Manchmal schreibt der Fußball rund um einzelne Spiele ganz besondere Geschichten – absurd oder bewegend. Auf FanLeben.de rekonstruieren wir diese Geschichten und halten so die Erinnerung am Leben. Nachdem wir bislang über das Spiel Barbados und Grenada 1994, bei dem beide Mannschaft unbedingt ein Eigentor erzielen wollten, die Rückkehr von Erzgebirge Aue auf die internationale Bühne, über die tragische Geschichte der torreichste Begegnung aller Zeiten, über einen Schiedsrichter und seine Zahnprothese, über die WM 1954 berichtet haben, ein kurioses Qualifikationsspiel zwischen Madagaskar und Mauritius, ein Spie mit mehr als einem Ball berichtet haben, ein ziemlich überraschendes Tor, einen Spielabbruch, von dem vor allem Rot-Sünder profitierten. die Erfindung der Strafkarten und über das Wetter in Kaiserslautern berichtet haben, geht es heute um einen Tiefpunkt der WM-Qualifikation. Los gehts!
Am 21. November 1973 sollte im Estadio Nacional de Chile das Rückspiel der interkontinentalen Qualifikation zur FIFA Weltmeisterschaft 1974 zwischen den Nationalmannschaften von Chile und der Sowjetunion stattfinden. Es war das entscheidende Spiel um einen WM-Startplatz. Doch es wurde kein Fußball gespielt. Stattdessen wurde der Ball einmal angestoßen, in ein leeres Tor geschoben – und ein Ergebnis festgeschrieben, das bis heute als Symbol für die politische Blindheit des Weltfußballs gilt.
Der sportliche Rahmen
Sportlich war die Ausgangslage klar definiert. Das Hinspiel am 26. September 1973 in Moskau hatte mit einem 0:0 geendet. Damit sollte das Rückspiel in Santiago regulär über den WM-Teilnehmer entscheiden. Wer gewinnt, ist bei der WM dabei, wer verliert, würde im Jahr darauf nicht zur Weltmeisterschaft nach West-Deutschland reisen. Beide Mannschaften galten als ebenbürtig, die Entscheidung als offen.
Doch zwischen dem Hin- und Rückspiel hatte sich Chile grundlegend verändert.
Der politische Bruch
Am 11. September 1973 putschte das Militär unter Führung von General Augusto Pinochet gegen die demokratisch gewählte Regierung des Sozialisten Salvador Allende. Allende, der sich für mehr Bildungsgerechtigkeit und allgemeinen Zugang zu Nahrung und den Rohstoffen des Landes eingesetzt hatte, kam während des Putsches zu Tode. In den Tagen und Wochen danach wurden in Chile zehntausende Menschen von der Militärjunta verhaftet, gefoltert oder ermordet. Das Estadio Nacional in Santiago wurde dabei zu einem zentralen Ort der Repression: Es diente als Internierungs-, Verhör- und Folterlager. Diese Nutzung ist durch Berichte von Amnesty International, den Vereinten Nationen und der chilenische Wahrheitskommissionen umfassend dokumentiert.
Als der Termin des Rückspiels näher rückte, war international bekannt, wofür das Stadion wenige Wochen zuvor genutzt worden war.
Die Position der Sowjetunion
Die Sowjetunion erklärte daraufhin, nicht in einem Stadion spielen zu wollen, das als Haft- und Folterstätte genutzt worden war. Der sowjetische Fußballverband beantragte bei der FIFA darum offiziell, das Spiel auf neutralem Boden auszutragen. Dieser Antrag wurde von der FIFA geprüft, aber abgelehnt. Eine FIFA-Delegation besuchte Santiago, erklärte das Stadion für „spielfähig“ und hielt am Austragungsort fest.
Die Entscheidung entsprach formal-gesehen den FIFA-Statuten, die einen politisch-motivierten Boykott von Stadien nach völkerrechtswidrigen Staatsstreichen nicht zwingend vorsehen, politisch jedoch war sie gerade deswegen hoch umstritten. Die FIFA argumentierte ausschließlich sportrechtlich und blendete diesen Kontext aus. Sidenote: Natürlich war auch das politische System der UdSSR als autoritär zu kritisieren, auch in der damaligen Sowjetunion wurden Menschenrechte immer wieder missachtet, aber es war eben nicht unmittelbar vor dem Spiel zu einem nahezu beispiellos blutigen Militärputsch gekommen.
