Filipe Luís – ohne Frage einer der bekanntesten und einflussreichsten Verteidiger der letzten Dekade. Der linke Verteidiger, der unter anderem mit Atletico Madrid und dem FC Chelsea jeweils nationaler Meister wurde, mit Flamengo Rio de Janiero zuletzt zweimal die Copa Libertadores holte und darüber hinaus mit der brasilianischen Nationalmannschaft die Copa America gewann, kann auf insgesamt 736 Profispiele zurückblicken, in denen ihm 76 Torbeteiligungen gelangen – auch nicht schlecht für einen Defensivspezialisten.
Doch Felipe Luís, mittlerweile 40 Jahre alt, hat nicht nur seine Profikarriere längst beendet, er ist auch bereits in seine zweite Karriere gestartet. Und wie! Als Trainer von Flamengo, seiner letzten Spieler- und ersten Trainerstation, hat er mit dem Titelsammeln nämlich direkt weiter gemacht: Nach ersten Erfolgen im Nachwuchsbereich konnte er in der vergangenen Saison gleich das Triple aus brasilianischer Meisterschaft, brasilianischen Pokalsieg und Triumph in der Copa Libertadores feiern. Zudem gab es kleinere Pokalsiege, seine Mannschaft holte den Challanger Cup, gewann das Derby of the American Champions, den brasilianischen Superpokal und die Campeão Carioca, die prestigeträchtige Staatsmeisterschaft von Rio de Janiero. Alles in allem ziemlich beeindruckend, gerade für einen so jungen Trainer, der nach gerade mal acht Monaten im Nachwuchsbereich zum Proficoach befördert wurde.
Wieso ist Filipe Luís als Trainer so schnell so erfolgreich gewesen?
Der Erfolg von Flamengo in der Saison 2024/25 unter Filipe Luís beruhte auf einer klar definierten, modernen Spielphilosophie, die europäische Struktur mit brasilianischer Kreativität verband. Geprägt insbesondere durch seine Zeit bei Atlético Madrid unter Diego Simeone, brachte er ein taktisch diszipliniertes, positionsorientiertes Konzept nach. Flamengo agierte überwiegend aus einer variablen Grundordnung – meist einem 4-2-3-1 mit klaren Rollen im Mittelfeld -, konnte situativ aber auch auf eine Dreierkette umstellen, um das Aufbauspiel zu stabilisieren oder Druckphasen besser zu kontrollieren. Im Ballbesitz legte seine Mannschaft dabei großen Wert auf eine saubere Staffelung, kurze Abstände und kontrollierten Spielaufbau, häufig über das Zentrum. Die Außenverteidiger schoben dabei aber ebenso gezielt nach, so dass eine numerische Überlegenheit zwischen den Linien entstand. Gleichzeitig blieb immer eine Restverteidigung kompakt organisiert, um Konter zu verhindern, insbesondere das war ist erwähenswert – und auf den Simeone-Einfluss zurückzuführen – denn die offensive Qualität Flamengos zeigte sich auch unter Luís‘ Vorgängern, das Gleichgewicht im Spiel war hier sein wesentlicher Verdienst. Gegen den Ball setzte das Team dabei auf koordiniertes Gegenpressing unmittelbar nach Ballverlust, mit klaren Pressingauslösern und aggressivem Anlaufen im Mittelfeld. Dadurch reduzierte man gegnerische Umschaltsituationen erheblich und gewann viele zweite Bälle. Ebenfalls bekannte Atletico-Schule.
Filipe Luís etablierte darüber hinaus klare Hierarchien innerhalb der Mannschaft – auch seine Autorität war aufgrund seiner Erfahrung und seiner Vernetzung in der Mannschaft, mit vielen Spielern hatte er ja selbst noch zusammengespielt -, was eine vertrauensvolle Kabinenkultur etabliert hat. Seine Kommunikation wurde dabei als direkt, analytisch und detailorientiert beschrieben, was besonders jüngeren Spielern zugutekam. Talente aus der eigenen Akademie wurden darüber hinaus ebenfalls gezielt eingebunden und taktisch geschult, wodurch das Team an Dynamik und Intensität gewann, hier halfen Luís seine acht Monate im Jugendbereich des Vereins. In großen Spielen zeigte sich auch deswegen zudem die mentale Stärke der Mannschaft. Dank der Erfahrung ihres Trainers auf höchstem europäischen Niveau verstand es Flamengo, Spiele zu kontrollieren, Tempi zu variieren und Ergebnisse souverän zu verwalten.
Eigentlich alles gut. Umso mehr überraschte heute die Meldung, dass sich Flamengo Rio de Janiero von Filipe Luís getrennt hat. Und das ausgerechnet nach einem 8:0-Sieg gegen Madureira im Halbfinale der Staatsmeisterschaft von Rio de Janeiro.
Doch beim genaueren Hinsehen zeigt sich: Die sportliche Situation war in dieser Saison längst nicht mehr so gut. Seine Mannschaft spielte in der Liga den schlechtesten Saisonstart seit zehn Jahren und verlor sowohl das Finale des brasilianischen Superpokals als auch die Recopa Sudamericana. Was war passiert?
Einerseits scheinen sich die anderen Mannschaften zunehmend besser auf den Luis-Stil eingestellt zu haben. Gerade die Entschlüsselung seines Gegenpressings ist im modernen Fußball kein Zauberwerk mehr. In Interviews äußerte Filipe Luís zudem selbst, dass die physische Verfassung des Teams und mangelnde Fitness zum Beginn der Saison eine Rolle bei schwächeren Leistungen gespielt haben könnten. Andererseits kokettierte Filipe Luís am Ende der Saison selbst mit einem Weggang von Flamengo, die Gespräche über seine Vertragsverlängerung zogen sich über mehrere Wochen, was sich negativ auf die Stimmung im Verein auswirkte. Bei einer gleichzeitig enorm angestiegenen Erwartungshaltung führte das zu Rissen in seinem Verhältnis zur Mannschaft und der steigende Druck schien seine Spieler zusätzlich zu lähmen, was in einem, von Luís ja geforderten, aktiven Spielsystem ein großes Risiko mitbringt. Kurzum: Die Leichtigkeit der Vorsaison ist Angespanntheit gewichen – und die hat der junge Trainer nicht aufgelöst gekriegt.
Filipe Luís will ein bedeutender Trainer werden, daran lässt er, was auch sein Zögern bei einer möglichen Vertragsverlängerung zeigt, keinen Zweifel. Aber aktuell ist er eben noch ein junger Trainer. Ein junger Trainer mit immensem Potenzial, was nicht nur seine Erfolge zeigen, sondern auch die Klarheit seiner Spielphilosophie, man könnte auch sagen: ihre Sichtbarkeit, sowie sein Fähigkeit, das Potenzial junger Spieler zu erkennen und sie in seine Mannschaft zu integrieren belegen. Vieles hieran erinnert an Xabi Alonso und seinen Wechsel von Bayer Leverkusen zu Real Madrid.
Insofern ist die nötig gewordene Trennung vor allem für Flamengo bitter, das ein großes Trainertalent verliert. Filipe Luís hingegen könnte aus der Entlassung vor allem lernen, wie man die Fokussierung einer Mannschaft hochhält, warum man zur keiner Zeit darin nachlassen darf, physisch an der Bestform seiner Spieler zu arbeiten und wie man vor allem auch öffentlichen Druck abmoderiert und durch Vorfreude ersetzt. Wenn er an diesen drei Punkten arbeitet, werden wir Filipe Luís bald schon wieder sehen – vermutlich hinter der Bande einer europäischen Spitzenmannschaft.
