbst verantwortlich, die Unesco kuratiert diese nur. Das deutsche Verzeichnis, welches von der deutschen Unesco-Kommission und dem Kulturstaatsminister verwaltet wird, umfasst mit den Neuzugängen mittlerweile 173 kulturelle Ausdrucksformen, die in Deutschland weitergegeben werden. Auch die Berliner Technokultur, Bergsteigen in Sachsen und Martinsumzüge mit Laterne sind für Deutschland dokumentiert.
Die Aufnahme der Bolzplätze auf die Kulturerbe-Liste hatte dabei das Deutsche Fußballmuseum beantragt. Es folgte ein „mehrstufiges Antragsverfahren“, wie das DFB-Museum berichtet. Gemeistert. Entsprechend stolz ist Museumsdirektor Manuel Neukirchner: „Der Bolzplatz ist eine offene und partizipative Kulturform sowie ein prägender Sozialisationsraum. Hier treten Kreativität, spontane Selbstorganisation, Fairness und Durchsetzungsvermögen in wechselseitige Beziehung. Für Kinder und Jugendliche ist der Bolzplatz daher eine kleine Lebensschule. Wir freuen uns sehr, dass diese herausragende gesellschaftliche und soziale Bedeutung durch die Aufnahme der Bolzplatzkultur in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes besondere Aufmerksamkeit erfährt.“
Also, liebe Lehrer*innen, wenn die Kinder aus der Pause zu spät und mit verschmutzten Ranzen (die wurden als Tore gebraucht!) zurück in die Klasse kommen oder wenn, liebe Eltern, jemand das nächste Abendessen verpasst: Seien Sie stolz. Beim Pöhlen wird Kultur gelebt!
