Immer wieder geraten besondere Vereine in tiefe Krisen, stürzen ab und die Fußballwelt fragt sich: Wie konnte es dazu kommen? In Deutschland geht es vielen Traditionsvereinen so. Doch darüber wird an vielen Stellen schon ausführlich diskutiert. Hier auf FanLeben.de schauen wir deswegen ins Ausland und widmen uns in detaillierten Recherchen der bitteren Realität von Vereinen, die wir im internationalen Fußball heute vermissen. Im ersten Teil der Serie ging es um Vitesse Arnheimim zweiten Teil folgte Bursasporim dritten der FC Malaga, im vierten Wacker Innsbruck, im fünften Sheffield Wednesdayim sechsten die Western City Wanderers, im siebten die Bolten Wanderersim achten beschäftigten wir uns mit Manchester Unitedim neunten ging es um einen Verein, der nur aufgrund eines schlimmen Unfalls Teil dieser Rubrik wurde: Chapecoense, im zehnten ging es dann um Lukas Podolskis Investitionen bei Gornik Zabrze und im elften ging es darum, wie Fans den ältesten Fußballvereins Bulgariens zurückkauften. Heute folgt endlich Teil zwölf der Serie. Es geht nach England – und jetzt auch schon los!

Fußball schauen in England? Eine ziemlich teure Angelegenheit. Gibt es in der deutschen Bundesliga immer mal wieder Stehplatzkarten schon ab zehn Euro, kosten die günstigsten Sitzplätze meist zwischen 20 und 40 Euro, kosten die günstigsten Premier-League-Tickets umgerechnet meist schon um die 50 Euro. Dauerkarten für den Lieblingsklub im englischen Oberhaus beginnen bei 1.000€, kosten bei Top-Klubs aber auch mal mehr als 4.000€. Zum Vergleich: Bei Borussia Dortmund reichen schon 600€ für eine gute Sicht auf alle 17 Bundesliga-Heimspiele.

Umso überraschender ist diese Geschichte: Steigt Coventry City in diesem Sommer in die Premier League auf, bekommen 5.000 Fans ihre Dauerkarte geschenkt! Wie ist das möglich?

Die Geschichte der Gratis-Tickets beginnt im Jahr 2023: Doug King, ein lokaler Geschäftsmann, stand vor seiner ersten Saison als Eigentümer des Vereins. Um die wirtschaftliche Planungssicherheit beim zuvor immer wieder wankelnden Klub zu erhöhen, machte er den Fans ein Angebot: Zu einem festgeschriebenen Preis konnten sich Coventry-Fans für gleich fünf Jahre eine Dauerkarte sichern. Verbunden mit dem Versprechen, dass es für sie eine kostenlose Dauerkarte dazu geben würde, sollte der Klub innerhalb dieser fünf Jahre in die Premier League zurückkehren.

Wie realistisch das ist? Dazu kommen wir gleich. Zuerst gibt es ein paar Backround-Infos zu Coventry City und seiner Geschichte: Der Klub wurde 1883 gegründet. Zunächst kämpfte sich der Klub über Jahrzehnte durch die unteren Ligen, ehe in den 1960er-Jahren unter Trainer Jimmy Hill der große Aufstieg gelang. 1967 erreichte Coventry erstmals die höchste Spielklasse und blieb anschließend stolze 34 Jahre erstklassig. 1992 gehörte Coventry damit sogar zu den Gründungsmitgliedern der Premier League. Der größte sportliche Moment folgte jedoch mitten in dieser Phase: der sensationelle Gewinn des FA Cups 1987. Unter den Trainern George Curtis und John Sillett besiegte Coventry im Finale Tottenham Hotspur mit 3:2 nach Verlängerung – ein Triumph, der bis heute als einer der größten Underdog-Siege der Pokalgeschichte im englischen Fußball gilt. Spieler wie Cyrille Regis, Keith Houchen, dessen spektakulärer Kopfball ikonisch wurde, Dave Bennett oder Torwart Steve Ogrizovic prägten diese goldene Generation. Anschließend hielt sich der Klub weiter erstklassig, fand sich aber zumeist auch im Abstiegskampf wieder.

Der große Bruch kam 2001: Nach 34 Jahren stieg Coventry aus der Premier League ab. Was folgte, war ein kontinuierlicher Absturz durch die Ligen. 2012 ging es erstmals seit Jahrzehnten in die dritte Liga, 2017 sogar bis in die vierte Spielklasse. Zeitweise stand der Klub sogar vor der Insolvenz. Der Grund: Mit dem Umzug aus dem traditionsreichen „Highfield Road“, das über Jahrzehnte die sportliche Heimat, vor allem aber auch im Besitz des Klubs gewesen war, in die neu gebaute „Ricoh Arena“ im Jahr 2005 sollte eigentlich der wirtschaftliche Aufbruch gelingen. Doch der Klub war in seinem neuen Stadion nur Mieter und verlor damit zentrale Einnahmequellen, etwa aus Gastronomie und weiteren Veranstaltungen. Es folgte ein Jahre andauernder Streit mit den Betreibern des Stadions über Mietzahlungen und Kontrolle, während sich die finanzielle Lage des Vereins zunehmend verschlechterte. 2013 kam es schließlich zum Bruch: Coventry City verließ die eigene Stadt und trug seine Heimspiele im rund 50 Kilometer entfernten Northampton aus – ein symbolischer Tiefpunkt, der Fans entfremdete und die Identität des Vereins erschütterte. Parallel dazu musste Coventry sogar ein Insolvenzverfahren durchlaufen. Erst ein Jahr später kam es zur Einigung mit den Betreibern der „Ricoh Arena“ und der Klub kehre in seine Stadt zurück, seine Lage stabilisierte sich wieder.

