Eigentlich war die Erwartungshaltung beim VfL Wolfsburg vor dieser Saison groß. Mit Peter Christensen kam ein neuer Sportgeschäftsführer, der Däne hatte bislang beim FC Kopenhagen gearbeitet, dem größten Klub des Landes, mit klarer sportlicher und kultureller Identität – zwei Werten, die dem VW-Werksklub bislang eher fehlten. Zudem kam mit Paul Simonis ein neuer Trainer, der mit den Go Ahead Eagles zuletzt überraschend niederländischer Pokalsieger geworden und auch in der Liga gut abgeschnitten hatte. Und dann holten die Wolfsburger auch noch Christian Eriksen, den wohl besten dänischen Fußballer dieses Jahrtausends, einen Weltstar, der die Mannschaft auch sportlich auf ein neues Level heben sollte. Soweit die Theorie. Aber wie es halt so ist: Entscheidend ist auf den Platz.

Und da zeigte sich rasch, dass Theorie und Praxis zwei völlig unterschiedliche Paar Schuhe sind. Trainer Simonis musste früh gehen, ebenso Sportdirektor Sebastian Schindzielorz, ein Meisterspieler des VfL, der zuvor beim VfL Bochum sehr erfolgreich Aufbauarbeit geleistet hatte. Sportgeschäftsführer Christansen konnte sich bislang zwar halten, auch, weil er Daniel Bauer zum Cheftrainer beförderte, einen langjährigen, sehr beliebten und zweifellos auch talentierten Nachwuchstrainer des Vereins. Sportlich aber läuft es weiter gar nicht – im Gegenteil: Sportlich läuft es immer schlimmer. Die Realität in der Autostadt heißt: Tabellenplatz 17, Abstiegskampf.

Zuviel für so manchen VfL-Spieler, vor allem aber für die VfL-Fans. Nach der 1:2-Niederlage gegen den Hamburger SV kam es deswegen gestern auch zu tumultartigen Szenen – auf und neben dem Platz. Wolfsburgs Kapitän Maximilian Arnold legte sich dabei mit einem Co-Trainer des HSV an, VfL-Abwehrspieler Vinicius Souza geriet daraufhin dem Hamburger Nicolai Remberg aneinander. Die Rudelbildung weitete sich auf Betreuer und Ersatzspieler aus. „Ich habe niemanden böse getroffen, aber man rangelt halt ein bisschen. Aber ich würde da meinen Co-Trainer oder generell meine Jungs nie allein lassen“, erklärte Remberg die Szene. HSV-Trainer Merlin Polzin wiederum sagte nach dem Spiel mit extrem heiserer Stimme, dass er nicht genau mitbekommen habe, warum es zu den Rangeleien zwischen den Mannschaften gekommen ist. Eines wisse er aber: „Da sind Dinge gefallen, die definitiv unter der Gürtellinie sind.“ Ersatztorwart Marius Müller sah nach dem Handgemenge jedenfalls noch die Rote Karte.

Die Wölfe-Fans hatten sich bereits vor dem Spiel mit einem klaren Statement in Richtung ihrer Mannschaft zu Wort gemeldet: „Letzte Chance: Unseren Rückhalt für euren Sieg“ stand auf einem großen Banner in der Heimkurve. Nach Abpfiff wurde das Banner ausgetauscht: „Chance vertan. Rückhalt verspielt!“, war nun zu lesen. Die frustrierten Wolfsburger Fans zündeten dazu reichlich Pyrotechnik und schwarzer Rauch stieg empor. Die eigenen Schals wurden angezündet und es begann zu brennen.

Die Spieler des VfL waren nach Abpfiff lange geschlossen in der Kabine. „Wie soll die Stimmung sein? Es war Frustration pur. Wir sind sehr, sehr enttäuscht. Es war einfach nicht schön, gerade in der Kabine zu sein“, sagte Maximilian Arnold: „Der Trainer hat gesprochen und die Worte bleiben bei uns.“ Die Fan-Wut sei „kein schöner Moment“ gewesen. „Alle die es mit dem VfL Wolfsburg halten, sind sehr, sehr frustriert. Ich verstehe auch diesen Frust, diese Enttäuschung. Ich glaube den Jungs in der Kabine geht es nicht anders. Ich glaube heute schläft keiner, weil es einfach ziemlich wehtut“, fuhr Arnold fort. Und weiter: „Wir müssen alle gemeinsam versuchen, es so hinzubiegen, dass der VfL Wolfsburg nächste Saison auch erste Liga spielt.“

Ob das mit weiteren personellen Veränderungen gelingen soll? Dazu sagte der neue Sportdirektor Pirim Schwegler: „Die Nacht wird kurz. Wir werden Gespräche führen und es analysieren und dann eine Entscheidung treffen, sodass wir so viele Prozentpunkte zusammenbekommen, wie wir zusammenbekommen.“ Erste Gespräche hat es dabei auch schon gegeben – aber noch mit Trainer Bauer und nicht mit dessen gehandelten Nachfolgern, vor allem den ehemaligen Wolfsburger Erfolgstrainern Dieter Hecking und Felix Magath: „Ja, wir haben gesprochen. Über das Spiel, über die Szenen. Es ging um die Spielnachbereitung. Morgen um 11.00 Uhr ist unser Spielersatztraining. Seht mir nach, dass jetzt nach dem Spiel 0,0 Gedanken zu meiner Zukunft habe. Die Enttäuschung über die Niederlage ist unfassbar groß heute.“

Die Wolfsburg-Ultras kämpfen seit Jahren um mehr Mitbestimmung in ihrem Verein, um die Anwendung der 50+1-Regel auch im VW-Klub. Doch Volkswagen hört nicht auf die eigene Kurve, selbst in vermeintlich harmlosen Fragen, wie der Ausgestaltung des Vereinswappens, gibt es immer wieder jahrelangen, erbitterten Streit. Über das Thema hat FanLeben.de hier auch bereits berichtet.

Fest steht: Eigentlich sind die Rahmenbedingungen in Wolfsburg gut, die Infrastruktur ist erstklassig, das Umfeld eigentlich ruhig. Trotzdem kommt es immer wieder zu Konflikten, zuletzt kündigte auch Ralf Kellermann, der Direktor Frauenfußball des VfL, seinen Abgang zum Saisonende an. Und bei aller berechtigten Kritik an unnötigen Gefahren heute in der Kurve: Die Ultras in der Autostadt sind wirklich nicht zu beneiden.

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Von admin