Das Warm-up-Trikot der Frauenmannschaft des ERC Ingolstadt ist ein ganz besonderes Stück Stoff. Auf ihm steht: „Dieses Trikot ist der Stoff, aus dem die Träume gemacht sind. Wer es trägt, spielt in der besten deutschen Eishockey-Liga und hat die Aussicht, deutscher Meister zu werden.“ Doch auch wenn es im ersten Moment vielleicht so klingt, eine Kampfansage ist es nicht – im Gegenteil: Mit dem Entwurf will der Ingolstädter Künstler Alexander „Schukti“ Schuktuew nämlich auf die oftmals schwierige Situation aufmerksam machen, in der sich viele professionelle Eishockeyspielerinnen und andere Sportlerinnen befinden. Ihr Engagement steht zwar sportlich dem ihrer männlichen Kollegen in nichts nach, gleichzeitig verdienen sie nur einen Bruchteil dessen, was Männer im Profisport kassieren – wenn sie überhaupt etwas bekommen. Auch Förderprogramme sind meist auf männliche Sportler ausgerichtet. Und selbst die finanzstarken Investoren hinter den Männerteams, darunter in der DEL unter anderem die Anschatz Entertainment Group, SAP-Erbe Daniel Hopp und NIUS-Gründer Frank Gotthardt, tun auch viel zu wenig für mehr Geschlechtergerechtigkeit auf den Eisflächen ihrer Organisationen.
Schuktuew ist überzeugt: Es ist an der Zeit, auf die Leistungen der ERC-Frauen und ihren Einsatz aufmerksam zu machen. „Die Mädels machen es sportlich, wir machen es jetzt mit einem Trikot“, sagt der Trikot-Designer. „Die Message dahinter ist klar: Profisport muss bezahlbar bleiben.“ Die Spielerinnen investieren enorme Leidenschaft und Opferbereitschaft, doch am Ende dreht es sich oft um die Frage, wie die Karriere überhaupt zu finanzieren ist: Teile der Ausrüstung, die oft noch selbst besorgt werden müssen, die vielen Trainings- und Reisezeiten, die man sich, auch unter der Woche, freischaufeln muss, das Verletzungsrisiko neben dem Beruf – Leistungssport im Quasi-Ehrenamt ist eine kaum zu bewältigende Herausforderung.
Die ERC-Frauen gehören dabei zu den erfolgreichsten Mannschaften Deutschlands: 2022 feierten sie die deutsche Meisterschaft, 2023 und 2024 folgten die DEB-Pokalsiege. Doch trotz sportlicher Erfolge ist die Realität in der DFEL (Deutsche Frauen Eishockey Liga) weit entfernt von professionellen Bedingungen. Viele Spielerinnen studieren, arbeiten Vollzeit oder leisten als Mütter kleiner Kinder viel Carearbeit – und stemmen ihre sportliche Karriere in ihrer Freizeit, nicht selten also unter großen persönlichen und finanziellen Opfern. „Ihr seid Vorreiter im Fraueneishockey und gebt vielen Mädchen in Ingolstadt ein Vorbild“, sagt darum auch Tobias Nixdorf, Vereinspräsident des Eishockey-Stammvereins. „Wir sind stolz auf euch.“
Die strukturellen Probleme im deutschen Frauen-Eishockey ziehen sich dabei hoch bis in die Nationalmannschaft. Im kommenden Monat kehrt das Team zwar nach zwölf Jahren zu den olympischen Winterspielen zurück, im Aufgebot stehen aber nur fünf Profispielerinnen: Sandra Abstreiter, Laura Kluge und Nina Jobst-Smith aus der nordamerikanischen PWHL, Emily Nix, die in Schweden aktiv ist, sowie Kapitänin Daria Gleißner, die als einzige vor zwölf Jahren bereits dabei war. Hinzu kommen die Zwillingsschwestern Luisa und Lille Welcke (Boston University), Svenja Voigt (St. Cloud State University) und Nina Christof (Rensselaer Polytechnic Institute), die für ihre Universitäten auflaufen und dabei auch fast unter Profi-Bedingungen trainieren. Die weiteren Spielerinnen arbeiten wie die Spielerinnen des ERC Ingolstadt bestenfalls unter Halbprofi- beziehungsweise gehobenen Amateurbedingungen – im Leistungssport, bei Olympia.
„Viele unserer Spielerinnen haben jahrelang konsequent darauf hingearbeitet und vieles dafür gegeben, um bei Olympia dabei zu sein“, erklärt darum auch Nationaltrainer Jeff MacLeod, der seinen Vertrag gerade erst bis 2027 verlängert hat: „Für Olympia in Mailand haben wir eine Gruppe von Athletinnen zusammen, die schon viele Turniere miteinander bestritten haben, und einige junge Spielerinnen, die sich in den vergangenen Maßnahmen beweisen konnten.“ In Mailand trifft die DEB-Auswahl zum Auftakt am 5. Februar auf Schweden, weitere Vorrundengegner sind Japan, Frankreich und Gastgeber Italien.
Jeff MacLeod ist also zuversichtlich – trotz der erschwerten Bedingungen. Und Auch Alexander Schuktuew freut sich auf die Spiele. Beide haben aber gemein, dass sie sich vor allem auch bessere Förderprogramme für Eishockey-Frauen wünschen.
