Eine kommentierende Einordnung von Karl Jahn Boie

Roberto Di Zerbi soll die Tottenham Hotspurs retten. Ja, nichts weniger ist der Auftrag an den italienischen Trainer, der bis Januar bei Olympique Marseille gearbeitet hat und die Premier League aus seiner Zeit bei Brighton and Holve Albion kennt. Apropos Premier League: In der stehen die Spurs aktuell auf Platz 17, dem letzten Nicht-Abstiegsplatz. Der Trend des Teams ist dabei grausam: Aus den letzten sieben Spielen wurde nur ein einziges gewonnen. Und das obwohl Spieler wie Kapitän und Weltmeister Christian Romero oder der aus der Bundesliga bekannte Randal Kolo Muani in der Mannschaft spielen. Igor Tudor, bislang Trainer der Nordlondoner, musste deswegen nach knapp 40 Tagen – und eben den gerade erwähnten sieben Spielen – schon wieder gehen. Und wurde jetzt durch Di Zerbi, der in Marseille rein sportlich durchaus gute Arbeit machte und vor allem aufgrund vereinsinterner Machtkämpfe gehen musste, ersetzt.

De Zerbis Verpflichtung also ein Hoffnungsschimmer für die Fans?

Mitnichten!

Der Tottenham Hotspur Supporters’ Trust hielt am Montagabend eine Dringlichkeitssitzung ab und wandte sich anschließend direkt an den Klub. Die eindeutige Botschaft: Die Fans können die Verpflichtung De Zerbis nicht unterstützen. Der Supporters’ Trust erklärte weiter, man habe „eine große Zahl an E-Mails von Fans“ erhalten, die Beschwerden einreichten. Auch andere Fangruppen positionierten sich klar. Ali Speechly, Mitgründerin von Women of the Lane, eine Fangruppe weiblicher Tottenham-Fans, benannt nach dem historischen Stadion, der White Hart Lane, sagte, ihre Gruppe lehne die Verpflichtung ebenfalls ab und werde deshalb künftig sogar keine Spiele mehr besuchen.

Der Hintergrund der Proteste sind Aussagen De Zerbis über Mason Greenwood, die viele Fans als inakzeptabel empfinden. Greenwood galt einst als eines der größten Talente von Manchester United, als er im Januar 2022 im Alter von 20 Jahren festgenommen wurde. Ihm wurde wegen sexueller Gewalt, versuchter Vergewaltigung und Körperverletzung gegen seine Ex-Partnerin angezeigt, es existierten Ton und Bildaufnahmen. Im Februar 2023 wurden alle Anklagepunkte fallengelassen, nachdem die Anwälte der Frau die Strafanzeige kurz vor Prozessbeginn zurückgezogen hatten.

Der Angreifer verließ ManUnited daraufhin und setzte seine Karriere zunächst auf Leihbasis bei Getafe fort, bevor er im Juli 2024 zu Olympique de Marseille wechselte. Es war Roberto De Zerbi, der ihn 19 Tage nach seiner Ankunft in Frankreich verpflichtet. De Zerbi wollte Greenwood trotz allem, was passiert war – und bekam ihm. De Zerbi hatte daraufhin erklärt, Greenwood, der wegen des Vorfalls bei Manchester United suspendiert worden war, „auf starke Weise bezahlt“ habe für das, was passiert sei.

Dennoch sorgte Wechsel in Marseille für erhebliche Kontroversen. Der Bürgermeister der Stadt, Benoît Payan, bezeichnete die Verpflichtung als „inakzeptabel“ und erklärte, er wolle nicht, dass der Verein „mit Schande bedeckt“ werde.

Sportlich lief es für Greenwood dennoch: In 74 Pflichtspielen erzielte der 24-Jährige bislang 47 Tore. Gemeinsam mit Ousmane Dembélé von Paris Saint-Germain wurde er in der vergangenen Saison mit 21 Treffern Torschützenkönig der Ligue 1.

