Eigentlich schien die Welt im Frauenfußball für viele Fans lange noch eher in Ordnung als im Männerfußball. Es war weniger Geld im System, mehr Unabhängigkeit und es gab in der Folge auch weniger Interesse von abgedrehten Investor*innen, die aus Fußballvereinen Entertainmentunternehmen machen wollten.

Und doch rang der Frauenfußball – zu recht! – nach mehr Professionalität und Anerkennung. Nach Eigenständigkeit. Und wirtschaftlicher Stabilität. Im Herzen Londons ist ein Klub darum einen für den Frauenfußball ungewöhnlichen Weg gegangen – aber einen, den wir aus der Männerwelt schon lange kennen. Dies ist die Geschichte, wie aus der Frauenmannschaft des FC Millwall das Herzstück eines Multi-Club-Ownerships wurde.

Alles begann im Mai 2019. Damals vollzog das damalige Frauen-Team vom FC Millwall einen Schritt, der im englischen Fußball ungewöhnlich war: Die Führung der Millwall Lionesses trennte sich vom Mutterverein, um als eigenständiger Klub unter neuem Namen weiterzumachen. Millwall bestätigte die Abspaltung in einem offiziellen Statement. Kurz darauf genehmigte das FA Women’s Football Board die Übertragung der Championship-Lizenz auf eine neue juristische Einheit und die Umbenennung in London City Lionesses – verbunden mit der Zusicherung, weiterhin in der zweiten Liga antreten zu dürfen.

Die Trennung hatte vor allem strukturelle Gründe. Die neue Führung um Anthony und Diane Culligan, welche die Frauenfußballmannschaft aus dem FC Millwall herauskauften, wollte ein unabhängiges Projekt aufbauen, das nicht organisatorisch oder wirtschaftlich von einem Männerverein abhängig ist. In der damaligen Berichterstattung wurde deutlich, dass es Differenzen über Investitionen und langfristige Perspektiven gab. London City sollte bewusst als eigenständiger Frauenfußballklub positioniert werden – ohne „Anhängsel“-Status.

In den ersten Jahren wurde das Projekt von Anthony und Diane Culligan getragen. Entscheidender Wendepunkt war jedoch der Eigentümerwechsel im Dezember 2023: Die US-amerikanische Unternehmerin Michele Kang übernahm den Klub. Kang war zu diesem Zeitpunkt bereits Mehrheitseigentümerin des NWSL-Klubs Washington Spirit und baute ihr Engagement im internationalen Frauenfußball gezielt aus.

Parallel dazu übernahm Kang 2023 die Mehrheit am Frauenbereich von Olympique Lyonnais Féminin, dem erfolgreichsten Frauenfußballklub Europas. 2025 wurde das Team in OL Lyonnes umbenannt, um eine eigenständigere Identität innerhalb der Lyon-Struktur zu schaffen. Zudem wurde Kang im Juni 2025 zur Präsidentin von Olympique Lyon und zur Vorsitzenden der Eagle Football Group ernannt. Damit steht sie formal an der Spitze des gesamten Traditionsvereins aus Lyon – inklusive des Männerbereichs.

Diese Multi-Club-Ownership-Strategie – Washington Spirit (USA), OL Lyonnes (Frankreich), London City Lionesses (England) – ist im Frauenfußball bislang einzigartig. Kang verfolgt offen das Ziel, internationale Synergien, professionelle Infrastruktur und nachhaltige Investitionen in eigenständige Frauenklubs zu etablieren.

Sportlich zahlte sich die neue Struktur schnell aus. In der Saison 2024/25 gewannen die London City Lionesses die Women’s Championship und stiegen in die Women’s Super League auf. Der Verein gilt als erster vollständig unabhängiger Frauenklub ohne Männerabteilung, dem dieser Schritt gelang. Der Aufstieg war damit nicht nur ein sportlicher Erfolg, sondern auch ein Beleg dafür, dass das Modell eines eigenständigen Frauenvereins auf höchstem Niveau funktionieren kann.

Heute gelten die London City Lionesses als eines der ambitioniertesten Projekte im englischen Frauenfußball. Der Klub verfügt über internationale Eigentümerstrukturen, professionelle Investitionen, einen klar formulierten Wachstumsplan und die strategische Einbindung in ein globales Netzwerk von Frauenvereinen. Die ursprüngliche Trennung von Millwall erscheint rückblickend als riskanter, aber konsequenter Schritt – weg vom Schatten eines Männervereins, hin zu einem eigenständigen Projekt mit internationalem Anspruch.

Ende gut, alles gut? Mitnichten. Denn mit dem Einzug von Multi-Club-Ownerships auch in den Frauenfußball, multiplizieren sich auch dessen Probleme. Der Fußball verliert sportliche Integrität – und damit mehr und mehr seine Seele. So gut es ist, dass in Millwall gezeigt wird, dass Frauenfußball als eigenständige und professionelle Unternehmung funktioniert, so viel besser wäre es, wenn es im Frauenfußball einen anderen Lösungsweg gegeben hätte als das kopieren der Überkapitalisierung, wie wir sie aus dem Männerfußball kennen.

Darum sind jetzt wir Fans gefragt. Denn professionelle Strukturen schaffen sich auch in demokratisch-geführten Vereinsstrukturen schaffen. Es braucht keine Investor*innen, die Vereinshopping betreiben, um den Fußball weiterzuentwickeln. Es braucht Verantwortungsbewusstsein und die Liebe zum Spiel. Statt für die Michele Kangs dieser Welt zu applaudieren, sollten wir für Fan-Genossenschaften – oder noch lieber echte Sportvereine – kämpfen. Im Frauenfußball ist es dafür noch nicht zu spät.

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Von admin