Immer wieder geraten besondere Vereine in tiefe Krisen, stürzen ab und die Fußballwelt fragt sich: Wie konnte es dazu kommen? In Deutschland geht es vielen Traditionsvereinen so. Doch darüber wird an vielen Stellen schon ausführlich diskutiert. Hier auf FanLeben.de schauen wir deswegen ins Ausland und widmen uns in detaillierten Recherchen der bitteren Realität von Vereinen, die wir im internationalen Fußball heute vermissen. Im ersten Teil der Serie ging es um Vitesse Arnheim, im zweiten Teil folgte Bursaspor, im dritten der FC Malaga, im vierten Wacker Innsbruck, im fünften Sheffield Wednesday, im sechsten die Western City Wanderers, im siebten die Bolten Wanderers, im achten beschäftigten wir uns mit Manchester United, im neunten ging es um einen Verein, der nur aufgrund eines schlimmen Unfalls Teil dieser Rubrik wurde: Chapecoense und im zehnten ging es dann um Lukas Podolskis Investitionen bei Gornik Zabrze. Heute folgt aus aktuellem Anlass Teil 11 der Serie. Es geht nach Bulgarien – und jetzt auch schon los!
Bryan Hein spielte früher beim Hamburger SV und bei Jahn Regensburg, seit Sommer aber war der Schienenspieler vereinslos. Nachdem im vergangenen Sommer ein Wechsel in die englische Championship gescheitert war, hatte der Linksverteidiger zuletzt zwar beim niederländischen Zweitliga-Spitzenreiter ADO Den Haag mittrainiert, aber sich mit dem Klub auf keinen Vertrag einigen können. Stattdessen wechselt Hein jetzt nach Bulgarien – und zwar zum ältesten Verein des Landes. Ein Transfer, der Fußball-Feinschmecker*innen darum auf jeden Fall Freude bereitet. Schauen wir uns Heins neuen Klub, den bulgarischen Erstligisten Botev Plovdiv, einmal genauer an.
Der bulgarische Fußballklub Botev Plovdiv wurde am 11. März 1912 in Plowdiw gegründet – von 22 Schülern des französischen Saint-Augustine-Kollegs und der Ersten Jungenoberschule. Der Verein trug zunächst den Namen Hristo Botyov – Futbolno druzhestvo („Hristo-Botyov-Fußballvereinigung“) und ehrte damit bewusst den bulgarischen Nationalhelden Hristo Botev. Den Vorschlag für diese Namensgebung machte der Gastgeber der Gründungsversammlung, Tenyo Rusev. Zum ersten Vorstand gehörten Stoyan Puhtev als Vorsitzender, Nenko Penelov als Stellvertreter sowie Petar Delev, der zugleich die Funktionen des Sekretärs und Kassierers übernahm. Der 11. März war ein Sonntag, offiziell angemeldet werden konnte der Klub darum erst einen Tag später und deswegen gilt der 12. März 1912 auch formal als offizielles Gründungsdatum des Vereins. Hristo Botev lebte und wirkte im 19. Jahrhundert in einem Kontext, der von nationaler Befreiung und antikolonialem Widerstand gegen die osmanische Herrschaft geprägt war. Er wollte dabei einen bulgarischen Staat und hatte dabei ein ethnisch-geprägtes Menschenbild. Botev war aber auch radikal egalitär und sozialkritisch. Er kritisierte nicht nur das Osmanische Reich, sondern ebenso scharf die bulgarischen Eliten, den Klerus, Opportunismus und soziale Ungleichheit innerhalb der eigenen Gesellschaft. In seinen publizistischen Texten finden sich solidarische Bezüge zu anderen unterdrückten Gruppen und eine deutliche Nähe zu republikanischen, teilweise proto-sozialistischen Ideen. Er lebte zeitweise im Exil in Rumänien, wo er als Journalist arbeitete und revolutionäre Schriften veröffentlichte. Diese waren durchaus radikal und zeugten davon, dass er auch Gewalt als Mittel der revolutionären Auseinandersetzung akzeptierte. Dem folgte auch sein Handeln: Während des Aprilaufstands von 1876 organisierte er eine bewaffnete Freischar, überquerte mit seinen Mitstreitern die Donau und zog in Richtung des Balkangebirges, um den Aufstand gegen die osmanische Herrschaft zu unterstützen. Am 2. Juni 1876 fiel Hristo Botev im Kampf, mit nur 28 Jahren.
