Über 100.000 Zuschauer*innen bei einem Frauen-Fußballspiel – Wann das bitte war und wieso die FIFA dagegen war? FanLeben.de macht eine Zeitreise. Komm mit!

Der 1971 Women’s World Cup war ein internationales Frauenfußballturnier, das vom 15. August bis zum 5. September 1971 in Mexiko ausgetragen wurde. Obwohl das Turnier häufig als eine frühe Frauen-Weltmeisterschaft bezeichnet wird, handelte es sich nicht um ein von der FIFA anerkanntes Turnier, sondern um eine inoffizielle Weltmeisterschaft, organisiert von der Federation of Independent European Female Football (FIEFF). Damit war es eines von mehreren internationalen Turnieren, die in einer Zeit stattfanden, in der Frauenfußball von den großen Verbänden noch kaum unterstützt oder sogar aktiv behindert wurde.

An dem Turnier nahmen sechs Mannschaften teil: Dänemark, Mexiko, Italien, Argentinien, England und Frankreich. Die Spiele wurden überwiegend in Mexiko-Stadt und Guadalajara ausgetragen, wobei das legendäre Estadio Azteca eine zentrale Rolle spielte. Das Turnier war in eine Gruppenphase und anschließende Finalspiele gegliedert. Trotz der inoffiziellen Organisation war die sportliche und öffentliche Resonanz außergewöhnlich groß.

Aber bevor wir über den Sport sprechen, schauen wir darauf, wie es überhaupt zu diesem Fußballfest kommen konnte. Die Vorgeschichte des 1971 Women’s World Cup ist eng mit der marginalisierten Entwicklung des Frauenfußballs im 20. Jahrhundert verbunden. In vielen Ländern, insbesondere in Europa, wurde Frauenfußball über Jahrzehnte hinweg durch nationale Verbände aktiv eingeschränkt oder verboten. Ein prominentes Beispiel ist England, wo der Fußballverband Frauenfußball zwischen 1921 und 1971 von offiziellen Plätzen ausschloss. Erst in den 1960er-Jahren begann sich der Frauenfußball international wieder zu organisieren, vor allem außerhalb der etablierten Verbandsstrukturen. Diese Wiederbelebung bildete die strukturelle Voraussetzung für internationale Turniere jenseits der FIFA.

Vor diesem Hintergrund entstanden Ende der 1960er-Jahre inoffizielle internationale Wettbewerbe, die bewusst unabhängig von der FIFA organisiert wurden. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Federation of Independent European Female Football (FIEFF), ein Zusammenschluss nationaler Frauenfußball-Organisationen aus Europa. Die FIEFF organisierte zunächst die Women’s World Cup 1970 in Italien und nutzte deren sportlichen und publikumsmäßigen Erfolg als Grundlage für ein größeres Nachfolgeturnier. Das Turnier von 1971 in Mexiko war somit kein Einzelereignis, sondern das Ergebnis gezielter Aufbauarbeit über mehrere Jahre hinweg.

Ein entscheidender Faktor für die Austragung des Turniers in Mexiko war die dortige Entwicklung des Frauenfußballs in den 1960er-Jahren. Bereits vor 1971 existierten in Mexiko Frauenmannschaften, internationale Freundschaftsspiele und erste liganahe Strukturen. Tourneen ausländischer Teams sowie die positive Resonanz des Publikums trugen dazu bei, dass Frauenfußball gesellschaftlich sichtbar war. Diese Voraussetzungen ermöglichten es den Organisatorinnen und Organisatoren, große Stadien zu nutzen und auf bestehende Fußballinfrastruktur zurückzugreifen.

Hauptsponsor des Turniers war unter anderem Martini – ja, der Drink. Sie versuchten die Weltmeisterschaft unter dieser Botschaft zu vermarkten: Zwei Dinge, die Männer am meisten lieben, treffen aufeinander. Fußball und Frauen. Viele Plakate und Werbeclips waren stark sexualisiert. Das wirkte, die Spiele waren fast ausnahmslos ausverkauft, der Zuschauer*innenzuspruch weitaus größer als bei Frauen-WMs heute. Gut war es aber natürlich trotzdem nicht. Trotzdem: Zeitgenössische Berichte und spätere historische Aufarbeitungen zeigen, dass die Organisatoren das große öffentliche Interesse bewusst einkalkulierten. Bereits das Turnier von 1970 hatte hohe Zuschauerzahlen erzielt, und auch 1971 füllten sich die Stadien – insbesondere das Estadio Azteca – mit zehntausenden Zuschauerinnen und Zuschauern. Diese Resonanz widerlegte die damals verbreitete Annahme, Frauenfußball sei kommerziell oder gesellschaftlich nicht tragfähig, und steht im deutlichen Kontrast zur fehlenden institutionellen Anerkennung.