Der Nicht-Antritt
Die sowjetische Mannschaft reiste daraufhin nicht nach Chile. Der Fußballverband der UdSSR blieb bei seiner Haltung und nahm den sportlichen Ausschluss in Kauf. Chile hingegen erschien ordnungsgemäß am Spielort. Vor weitgehend leer gebliebenen Rängen – Zuschauer*innen waren durch die neue chilenische Diktatur stark eingeschränkt worden, vermutlich weil Pinochet und seine Schergen im Nationalstadion doch etwas zu verbergen hatten – betraten die chilenischen Spieler das Feld.
Was dann folgte wirkte wie eine Farce: Der Schiedsrichter ließ anpfeifen. Nach dem Anstoß lief ein chilenischer Spieler unbedrängt Richtung gegnerisches Tor und schob den Ball über die Linie. Der Schiedsrichter gab den Treffer und beendete danach unmittelbar die Partie.
Die FIFA wertete das Spiel regelkonform als 2:0-Sieg für Chile und erklärte die chilenische Mannschaft zum Teilnehmer der Weltmeisterschaft 1974. Die Sowjetunion nahm in der Folge zum ersten Mal seit 1958 nicht an einer Fußball-Weltmeisterschaft teil.
Reaktionen und Einordnung
International löste das „Spiel“ erhebliche Kritik aus. Vor allem in Europa wurde der Vorgang als zynisch und entlarvend wahrgenommen. Menschenrechtsorganisationen warfen der FIFA vor, ihre eigenen Prinzipien der politischen Neutralität missverstanden zu haben. Neutralität, so die berechtigte Kritik, bedeute nicht Gleichgültigkeit gegenüber dokumentierten Verbrechen.
Chile nahm an der WM 1974 teil und schied in der Vorrunde aus. Das Estadio Nacional blieb jedoch für viele Jahre ein Ort der Erinnerung an staatliche Gewalt – und an einen Moment, in dem der Fußball nicht hinsah. Augusto Pinochet blieb bis 1990 Alleinherrscher im südamerikanischen Land, für seine Verbrechen wurde er in Chile niemals zur Rechenschaft gezogen.
FanLeben.de-Kommentar von Karl Jahn Boie: Die FIFA muss ihre historische Verantwortung JETZT endlich begreifen!
Das Spiel Chile gegen die Sowjetunion 1973 gilt heute als eines der politisch aufgeladensten Ereignisse der Fußballgeschichte. Es war ein Spiel, das zeigte, wie sehr Fußball Teil der Weltpolitik ist – auch dann, wenn er vorgibt, es nicht zu sein. Und auf welcher Seite er sich mit der Ignoranz seiner Verantwortung für die weltpolitischen Zusammenhänge stellt.
Dabei wäre genau jetzt, im Jahr 2026, ein guter Moment für die FIFA um genau das endlich zu begreifen. Während dieser Text online geht, protestieren allein in Minneapolis zehntausende Menschen gegen die Trump-Schlächter von ICE, die in den letzten Wochen mehrere unschuldige Menschen auf offener Straße ermordet haben. Trump versucht offensichtlich die US-Demokratie zu erschüttern, vielleicht sogar einen Bürger*innenkrieg herbeizuführen, um die Halbzeitwahlen, die in diesem Herbst anstünden und bei dem seine Macht von den US-Amerikaner*innen deutlich beschnitten werden könnte, zu verhindern.
Erlaubt die FIFA eine Fußball-WM in den USA, bei der sich Trump als Gastgeber der Welt inszenieren kann, während Bilder aus den USA die Welt erschüttern, hilft sie ihm bei seinem Plan „the Land of the free“ in eine Autokratie umzuwandeln. Allein die Botschaft: Wir sehen, was du tust und wenn du nicht zu Menschlichkeit und Verfassungstreue zurückkehrst, wird die Weltmeisterschaft in diesem Sommer nicht in den USA stattfinden, würde so wichtigen Druck auf Trump ausüben – politisch und wirtschaftlich.
Doch die FIFA wird sich wieder einmal wegducken. Wie 1973. Und seitdem fast immer. Es ist zum Verzweifeln.