Aber zurück zum Sport. Im Jahr 1920 spaltete sich dann ein Teil der Mitglieder ab und gründete mit Rekord einen eigenen Klub. Botev blieb davon sportlich unbeeindruckt und gewann die erste inoffizielle Stadtmeisterschaft. Das erste internationale Spiel der Vereinsgeschichte bestritt Botev am 30. August 1925 gegen den türkischen Klub Fenerbahçe, unterlag dabei jedoch mit 2:6. Bereits ein Jahr später stellte sich Erfolg ein: Unter Spielertrainer und Kapitän Nikola Shterev gewann die Mannschaft den Plowdiw-Pokal. Der größte Triumph der frühen Vereinsgeschichte folgte 1929, als Botev im Finale um die bulgarische Meisterschaft Levski Sofia mit 1:0 besiegte. Den entscheidenden Treffer erzielte erneut Nikola Shterev. Damit war Botev der erste Klub aus Plowdiw, der den nationalen Titel gewann. Zu den prägenden Spielern dieser Zeit zählten Stancho Prodanov, Vangel Kaundzhiev und Mihail Kostov, die allesamt auch für die bulgarische Nationalmannschaft aufliefen. In den folgenden Jahren – 1930, 1931, 1937 und 1940 – sicherte sich der Verein zudem mehrfach die Stadtmeisterschaft.
Entwurzelung im Ostblock, Fußball und Politik
Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war von politischen Eingriffen geprägt. Zwischen 1944 und 1960 wechselte der Klub mehrfach seinen Namen: von Botev (1912–1946) über DNV (1947–1951), DNA (1952–1957), SKNA (1957) zurück zu Botev (1957–1968) und schließlich Trakia (1968–1989). 1951 wurde der Verein in die neu gegründete bulgarische A-Liga aufgenommen. Nach dem Abstieg 1953 gelang bereits ein Jahr später der direkte Wiederaufstieg. Erwähnenswert ist noch die Saison 1956, die Botev als Tabellendritter abschloss und zusätzlich das Finale des bulgarischen Pokals erreichte. Dort unterlag man allerdings erneut Levski Sofia, diesmal mit 2:5. Parallel dazu investierte die Stadt Plowdiw in die sportliche Infrastruktur. Am 21. Juli 1959 begann der Bau eines neuen Sportkomplexes, der innerhalb von zwei Jahren fertiggestellt wurde. Das neue Stadion erhielt den Namen Hristo-Botev-Stadion. Eingeweiht wurde es mit einem Freundschaftsspiel gegen Steaua Bukarest, das Botev vor 20.000 Zuschauern mit 3:0 gewann
Die verbesserten Rahmenbedingungen halfen dem Verein dabei erheblich: Botev Plovdiv belegte 1961 zum zweiten Mal in seiner Vereinsgeschichte den dritten Platz in der bulgarischen A-Liga. Noch bedeutender für die Entwicklung der kommenden Jahre war jedoch der erste Einsatz von Dinko Dermendzhiev, der sich in den folgenden Jahren zum prägendsten Spieler des Vereins entwickeln sollte und gemeinhin als Symbol für das nun beginnende „goldene Zeitalter“ von Botev gilt. Dermendzhiev hält bis heute den Rekord für die meisten Pflichtspieleinsätze des Klubs mit 447 Partien. Auch als Torjäger ist Dermendzhiev unerreicht: 194 Treffer erzielte er für Botev. Mit ihm gewann Botev 1962 erstmals den bulgarischen Pokal. Im Finale am 12. August 1962 besiegte die Mannschaft Dunav Rousse mit 3:0 im Vasil Levski National Stadium in Sofia. In der folgenden Saison 1962/63 erreichte Botev international erstmals größere Aufmerksamkeit: Im Europapokal der Pokalsieger zog der Klub bis ins Viertelfinale ein, nachdem Steaua Bukarest und die Shamrock Rovers ausgeschaltet wurden. Erst dort scheiterte Botev deutlich an Atlético Madrid mit 1:5 nach Hin- und Rückspiel. Parallel dazu belegte das Team in der heimischen Liga den zweiten Platz mit 40 Punkten, nur drei Zähler hinter Spartak Plovdiv.