Und damit zum Sport: Im 1971 Women’s World Cup traten sechs Nationalmannschaften in zwei Gruppen gegeneinander an. In der Gruppe 1 setzte sich Gastgeber Mexiko klar durch: Im Eröffnungsspiel am 15. August 1971 bezwang Mexiko Argentinien mit 3:1, wobei die Mexikanerinnen zweimal trafen und damit ein starkes erstes Statement abgaben. Am 21. August kam es in derselben Gruppe zu einer deutlichen Begegnung zwischen Argentinien und England, in der Argentinien mit 4:1 gewann; Elba Selva erzielte dabei mehrere Treffer und führte ihre Mannschaft zum Sieg. Am 22. August rundete Mexiko seine Vorrundenerfolge mit einem 4:0-Sieg gegen England ab, der Mexiko an die Spitze der Gruppe brachte und England ohne Punkt ließ. Argentinien schloss die Gruppe dahinter auf Platz 2 ab und qualifizierte sich ebenfalls für die Runde der letzten Vier. Gruppe 2 war enger umkämpft: Hier traten Dänemark, Italien und Frankreich an. Am 18. August gewann Dänemark sein erstes Spiel gegen Frankreich mit 3:0, wobei Susanne Augustesen unter anderem traf. Am 21. August setzte sich Italien gegen Frankreich mit 1:0 durch, wodurch die Franzosen ohne Punkt blieben. Am 22. August trennten sich Dänemark und Italien mit 1:1, was bedeutet, dass beide Teams mit jeweils vier Punkten in die nächste Runde einzogen und Frankreich ausschied. Nach Abschluss der Vorrunde trafen im Halbfinale am 28. August 1971 Dänemark auf Argentinien und Mexiko auf Italien – jeweils in Mexiko-Stadt. Dänemark dominierte sein Halbfinalspiel gegen Argentinien klar und gewann mit 5:0, unter anderem durch drei Tore von Lis Lene Nielsen und einen weiteren Treffer von H. Hansen. Im anderen Halbfinale setzte sich Mexiko mit 2:1 gegen Italien durch: Die Mexikanerinnen nutzten zwei Strafstöße zu ihren Toren, während Italien einmal erfolgreich war, doch reichte es nicht zum Weiterkommen. Damit standen Dänemark und Mexiko im Finale, während Italien und Argentinien im Spiel um Platz 3 und 4 aufeinandertrafen. Die Vorrunde und Halbfinalspiele zeigten bereits die spielerische Überlegenheit der späteren Finalteilnehmer und legten den Grundstein für das spätere Endspiel des Turniers.

Das Finale fand dann am 5. September 1971 im Estadio Azteca statt und wurde von über 110.000 Zuschauerinnen und Zuschauern besucht – eine Zahl, die für ein Frauen-Sportereignis zu dieser Zeit beispiellos war. Im Endspiel setzte sich Dänemark deutlich mit 3:0 gegen Mexiko durch und gewann damit den Titel. Besonders hervorzuheben ist die dänische Spielerin Susanne Augustesen, die als eine der prägenden Figuren des Turniers gilt und im Finale alle drei Tore erzielte.

Der 1971 Women’s World Cup gilt heute als Meilenstein in der Geschichte des Frauenfußballs. Er machte deutlich, dass es bereits Jahrzehnte vor der ersten offiziellen FIFA-Frauen-Weltmeisterschaft 1991 ein enormes sportliches Niveau und ein großes öffentliches Interesse am Frauenfußball gab. Gleichzeitig zeigt das Turnier die strukturellen Schwierigkeiten jener Zeit: fehlende Anerkennung durch die FIFA, parallele Verbände und eine unklare offizielle Einordnung. Trotz – oder gerade wegen – dieser Umstände hat das Turnier einen festen Platz in der historischen Entwicklung des internationalen Frauenfußballs. Später folgten mehrere Dokumentar- und Spielfilme, welche die Geschichte des Turniers würdigen.

Nur die FIFA hat den Moment verpasst. Denn zum Zeitpunkt des 1971 Women’s World Cup betrachtete die FIFA den Frauenfußball nicht als Teil ihres offiziellen Aufgabenbereichs – im Gegenteil: in vielen Mitgliedsverbänden war Frauenfußball noch gar nicht oder erst sehr eingeschränkt zugelassen; teilweise bestanden bis kurz zuvor explizite Verbote oder faktische Ausschlüsse von Spielfeldern, Schiedsrichtern und Infrastruktur. Auch in Deutschland war Frauen-Fußball in DFB-Vereinen erst seit 1970 offiziell erlaubt. Vor diesem Hintergrund verfolgte die FIFA die Strategie, keine internationalen Frauenwettbewerbe anzuerkennen, solange der Sport nicht vollständig unter ihrer eigenen Kontrolle stand. Nur deswegen brauchte es ja überhaupt die unabhängige Organisation des Turniers. Der Wettbewerb wurde von der Federation of Independent European Female Football (FIEFF) veranstaltet, also von einem Verband, der außerhalb der FIFA-Strukturen agierte. Paradoxer Weise war aber genau das der zweite Grund, warum der offizielle Weltverband die WM boykottierte: Die FIFA betrachtete solche Parallelorganisationen als Bedrohung ihrer Autorität über den internationalen Fußball und war generell bestrebt, internationale Turniere nur dann zu akzeptieren, wenn sie selbst die organisatorische Hoheit innehatte. Dass das Turnier ohne FIFA-Genehmigung stattfand, mit eigenen Regeln, Schiedsrichterstrukturen und kommerziellen Partnern, widersprach dem Selbstverständnis der FIFA als alleiniger globaler Dachverband.

Tja.

Damit war die FIFA – wie so oft – zu spät dran und stand – wie fast immer – auf der falschen Seite der Geschichte.

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Von admin