Es sind schon ganz schöne Ausrufezeichen, die Borussia Dortmund mit seiner Frauenfußball-Abteilung in letzter Zeit setzt.
Bereits im letzten Sommer kam mit Markus Högner ein neuer Trainer. Und was für einer! Högner ist im deutschen Frauenfußball nicht irgendwer: Über 300 Mal stand er als Cheftrainer in der Bundesliga bei der SGS Essen an der Seitenlinie, zudem arbeitete er als Assistent für die deutsche Nationalmannschaft und beim VfL Wolfsburg, der ja im Frauen- anders als im Männerfußball nach wie vor eine Spitzenmannschaft ist. Dabei steht Högner insbesondere für kontinuierliche Aufbau- und Entwicklungsarbeit, denn nicht nur, dass die SGS Essen mittlerweile der einzige reine Frauenfußballverein in der Bundesliga ist, unter Högner debütierten auch zahlreiche spätere Topspielerinnen wie Lena Oberdorf in der Bundesliga. Gleichzeitig verpflichtete der BVB einige Juniorinnennationalspielerinnen und stellte – als einziger Regionalligist – auf einen Trainingsbetrieb unter Profi-Bedingungen um. Thomas Sulewski, der bis dahin und seit der Gründung der BVB-Frauen Cheftrainer gewesen war, wurde dafür hauptamtlicher Jugendleiter, auch das ist im Regionalliga-Umfeld nahezu einzigartig. Auch sportlich läuft es währenddessen weiter ziemlich gut, bislang stiegen die Borussinnen ja im jeden Jahr als Meisterinnen in die nächsthöhere Spielklasse auf, dieses Jahr liegt man zwar noch „nur“ auf Platz zwei, drei Punkte hinter dem 1. FC Köln, zeigte dafür aber im DFB-Pokal, dass man selbst mit den FC Bayern-Frauen in einem einzelnen Spiel mithalten konnte.
Für die kommende Saison hat Borussia Dortmund jetzt noch zweimal nachgelegt. Zum einen wurde Alexandra Popp beim Männer-Heimspiel am Samstag gegen den FC Augsburg, vor der Südtribüne als Neuzugang vorgestellt. Popp kommt dabei mit der beeindruckenden Erfahrung aus 145 Länderspielen (67 Tore), bislang 332 Bundesliga-Spielen (158 Tore) und 89 Champions-League-Spielen (36 Tore) nach Dortmund. In ihrer Karriere gewann sie zudem unter anderem dreimal die Champions League, sieben Deutsche Meisterschaften, 13 Mal den DFB-Pokal und mit der Nationalmannschaft 2016 Olympia-Gold in Rio. Diese Saison lief sie wettbewerbsübergreifend (Bundesliga, DFB-Pokal, Supercup und Champions League) bislang schon 25 Mal für den VfL Wolfsburg auf, traf dabei 13 Mal und legte fünf weitere Tore direkt auf. Zum anderen kommt – ebenfalls aus Wolfsburg – auch Ralf Kellermann zum BVB. Kellermanns Verpflichtung als Sportdirektor Frauen könnte dabei zwar der weniger spektakuläre, dafür aber strategisch wichtigere Coup sein. Denn auch dessen Vita ist beeindruckend. So gewann Kellermann, damals noch als Trainer des VfL Wolfsburg, zweimal die Champions League, dreimal die Deutsche Meisterschaft und viermal den DFB-Pokal. 2014 wurde er sogar als FIFA-Welttrainer des Jahres im Frauenfußball ausgezeichnet. In seiner Zeit als Sportdirektor folgten dann noch vier Meisterschaften und sieben Pokalsiege. Vor allem aber gelangen dem gebürtigen Duisburger zahlreiche nationale wie internationale Top-Transfers von heutigen Weltklasse-Spielerinnen. Diese kann beim BVB nun Markus Högner entwickeln, ein Top-Match.