Kurz darauf griffen jedoch erneut politische Instanzen in die Vereinsstruktur ein: Botev, Spartak und Akademik wurden zwangsweise zu einem neuen Klub unter dem Namen Trakia zusammengeschlossen. Der neu formierte Verein spielte weiterhin im Hristo-Botev-Stadion, behielt Farben, Kader, Anhängerschaft und historische Identität bei. Ziel der Maßnahme war es, eine schlagkräftige Mannschaft zu schaffen, die den dominierenden Klubs aus Sofia Paroli bieten sollte. Tatsächlich stießen jedoch lediglich zwei Spieler des bisherigen Rivalen Spartak zum Team. Und trotzdem: Den zweiten nationalen Meistertitel gewann der Verein 1967. Die Meistermannschaft von 1967 umfasste namhafte Akteure wie Viden Apostolov, Georgi Popov und Rayko Stoynov; Trainer war Vasil Spasov. Im Europapokal der Landesmeister der Saison 1967/68 schied man jedoch bereits in der ersten Runde gegen Rapid Bukarest aus: Auf einen 2:0-Heimsieg folgte eine 0:3-Niederlage nach Verlängerung in Rumänien. Einige Jahre später, 1981, erreichte der Klub erstmals das Finale des Balkancups, unterlag dort nach zwei viel beachteten Endspielen dem jugoslawischen Vertreter Velež Mostar und wurde Zweiter.
Frei war der sportliche Wettbewerb in dieser Zeit aber eben nicht. Die Vereine im sowjetischen Einflussgebiet standen häufig unter der formellen oder informellen Trägerschaft von Ministerien, Betrieben, Armee oder Polizei; sportlicher Erfolg galt als Ausdruck staatlicher Leistungsfähigkeit und ideologischer Überlegenheit. In Bulgarien unterlagen Klubs damit direkter Einflussnahme durch Partei und Staat. Vor diesem Hintergrund sind auch die Zwangsfusionen lokaler Klubs nach dem zweiten Weltkrieg oder wie hier in den 1960er-Jahren zu verstehen. Die Zusammenlegung von Botev mit Spartak und Akademik zu Trakia folgte dem Leitgedanken der Zentralisierung: Statt mehrerer konkurrierender Vereine sollte ein schlagkräftiger Klub entstehen, der den dominierenden Teams aus den Hauptstädten -insbesondere Sofia – Paroli bieten und auch die internationale Leistungsfähigkeit steigern konnte. Der Ost- sollte dem West-Fußball in nichts nachstehen. Solche Eingriffe waren im Ostblock darum keineswegs ungewöhnlich, sondern Teil einer Sportpolitik, die Effizienz, Kontrolle und internationale Repräsentation über historisch gewachsene Vereinsidentitäten stellte. Dass Farben und weitere Traditionen formell erhalten blieben, änderte wenig daran, dass sportliche Organisation hier primär als politisches Instrument verstanden wurde – und nicht als zivilgesellschaftlicher Ausdruck lokaler Zugehörigkeit.
Im Jahr 1981 sicherte sich Botev zudem seinen zweiten bulgarischen Pokalsieg durch einen Finalsieg gegen Pirin Blagoevgrad. Die sportliche Konstanz dieser Jahre spiegelt sich auch in den Ligaplatzierungen wider: Botev belegte 1981, 1983, 1985, 1987 und 1988 jeweils Rang drei in der A PFG und wurde 1986 Vizemeister. In dieser Saison sammelte das Team 41 Punkte, zwei weniger als Meister Beroe, obwohl Botev das direkte Duell spektakulär mit 8:1 gewann. Diese Mannschaft ging als goldenes Team des Klubs in die Vereinsgeschichte ein, geprägt von Spielern wie Antim Pehlivanov, Dimitar Vichev, Atanas Pashev, Dimitar Mladenov, Zapryan Rakov, Blagoy Bangev und Petar Zehtinski. Gregory Slavkov gewann 1981 überdies mit 31 Saisontoren den „Golden Schuh“ als Europas bester Torjäger. Auch international setzte Botev Akzente: 1981 gelang ein 1:0-Heimsieg gegen den FC Barcelona im Hinspiel des Pokals der Pokalsieger. Besonders in Erinnerung blieb die Europapokal-Saison 1985, als der Verein die zweite Runde erreichte. Höhepunkt war ein 2:0-Heimsieg gegen den FC Bayern München, der damals mit Spielern wie Klaus Augenthaler, Dieter Hoeneß, Søren Lerby, Lothar Matthäus und Jean-Marie Pfaff antrat. Vor mehr als 45.000 Zuschauern im Plowdiwer Stadion erzielten Atanas Pashev und Kostadin Kostadinov am 7. November 1984 die Tore. Trotz dieses Prestigesiegs schied Botev aus, da das Hinspiel mit 1:4 verloren gegangen war.