Trotzdem blieb das Thema aktuell. Und De Zerbi neben Greenwood selbst im Mittelpunkt des Interesses. Die Kritik vieler Tottenham-Anhänger entzündete sich so zum Beispiel auch an Aussagen De Zerbis aus dem November. Vor einem Champions-League-Spiel gegen Newcastle wurde er von einem englischen Journalisten gefragt, wie es Greenwood abseits des Platzes gehe. De Zerbi antwortete auf einer Pressekonferenz: „Ich möchte mich nicht in das Privatleben von irgendjemandem einmischen. Ich mische mich nicht einmal in das Privatleben meiner Kinder ein, weil ich jedem seine Freiheit lassen will.“ Die Vorwürfe aber – so argumentieren die Spurs-Fans – sind keine Privatsache. Greenwood steht in der Öffentlichkeit, hat als beliebter Fußballer eine Vorbildfunktion für viele Kinder und Jugendliche inne. Wenn man die Vorwürfe wie De Zerbi herunterspielt, befeuert man, dass weitere mutmaßliche Gewalttäter aufwachsen. Auch wenn Greenwood nie verurteilt worden ist: Die Bilder und Videos bleiben mit ihm verbunden, er hat sie nie erklären oder einordnen können (oder es wenigstens versucht), sich nie öffentlich entschuldigt oder die Vorwürfe transparent aufgearbeitet.

Und weiter sagte De Zerbi auf der Pressekonferenz: „Er hat hier wahrscheinlich das richtige Umfeld für sich gefunden, das ihm Zuneigung gegeben und ihm die Hand gereicht hat. Wenn ich ihn als Person betrachte, empfinde ich Traurigkeit für das, was in seinem Leben passiert ist, ohne ins Detail zu gehen. Denn die Person, die ich hier kenne, ist sehr unterschiedlich zu der, die beschrieben wurde, besonders in England.“ Auch diese Aussagen sind gleich in zweierlei Hinsicht problematisch. Zum einen, weil sie suggeriert, dass Greenwoods Umfeld mitverantwortlich dafür gewesen wäre, sollten die Vorwürfe tatsächlich stimmen. Das ist besonders schlimm, weil auf einer Tonaufnahme unter anderem zu hören sein scheint, wie Greenwood der Frau, nachdem diese sagt, gerade keinen Sex zu wollen, ankündigt, sie dann dazu zwingen zu wollen, zwingen zu müssen. So etwas aber ist doch keine Frage des Umfelds, allein ein Täter ist dafür verantwortlich. Zum anderen ist die Aussage problematisch, weil sie die männliche Schutzbehauptung wiederholt, wonach jeder jeden so gut zu kennen glaubt, als dass im eigenen Umfeld niemand Täter werden könnte. Das ist statistisch eindeutig widerlegt. Unabhängig davon, was jetzt auf Greenwood zutrifft oder nicht.

Viele Fans werfen ihm Der Zerbi deswegen auch öffentlich vor, die Vorwürfe gegen Greenwood herunterzuspielen und ihn als Opfer darzustellen.

Es ist dabei übrigens nicht das erste Mal, dass Tottenham mit massivem Fanprotest gegen eine Trainerentscheidung konfrontiert ist. Im Juni 2021, nach dem Abgang von José Mourinho, wurde der Klub mit Gennaro Gattuso in Verbindung gebracht. Damals verwiesen Fans in sozialen Medien auf frühere umstrittene Aussagen Gattusos, etwa zu gleichgeschlechtlicher Ehe und Frauen im Fußball. Gattuso lehnte die gleichgeschlechtliche Ehe ab und äußerte sich abwertend über den Frauenfußball. Der Hashtag #NoToGattuso trendete daraufhin, der Supporters’ Trust griff die Kritik auf – und Tottenham nahm von seiner Verpflichtung Abstand.

Tristan Foot vom Supporters Trust besorgen die vielen Nachrichten der Fans: „Wir hatten gestern Abend eine Dringlichkeitssitzung,“ sagte Foot. „Das führte dazu, dass wir an den Vorstandsvorsitzenden geschrieben haben, diese Bedenken weitergegeben und ihn aufgefordert haben, über die Werte des Vereins nachzudenken.“ Aber ob das etwas bringen wird? Laut Vereinskreisen seien De Zerbis Aussagen im Rahmen des Entscheidungsprozesses berücksichtigt und diskutiert worden.

