Es hatte sich abgezeichnet. „Wir spielen bisher eine absolut enttäuschende Rückrunde und lassen uns vom Tabellenstand nicht blenden: Unsere Lage ist nach wie vor bedrohlich und wir benötigen dringend Punkte, um den Ligaverbleib zu sichern. Zwei Siege aus vierzehn Spielen seit der Winterpause und die gezeigten Leistungen in den letzten Wochen geben uns nicht die Überzeugung, dass uns eine Trendumkehr in der bisherigen Konstellation noch gelingt. Wir haben daher entschieden, jetzt noch einmal neu anzusetzen“, erklärte Horst Heldt, Sport-Geschäftsführer von Union Berlin, gestern Abend die Trennung von Steffen Baumgart. Baumgart – Kult-Trainer beim Kult-Klub – hatte nicht nur einst selbst für die Eisernen gespielt, er hat auch seine Ehefrau im Fanshop des Vereins kennengelernt. Vielleicht auch deswegen hatte es Heldt in den letzten Wochen immer weiter mit Baumgart versucht, im Januar sogar noch seinen Vertrag verlängert, trotz der Ergebniskrise und einer offensichtlich ausbleibenden spielerischen Entwicklung. Die Trennung jetzt überrascht darum nicht, aber sie lässt Sportchef Heldt planlos, bremsend, vielleicht sogar überfordernd erscheinend. Sei es drum.
Spannend ist die Nachbesetzung der Cheftrainer-Position, die jetzt auch in der Bundesliga umbenannt werden muss. Denn mit Marie-Louise Eta wird – zumindest bis Saisonende – erstmals eine Frau Cheftrainerin in der Bundesliga, mehr als 60 Jahre nach ihrer Gründung Anfang der 1960er Jahre. Horst Heldt: „Ich freue mich, dass Marie Louise Eta sich bereit erklärt hat, diese Aufgabe interimistisch zu übernehmen, bevor sie im Sommer wie geplant Cheftrainerin der Profimannschaft der Frauen wird.“
Eta, ehemalige Juniorennationalspielerin, beendete 2018 ihre Spielerinnenkarriere mit gerade einmal 26 Jahren, um sich auf ihre Trainerinnenlaufbahn konzentrieren zu können. Die startete sie beim SV Werder Bremen, ihrer letzten Station als Spielerin, im Nachwuchskeistungszentrum, wo sie D- und C-Junioren, also Jungs, trainierte. Seit November 2019 war Eta zudem nebenamtlich für den DFB tätig, zunächst als Co-Trainerin von Michael Urbansky bei den U19-Juniorinnen, anschließend als Co-Trainerin von Bettina Wiegmann bei den U15-Juniorinnen. Ab 2021 arbeitete sie hauptamtlich für den DFB im Juniorinnen- und nebenamtlich für Werder Bremen im Juniorenfußball. Seit 2023 ist sie nun bei Union Berlin – und ausgebildete Fußballlehrerin. Zunächst war sie Co-Trainerin von Marco Grote bei der U19, dann an seiner Seite auch Interims-Co-Trainerin der Männer-Bundesliga-Mannschaft – als erste Frau. Sie behielt den Job bis zum Ende der Saison und wurde so auch erste Co-Trainerin der Champions League. Seit dieser Spielzeit trainiert sie als Cheftrainerin die A-Junioren von Union Berlin, nächstes Jahr soll sie die Bundesliga-Frauen des Vereins übernehmen. Mit kurzen Zwischenstopp im Klassenkampf der Männer – eine Aufgabe die Eta mit Ehrfurcht angeht: „Der Verbleib in der Bundesliga ist angesichts der Punkteabstände in der unteren Tabellenhälfte noch nicht gesichert. Ich freue mich, dass mir der Verein diese anspruchsvolle Aufgabe anvertraut. Eine Stärke von Union war und ist es, in solchen Situationen gemeinsam alle Kräfte zu bündeln. Und natürlich habe ich die Überzeugung, dass wir mit dem Team die entscheidenden Punkte holen.“
Übrigens: Die Tatsache, dass Marie-Louise Eta jetzt als erste Frau für eine Bundesliga-Mannschaft verantwortlich wird, erwähnt Union Berlin in seiner Pressemitteilung kein einziges Mal. Manchmal ist es eben am ausdrucksstärksten etwas nicht zu sagen – gerade, wenn das, worum es geht, im Jahr 2026 ohnehin selbstverständlich sein sollte.
Doch unter der Ankündigung, dass Eta die Unioner übernimmt, finden sich nun einmal leider auch viele sexistische Kommentare. Aber gerade deswegen ist es ein starkes Signal, dass Union Berlin Eta nicht als Geschichtsschreiberin, sondern einfach als beste Trainerin für ihre Mannschaft vorstellt.
Und noch etwas bleibt von dieser Meldung: Junioren, Juniorinnen, Männer und Frauen – manche würden Marie-Louise Eta wohl als Grenzgängerin zwischen den Fußballwelten bezeichnen. Tatsächlich aber beweist ihre Vita, dass es keinen Frauen- und keinen Männerfußball gibt, sondern einfach nur Fußball.