Nach staatlicher Kontrolle und Ausverkauf: Botev holpriger Weg zur Vereinsdemokratie zurück
Am 29. November 1989, nach 22 Jahren unter dem politisch verordneten Namen Trakia, kehrte der Verein schließlich offiziell zu seinem historischen Namen Botev zurück – ein symbolischer Akt am Vorabend des politischen Umbruchs in Bulgarien.
Nach dem politischen Umbruch Anfang der 1990er-Jahre begann dann – abseits der Politik – auch für Botev Plovdiv eine Phase tiefgreifender Umbrüche. 1992 wurde der Verein von einem Broker-Konsortium unter Führung von Hristo Alexandrov und Hristo Danov übernommen. Die neuen Eigentümer investierten erheblich und verpflichteten erfahrene Spieler aus dem bulgarischen Spitzenfußball, darunter Nasko Sirakov, Bozhidar Iskrenov, Kostadin Vidolov und Borislav Mihaylov. In dieser Zeit verpflichtete Botev mit dem Ungarn Roberto Szabay erstmals einen ausländischen Spieler. Der sportliche Ertrag der Investitionen blieb jedoch begrenzt: Zwischen 1993 und 1995 erreichte der Klub zwar dreimal Rang drei in der A PFG, verpasste aber den erhofften Schritt an die nationale Spitze. Ein Wendepunkt folgte am 19. März 1999, als Dimitar Hristolov den Verein übernahm – doch nicht in die gewünschte Richtung: Es war stattdessen der Beginn einer der schwierigsten Phasen der Klubgeschichte. In der Saison 2000/01 stieg Botev erstmals seit 47 Jahren aus der höchsten bulgarischen Spielklasse ab. Zwar gelang der direkte Wiederaufstieg, doch 2004 folgte der erneute Abstieg. Zwischen 2005 und 2009 spielte der Klub zwar wieder in der A PFG, jedoch meist in der unteren Tabellenhälfte. Hristolov setzte dabei vor allem auf Prestige, nicht auf wirtschaftliche Nachhaltigkeit: Im September 2009 sorgte Botev so zum Beispiel für ein kurioses Novum, als beim 1:2-Auswärtsspiel gegen Litex Lovech gleich sieben italienische Spieler eingesetzt wurden – ein Rekord für die bulgarische Liga. Doch schon kurz darauf verschärfte sich die finanzielle Krise: Am 24. Februar 2010 wurde der Klub aus wirtschaftlichen Gründen aus der A PFG ausgeschlossen, die verbleibenden Saisonspiele gingen kampflos mit 0:3 verloren. Dieser finanzielle Kollaps führte Botev in der Saison 2010/11 in die dritte Liga, die damalige Amateurklasse V Group. Der Verein wurde organisatorisch neu aufgebaut, unterstützt von erfahrenen Spielern wie Atanas Kurdov, Todor Timonov, Nikolay Manchev und Torhüter Armen Ambartsumyan. Ungeschlagen gewann Botev seine regionale Staffel und stieg umgehend in die zweite Liga auf. In der Saison 2011/12 begann der Klub mit Petar Hubchev als Trainer, trennte sich jedoch im Oktober wegen ausbleibender Erfolge. Auch sein Nachfolger Milen Radukanov blieb erfolglos, ehe Kostadin Vidolov erneut das Traineramt übernahm und den Verein nach einem 2:0-Play-off-Sieg gegen Sportist Svoge zurück in die erste Liga führte.