Ohne Frage: Borussia Dortmund lässt mit dieser Ausrichtung keinen Zweifel an den eigenen Ambitionen aufkommen. Es soll in die Bundesliga gehen – und zwar so schnell wie möglich. Und dass da auch nicht mit dem Kampf um den Klassenerhalt Schluss sein soll, daran kann spätestens jetzt auch niemand mehr auch nur den geringsten Zweifel haben. Abteilungsgeschäftsführerin Svenja Schlenker, die im Gründungsjahr übrigens selbst noch für die BVB-Frauen auf dem Platz stand, besetzt alle Schlüsselposition mit absoluter Fachexpertise. Die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich der Frauenfußball in Dortmund bestmöglich entwickelt, ist die oberste Priorität. Im Männerfußball schienen da beim BVB hingegen immer mal wieder auch andere, zusätzliche Kriterien zu gelten. Schlenker, die auch der BVB-Geschäftsführung als Personalgeschäftsführerin angehört und bis dahin Betriebsratsvorsitzende beim BVB war, bringt sich so auch für noch größere Aufgaben beim BVB in Stellung, sollte zum Beispiel Lars Ricken irgendwann mal bei Borussia Dortmund ausscheiden, wäre sie längst die logische Nachfolgerin.
Aber wie passt diese Personaleskalation mit dem eigenen Gründungsversprechen der Frauenfußballabteilung bei Borussia Dortmund zusammen: Nach einer Fan- und Mitgliederbefragung entschied man sich ja bewusst dafür, die eigene Mannschaft zunächst in der Kreisliga zu melden, also nicht die Abteilung eines anderen Vereins zu übernehmen, wie es andere Männerbundesligisten getan hatten. Der Frauenfußball sollte behutsam und aus eigener Kraft wachsen und so Identifikation stiften. Bis zum Sommer bestanden die BVB-Frauen darum auch teilweise noch aus den Spielerinnen, die sich beim Spielerinnen-Casting zur Gründung beworben hatten. Jungen Frauen, deren Lebenstraum es war, einmal für ihre Borussia aufzulaufen. Jetzt kommen – wie bei den Männern – immer mehr Spielerinnen dazu, denen es zunächst einmal um ihre sportliche Karriere geht und nicht nur um den BVB. Ist das also der Bruch mit dem bisherigen Weg?
Ich glaube nicht.
Identifikation und Professionalisierung bilden im Profi-Fußball zwar immer ein Spannungsfeld. Mit Kellermann und Högner setzen die BVB-Frauen aber auf eine sportliche Führung, die für einen Weg steht, der sehr Dortmund-like ist: Hochtalentierte Spielerinnen aus der Region finden und entwickeln, darüber hinaus einen Kern an erfahrenen Akteurinnen als Gerüst der Mannschaft aufbauen und so weiter nachhaltiges Wachstum generieren. Und auch wenn in Zukunft immer weniger „echte“ Borussinnen und immer mehr Profifußballerinnen für den BVB spielen werden, mindestens bis 2029, solange läuft ihr Vertrag, wird das Gesicht der Mannschaft eine Frau sein, die sich damit ihren Lebenstraum erfüllt. Denn Alexandra Popp ist großer BVB-Fan, hat sich vor der Abteilungsgründung immer wieder kritisch darüber geäußert, dass sie als Frau so nicht für Borussia Dortmund spielen könnte und nach der Abteilungsgründung sofort angekündigt, zum Karriereende zum BVB zu wechseln.
Dabei stehen die Borussinnen auch für attraktiven Fußball in bester Ruhrgebiets-Manier: In 16 Regionalliga-Spielen haben sie in dieser Saison schon 69 Tore erzielt – mehr als jede andere Mannschaft. Jedes Spiel ist also ein kreatives Feuerwerk. Gleichzeitig wird aber auch nach hinten hart gearbeitet: Nur 10 Gegentore stehen bislang zu Buche. Auch das ist Liga-Bestwert. Beides zusammen lockt immer wieder auch viele Zuschauer*innen ins Stadion Rote Erde, zum Westfalenpokalfinale letzten Sommer gegen Schalke 04 waren es zum Beispiel über 10.000, ein Heimspiel im Westfalenstadion vor über 80.000 Fans ist der nächste große Traum von Schlenker. Das ist auch Werbung für den Frauenfußball insgesamt und der Beweis, dass dieses Vereinsmotto des BVBs nach wie vor gilt: „Fußball verbindet Generationen. Männer und Frauen, alle Nationen.“
Vielleicht wird also tatsächlich das die nächste große Bewährungsprobe für die Svenja Schlenker und ihr Team: Den BVB-Weg auch unter Profi-Bedingungen weiter zu festigen, sportliche Entwicklungen und Schwarz-Gelbe-Leidenschaft zusammenzuhalten.
Aber bislang sieht alles danach aus, als würde das ziemlich gut gelingen.