Besonders bitter: Das Stadion selbst gehörte ursprünglich einer Betreibergesellschaft, hinter der die Stadt Coventry und die lokale Wohltätigkeitsorganisation Higgs Charity standen. Coventry City wiederum gehörte zu dieser Zeit einem Londoner Investmentfonds „SISU Capital“. Es ist wohl ein Symbol für die Schattenseiten des modernen Fußballs, dass sich ein eigentlich lokal-verankerter Fußballklub aufgrund seiner kapital-getriebener Eigentümer nicht mit der Stadt und lokalen Wohltätigkeitsorganisationen über die Nutzung eines eigentlich gemeinnützigen Fußballstadions einigen konnte. Die Lösung lag übrigens im Verkauf des Stadions an den „Wasps Rugby Club“, der anders als die Stadt auf regelmäßige Mieteinnahmen angewiesen war, was die Verhandlungsposition von Coventry City beziehungsweise SISU deutlich verbesserte. Auch insgesamt – das zeigt ja allein die sportliche Entwicklung – kam Coventry unter SISU nie richtig zur Ruhe. Erst als Doug King den Klub übernahm, stabilisierte sich sein Umfeld wieder endgültig.

Und auch sportlich gehört auch die jüngere Geschichte von Coventry City wieder zur Kategorie Comeback. Unter Trainer Mark Robins begann ab 2017 ein neuer Aufschwung: Coventry gewann die Play-offs der vierten Liga und kehrte so schon im ersten Jahr wieder in die drittklassige League One zurück, holte 2020 den Titel in der dritten Liga und schaffte den Wiederaufstieg in die Championship. 2024 wurde Frank Lampard neuer Trainer Mannschaft, mit ihm scheiterte man im letzten Sommer erst im Elfmeterschießen des Play-off-Halbfinals gegen den AFC Sunderland an der Rückkehr in die Premier League.

Womit wir also im Heute sind und damit bei der Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass sich ab Sommer 5.000 Fans in Coventry über kostenlose Premier-League-Dauerkarten freuen dürfen. Die kurze Antwort: Sehr wahrscheinlich. Die ausführlichere: Bei noch sieben ausstehenden Partien hat Coventry City als aktueller Championship-Spitzenreiter mittlerweile elf Zähler Vorsprung auf den ersten Play-off-Platz. Auf den Tabellenzweiten: Middlesbrough sind es derzeit neun Punkte. Auch die Meisterschaft scheint also schon jetzt zum Greifen nahe. So lang das Team seit dem neunten Spieltag nahezu ununterbrochen an der Tabellenspitze, nur am 31. Spieltag nicht. Doch auch von den entsprechenden kleinen Rückschlägen hat sich Coventry in diesem Jahr stets schnell. Speziell die Offensive ist die größte Waffe des wohl baldigen Premier-League-Klubs: 81 Tore sind nach 39 Spielen klarer Ligabestwert. Zudem spielte die Mannschaft 14 Mal zu Null, ebenfalls Ligabestwert.

Als Meister oder Tabellenzweiter würde Coventry City die Play-offs in diesem Jahr sogar ganz umgehen. Und dann? Immerhin gilt das Gap zwischen Premier League und zweitklassiger Championship als als kaum überwindbar. Was auch Doug King einräumt: „Burnley ist schon ein paar Mal auf- und abgestiegen. Sunderland hat die gesamte Startelf ausgetauscht, was ziemlich radikal war“, riss King an: „Wir werden es auf die Cov-Art machen – so, wie wir es für richtig halten, um unser Ziel zu erreichen.“ Und weiter: „Wir stehen zusammen und erleben eine Saison, die es wahrscheinlich verdient, dass wir zusammenbleiben.“ Lediglich in der Spitze prüfe man aktuell die Möglichkeit passender Transfers. Kings Fazit: Es geht darum, die erste Saison zu „überstehen“. Dann traut er es seinem Klub auf jeden Fall zu, sich längerfristig im Oberhaus zu etablieren. Statt Umbruch im Sommer als punktuelle Verstärkungen. Klingt vernünftig.

Entsprechend selbstbewusst gibt sich der Chairman deswegen auch: „Es ist hinlänglich bekannt, dass es bei Coventry City in den vergangenen Jahren ziemlich chaotisch zuging“, blickt King zurück. Und fügt verständnisvoll an, dass es „sehr schwierig ist, einen Fußballverein zu führen“. Ihm gelinge es jedoch ganz gut – gerade im Wettbewerb mit der Konkurrenz: „Ich war in letzter Zeit in einigen Stadien, bei West Brom und in Bristol, wo die Fans ziemlich unzufrieden waren.“

Unzufrieden ist bei Coventry City gerade niemand. Und ganz besonders die 5.000 Fans nicht, die sich auf kostenlose Premier-League-Dauerkarten freuen dürfen.

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Von admin