Sportlich stabilisierte sich Botev in den folgenden Jahren. In der Saison 2012/13 belegte der Klub Rang vier und rückte – aufgrund der finanziellen Probleme von CSKA Sofia – in den UEFA Europa League nach. Damit kehrte Botev nach 18 Jahren auf die europäische Bühne zurück. Siege gegen Astana und Zrinjski Mostar folgten, ehe in der dritten Qualifikationsrunde VfB Stuttgart das Weiterkommen verhinderte. Auch 2013/14 wurde der Klub Vierter und erreichte zudem das Finale des bulgarischen Pokals, unterlag dort jedoch Ludogorets Rasgrad mit 0:1. Gegen denselben Gegner verlor Botev auch den bulgarischen Supercup 2014. International scheiterte der Klub in der Europa League 2014/15 nach einem Sieg gegen Libertas an St. Pölten. In den darauffolgenden Jahren etablierte sich Botev im Tabellenmittelfeld. Am 24. Mai 2017 gewann Botev mit 2:1 gegen Ludogorets Rasgrad zum drittel Mal den bulgarischen Pokal. Es folgte die Teilnahme an der Europa League 2017/18, mit Siegen gegen Partizani Tirana und Beitar Jerusalem, ehe erneut in der dritten Qualifikationsrunde Endstation war. Am 9. August 2017 gewann der Klub erstmals den bulgarischen Supercup, erneut gegen Ludogorets – diesmal 5:4 im Elfmeterschießen nach einem 1:1. 2021 kündigte der Verein die Gründung einer zweiten Mannschaft, Botev Plovdiv II, an. Im Juli 2021 übernahm schließlich der frühere Eigentümer des Reading FC, Anton Zingarevich, den Klub. Und ganz aktuell folgte dann noch der Pokalsieg 2024, als Botev erneut Ludogorets bezwang und damit seinen vierten nationalen Pokaltitel feiern konnte.
Doch der schöne Schein trübt. Denn Anton Zingarevich ist ein russischer Geschäftsmann und Sportinvestor. Als Sohn des russischen Milliardärs Boris Zingarevich und wuchs auch teilweise im Ausland auf, unter anderem besuchte er Schulen in England. Er unterhält dennoch enge Verbindungen zur russischen Politikelite, was gleich noch wichtig wird. Während seiner Zeit bei Botev Plovdiv investierte er in Trainer, Spieler und Infrastruktur und erreichte damit zunächst auch die beschriebenen sportlichen Erfolge. Allerdings geriet sein Engagement zunehmend in die Kritik: Der Klub zeigte sportlich wechselnde Leistungen, hatte häufige Personalwechsel in Geschäftsführung und Trainerstab und entwickelte erhebliche finanzielle Schulden. Ende 2024 wurde Zingarevich dann auch noch von den bulgarischen Behörden zur persona non grata erklärt und mit einem zehnjährigen Einreiseverbot belegt – unter anderem auch mit Verweis auf „nationale Sicherheitsbedenken“ im Zuge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine und seine Verbindungen zum Kreml.
Zingarevich kokettierte daraufhin damit, seine Anteile an Fans des Vereins zu übergeben. Nicht überraschend, denn während der finanziellen Zusammenbrüche 2010 und erneut in den 2020er-Jahren waren sie es, die Spendenkampagnen und Dauerkartenaktionen organsierten und öffentlichen Druck auf Eigentümer und Politik machten. Naja. Immerhin hat er sie tatsächlich an die PFC Botev Assoziation verkauft. Das zu stemmen war für die PFC Botev Assoziation dabei gar nicht so einfach. Denn auch die angehäuften Schulden in Höhe von 3,5 Millionen Euro musste die PFC Botev Assosziation aufbringen. Aber: Im Kern handelt es sich bei der PFC Botev Association jetzt wirklich um eine Mitglieder- und Fanorganisation, die sich offiziell zum Ziel gesetzt hat, die Traditionen, die Geschichte und den Bezug zwischen Verein und Anhängerschaft zu bewahren. Sie tritt als legaler Nachfolger des historischen Botev-Vereins auf und ist offen für Fans, die gegen Zahlung eines Jahresbeitrags Mitglied werden können. Mitglieder haben Mitspracherechte und können an Initiativen teilnehmen, die vor allem die „gelb-schwarze Gemeinschaft“ und ihre Werte fördern sollen. Dazu gehört auch soziales Engagement in der Stadt. Die Organisation besitzt auch rechtliche Nutzungsrechte am historischen Vereinslogo. Und seit der Übernahme des professionellen Spielbetriebs kontrolliert der Fanzusammenschluss damit endlich auch wieder den Profifußball. Besonders herauszuheben ist hier jedoch noch der lokale Geschäftsmann Iliyan Filipov, der Mitglied des Zusammenschlusses ist, den Kaufpreis aufbrachte und die Schulden aus seinem Vermögen beglich. Auch wenn die PFC Botev Assosziation damit formell ein demokratischer Zusammenschluss ist, führt an Filipov bei Botev damit kein Weg vorbei.