Nach der offiziellen Ernennung veröffentlichte der Supporters’ Trust darum darüber hinaus auch eine öffentliche Stellungnahme, in der die Aussagen De Zerbis als „unnötig, schlecht durchdacht und für eine große Zahl von Fans zutiefst beleidigend“ bezeichnet wurden. „Es ist besorgniserregend, dass der Verein uns in diese Lage bringt, gerade jetzt, wo die Mannschaft die Fans am meisten braucht“, hieß es weiter. „Wenn diese Äußerungen seine tatsächlichen Ansichten widerspiegeln, werfen sie einen beunruhigenden Schatten auf die Werte des Vereins, den wir lieben. Der Verein muss sein Bekenntnis zu den Werten bekräftigen, die den Fans wichtig sind – allen voran Gleichheit, Respekt und Integrität. Unsere Präferenz wäre eine kurzfristige Lösung mit einer Person oder mehreren Personen gewesen, die den Verein verstehen.“

Neben dem Supporters’ Trust und den Woman of the Lane meldeten sich weitere offizielle Fanorganisationen zu Wort, darunter Proud Lilywhites – die LGBTQI+-Fanvereinigung – sowie SpursREACH, die sich für Fans aus unterrepräsentierten ethnischen Gruppen einsetzt. Ali Speechly von den Woman of the Lan äußerte stellvertretend für alle Gruppen noch deutlichere Kritik an der Entscheidung des Vereins: „Tatsache ist, dass Der Zerbi Greenwood als Spieler verpflichtet hat,“ sagte sie. „Und ihn dann weiterhin öffentlich unterstützt, hinter ihm steht, Mitgefühl mit ihm zeigt. Für mich ist das einfach unverzeihlich. Ich finde, das sagt viel über den Charakter von De Zerbi aus. Ich will ihn nirgendwo in der Nähe meines Fußballvereins haben. Es geht darum, wie wir uns fühlen, es geht um Werte, es geht um Integrität und letztlich geht es um Sicherheit. Es geht darum, dass Frauen das Gefühl haben, in der Nähe anderer Männer sicher zu sein.“ Sogar die ansonsten wertvolle Arbeit des Klubs im Umgang mit Minderheiten sieht sie untergraben: „Taten sprechen lauter als Worte. Was meine Beziehung zum Verein angeht, hat das sie massiv beeinflusst. Ganz ehrlich: Ich habe derzeit überhaupt nicht die Absicht, ins Stadion zu gehen, da sie De Zerbi verpflichtet haben.“

Für Mason Greenwood gilt natürlich die Unschuldsvermutung. Da die Klage zurückgezogen wurde, gab es keinen Prozess und Greenwood ist entsprechend auch nicht vorbestraft, da ihm ja ohne Prozess auch nichts nachgewiesen werden konnte. Ich sage ausdrücklich nicht, dass die Vorwürfe stimmen. Dennoch wiegen sie in Kombination mit öffentlich gewordenen Beweisen verdammt schwer. Hinzu kommt, dass Greenwood kaum etwas unternommen hat, um die Vorwürfe auszuräumen und auch nicht seiner Vorbildfunktion gerecht wird, sich gerade nach diesen Vorwürfen glaubhaft gegen Gewalt an Frauen zu engagieren. Die Kritik an ihm ist deswegen nicht nur nachvollziehbar, sie ist wichtig. Mögliche Gewalt an Frauen darf niemals und nirgendwo unkommentiert bleiben. Wir als Gesellschaft, nein, vor allem wir Männer müssen lernen, immer aufmerksam zu sein und solidarisch mit allen Menschen, denen sexuelle Gewalt widerfahren ist. Ich glaube Harriet Robson.

Auch das Verhalten von Roberto Di Zerbi ist aus den genannten Gründen problematisch. Und es wichtig, seinen Aussagen nicht nur zu widersprechen, sondern auch deutlich zu machen, dass Männer, die Vorwürfe von Gewalt an Frauen relativieren oder sogar aktiv Täter schützen, genauso wie die Täter selbst keinen Platz im Fußball haben dürfen. Für die Spurs-Fans trifft diese Feststellung auf De Zerbi zu. Ich finde es bewundernswert, dass sie diesen Kampf kämpfen – erst recht in der sportlich prekären Situation ihres Klubs.

Unser Newsletter: 1x die Woche exklusive Inhalte kostenlos in Dein Postfach holen:

Von admin