Daniel Ackermann – der Name sagt vermutlich nur absoluten Fußball-Nerds etwas. Und doch ist der Dresdener, der seit Jahren in Leipzig lebt, ein Vorreiter im deutschen Fußball. In der Premier League ist es längst üblich, dass die besten Spieler eigene Leistungsanalyst*innen beschäftigen, die mit ihnen individuell ihr Spiel verbessern wollen. Doch in der Bundesliga arbeiten bislang kaum Spieler mit privanten Analyst*innen zusammen. Daniel Ackermann aber hat sich vor ein paar Jahren mit der Idee selbstständig gemacht und betreut heute fünf Profis, darunter Dortmunds Nico Schlotterbeck. Wie sah sein Weg aus? Was macht seine Arbeit aus? Und warum könnte dieses Angebot auch in der Bundesliga immer wichtiger werden?

Der Weg im Profifußball begann für Ackermann 2009, als er die Chance erhielt eine professionelle Analyseabteilung für RB Leipzig aufzubauen. Da habe er nicht lange gezögert: „Mit der Vision und mit dem Ziel gemeinsam bis in die Bundesliga und darüber hinaus zu wachsen, begann ich meine Tätigkeit als erster Videoanalyst von RB Leipzig. Kurz darauf hatte ich die Möglichkeit bei Manchester City zu hospitieren. So bekam ich einen ungefilterten Einblick in die Arbeitsprozesse, Themengebiete, Inhalte und Abläufe einer Analyseabteilung in der stärksten Liga der Welt. Schnell war mir klar, welcher Weg in Leipzig und in Deutschland vor uns lag.“ Welcher denn? „RB Leipzig verfolgte eine klare Spielphilosophie. Diese im Verein zu verankern, auszubauen und dynamisch weiterzuentwickeln, war ein Teil meiner Arbeit in der Abteilung Videoanalyse. Ich glaube fest daran, dass eine klare Spielidee und feste Prinzipien die sportliche Leistung und damit auch den Erfolg oder Misserfolg einer Mannschaft entscheidend beeinflussen.“ Angeführt vom damaligen Sportdirektor Ralf Rangnick, dem Vater der RB-Philosophie, entstanden über die Jahre so durch viele hunderten individual- und mannschaftstaktischen Spielanalysen neue inhaltliche Strukturen, positionsspezifische Anforderungsprofile, Spielphilosophie- und Image-Videos. Und RB Leipzig kam aus der Oberliga bis in die Champios League.

2020 wechselte Ackermann dann nach Dortmund, zum BVB. Er erinnert sich: „Eine neue Stadt, ein neuer Verein, neue Spieler, neue Kollegen und ein neues Arbeitsumfeld. Über zwei Jahre durfte ich mein Wissen und mein Können in die Analysearbeit des BVB einfließen lassen und mich selbst weiterentwickeln.“ Doch den Analysten plagte im Ruhrgebiet das Heimweh. 2024 entschied er darum, den BVB zu verlassen und zurück nach Leipzig zu ziehen. Doch mit dem Umzug war auch eine berufliche Umorientierung verbunden. Denn zurück zu RB sollte es für ihn nicht gehen. Stattdessen hatte Ackermann in seinen 15 Jahren im Profifußball eine Marktlücke ausgemacht, die er von nun an besetzen wollte: „Aufgrund des vollen Wettkampfkalenders in den nationalen und internationalen Wettbewerben fehlen zu oft die zeitlichen und personellen Kapazitäten, um allen Facetten des Analysespektrums gerecht werden zu können. Oftmals bleibt zwischen den Spielen ausschließlich Zeit für die Vorbereitung des nächsten Gegners, sodass die regelmäßige und detaillierte Analyse der eigenen Leistung zu kurz kommt. Vor allem die individuelle, analytische Auswertung der Spiel- und
Trainingsleistung bleibt daher zu häufig unberührt. So machte ich mir dies zur Aufgabe, widmete mich vollumfängliche der Individualanalyse und wagte den Sprung in die Selbstständigkeit.“