Und dennoch ist diese Entwicklung absolut erwähnenswert: Denn der bulgarische Profifußball ist seit den 90er Jahren stark eigentümer- und investorengetrieben. Die meisten Klubs werden entweder von Einzelpersonen, Unternehmensgruppen oder – historisch – von staatsnahen Akteuren kontrolliert. In diesen Modellen liegt die formelle Entscheidungsmacht bei Kapitalgebern oder Geschäftsführungen; Fans haben in der Regel keine institutionalisierte Mitsprache. Demokratische Vereinsstrukturen nach dem Vorbild mitgliedergetragener Vereine sind daher die Ausnahme, nicht die Regel. Es gibt zwar weitere Beispiele für fan- oder mitgliederbasierte Organisationen, vor allem im unterklassigen Fußball. Einige kleinere Vereine wurden nach Insolvenzen oder Lizenzentzügen als Neugründungen durch Fans wiederaufgebaut und organisatorisch als Mitgliedervereine angelegt. In der ersten Liga Bulgariens ist Botev damit aber der einzige Verein, der von seinen Fans kontrolliert wird. Und damit haben die aus der schwersten Krise ihres Klubs eine echte Tugend gemacht. Respekt!
Die Fans von Botev bezeichnen sich selbst oft als „die ältesten“ – in direkter Anlehnung an das Gründungsjahr 1912, das Botev ja zum ältesten noch existierenden Fußballverein Bulgariens macht. Diese historische Selbstverortung ist zentral für ihre Identität. Die Anhängerschaft versteht sich nicht nur als Begleiter des Vereins, sondern als Hüter seiner Geschichte, seines Namens und seiner Symbolik. Entsprechend stark war der Widerstand gegen politisch verordnete Eingriffe, etwa die jahrzehntelange Umbenennung in Trakia während der realsozialistischen Zeit. Die Rückkehr zum Namen Botev 1989 wurde von den Fans als bedeutendster Sieg der Vereinsgeschichte empfunden. Organisiert sind die Anhänger in einer aktiven Ultraszene, die vor allem auf der Südtribüne des Hristo Botev Stadium präsent ist. Choreografien, Pyrotechnik und großflächige Banner gehören seit den 1990er-Jahren fest zur Fankultur. Im Unterschied zu vielen anderen bulgarischen Fanszenen betonen die Botev-Anhänger jedoch statt Nationalismus oder politische Extreme vor allem ihre lokale Identität. Zentral ist darüber hinaus eine dezidiert anti-autoritäre und anti-instrumentelle Haltung. Der Bezug auf den Namensgeber Hristo Botev – Revolutionär, Dichter und Freiheitskämpfer – wird dabei eher emanzipatorisch als ethnisch aufgeladen gelesen: als Symbol für Widerstand, Selbstbestimmung und moralische Integrität. In der Praxis äußert sich diese Haltung durch situative politische Positionierungen: Proteste gegen korrupte Funktionäre, gegen aus ihrer Sicht illegitime Eigentümer oder gegen Entscheidungen von Verband und Staat, die als ungerecht empfunden werden. Sie zeichnen sich aber aber durch klare Positionierungen gegen staatliche Repressionen, für Freiheit und zivilgesellschaftliches Engagement aus.
Sportlich liegt Botev dabei aktuell übrigens auf Platz elf der Efbet Liga. Brayan Hein soll hier nun auf dem linken Flügel die Lücke des zu ZSKA Sofia gewechselten 24-jährigen Andrey Yordanov füllen. Der gebürtige Hamburger wird dabei unter anderem Hendrik Bonmann (31, Ludogorets), Andre Hoffmann (32) und Florian Krebs (26, beide CSKA 1948) treffen und ist der vierte Deutsche im bulgarischen Oberhaus.
Die Geschichte von Botev zeigt: Tradition ist kein Wert an sich, sondern entfaltet seine Kraft durch die Menschen, die sie leben. Trotz Rückschlägen kann Zukunft positiv gestaltet werden. Und der Fußball beweist einmal mehr welche gesellschaftliche Kraft er hat.