Einzelne Spieler können Ackermann buchen. Spieler, die sich individuell weiterentwickeln wollen, um noch besser zu werden. Spieler, die sich oft in der entscheidenden Phase ihrer Karriere befinden und die den nächsten Schritt gehen wollen. Und so sind es auch die Spieler selbst, die Ackermann für seine Dienstleistungen bezahlen. Er verrät: „Ich arbeite in direktem Austausch und auf sehr vertrauensvoller und persönlicher Basis mit meinen Klienten zusammen und liebe jeden Aspekt meiner Arbeit.“

Dabei beginnt die Analyse-Arbeit für Ackermann und seine Klienten direkt nach dem Abpfiff eines jeden Spiels. Welche Daten die Spieler meist direkt nach dem Spiel von Daniel Ackermann geliefert bekommen? Es sind unter anderem Antworten auf diese Fragen: „Wie weit bin ich heute gelaufen? Was ist meine Maximaldistanz? Wie viele Zweikämpfe habe ich bestritten?“ Anschließend geht es dann aber natürlich noch in die Feinanalyse, die über die gesamte Woche besprochen wird. Jedes Spiel dieser Fußballer analysiert er und bereitet einzelne Szenen graphisch auf, erklärt der Analyst. Das dauere bis zu acht Stunden. Rund 1.000 Spielszenen habe er so zum Beispiel bereits mit Nico Schlotterbeck besprochen, sagt er. Ein No Go dabei: sich in die Arbeit der Trainer einzumischen. „Was ich nicht mache, ist, mich in mannschafttechnische Matchplan-Themen reinzuhängen“, erklärt Ackermann.

Der Vorteil für Ackermann? Er muss im schnelllebigen Fußball nicht mehr so viel unterwegs sein, kann die meiste Zeit zuhause bei seiner Frau und den Kindern verbringen. Und für „seine“ Spieler? Für ihn sei die Zusammenarbeit mit Ackermann sehr hilfreich, sagt zum Beispiel Nico Schlotterbeck. Weil im Fußball sonst eben wirklich wenig Zeit ist, individuell mit den Fußballern zu arbeiten, seien die Kurzauswertungen sehr hilfreich, sagt der 26-Jährige. „Deswegen hilft die Analyse. Das Spiel nochmal Revue passieren lassen und zu schauen, wo waren Fehler und wo waren gute Dinge.“ Expert*innen sind sich einig, dass Schlotterbeck sich in den letzten beiden Jahren, in denen er mit Ackermann zusammenarbeitet, in seinem Spiel noch einmal deutlich weiterentwickelt habe, viele Flüchtigkeitsfehler hat er abgestellt, seine Risikoabwägung ist besser geworden, genauso wie seine Spielübersicht. Scheint sich also in der Tat zu lohnen.

Im Umfeld der Premier League arbeiten zahlreiche Individualanalyst*innen wie Daniel Ackermann – kein Wunder: Im System Premier League geht es um noch viel mehr Geld. Das heißt einerseits, dass es sich mehr Sportler leisten können, einen Individualanalysten zu beschäftigen. Und andererseits, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sich ihr Invest für sie auch lohnt, noch einmal größer ist.

Doch damit ist es ja nicht getan. Ackermann kommt aus dem RB-Kosmos. Wie in der Premier League gibt es dort einen besonderen Mut, neue Wege auszuprobieren, um den sportlichen Erfolg zu maximinieren – nicht als Liebe zum Spiel zwar, es geht natürlich um Vermarktbarkeit und Gewinne, aber dennoch, für die Entwicklung des Fußballs wird dort jeweils einiges getan. Und vielleicht ist dies auch das wichtigste Learning aus diesem Artikel: Nämlich dass es gar nicht immer das ganz große Geld für den nächsten Entwicklungsschritt braucht, sondern nur eine ganz gute Idee – und den Mut sie umzusetzen. Vereine auch in der Bundesliga könnten ihre Spieler verbessern, in dem sie Individualanalyst*innen fördern. Und vom daraus resultierenden sportlichen Erfolg profitieren – im direkten Wettbewerb auf dem Platz, aber auch wirtschaftlich. Und damit den Rückstand zum RB-Kosmos oder zur Premier League wieder etwas schrumpfen lassen.

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Von admin