Irgendwie ist es doch symbolisch, dass der BVB ausgerechnet in diesem Jahr wieder gegen Atalanta Bergamo antreten musste. Denn das letzte Aufeinandertreffen fand – ihr habt es im Vorbericht hier auf schwatzgelb.de gelesen – vor genau acht Jahren statt. Als Borussia Dortmund sang- und klanglos aus der Champions League ausgeschieden und in die Europa League abgestiegen war.
Glaubt man den kritischsten Stimmen rund um das Westfalenstadion, dann steht der BVB auch jetzt gerade wieder mit dem Rücken zur Wand. Selbst von einer Parallele mit dem Abstieg des unliebsamen Reviernachbarn aus, nun ja, Gelsenkirchen ist da zu lesen. Die Blauen seien, so wird argumentiert, mit grotesk unansehnlichen Fußball auch noch einmal Vizemeister geworden, bevor sie sich aus der Bundesliga verabschiedeten.
Der Vergleich hinkt. Ziemlich offensichtlich. Denn die Mannschaft von Nico Kovac ist nicht nur durch geschicktes Zerstören und gespickt mit Glück wieder in Schlagdistanz zu den Bayern gerückt. Ja, der Kovac-Fußball ist meistens unspektakulär. Aber er adressiert die größten Schwachstellen, die schwarz-gelbe Mannschaften in den letzten Jahren immer hatten: Fehlende defensive Stabilität und fehlende Torerfolge in engen Spielen gegen tiefstehende Gegner. Viele Spiele, die der BVB in anderen Trainer-Ären niemals gewonnen hätte, gewinnt er unter Nico Kovac. Das ist – bei aller Kritik – eine positive Entwicklung und ziemlich sicher nicht der Anfang vom Untergang.
Eine andere Trainer-Kritik greift da schon eher: Das fehlende Entwickeln von Talenten. Beim 4:0 gegen Mainz zum Beispiel gab Coach-Kovac Niklas Süle seine ichweißnichtwievielte Chance, obwohl für jede*n längst offensichtlich ist, dass Süle aktuell weder Kondition noch Klasse für die Bundesliga hat. Top-Talent Luca Reggiani musste bis zur Pause auf sein Bundesliga-Debüt warten. Mit der Champions League und damit dem Spiel gegen Atalanta Bergamo hat all das eigentlich wenig zu tun – die größten BVB-Talente sind hier gar nicht spielberechtigt, sie sind noch zu kurz im Verein als dass man sie über die B-Liste, die für junge Spieler vorgesehen ist, hätte nominieren können. Aber denken wir an den Champions-League-Einsatz von Niklas Süle gegen Athletic Bilbao: Hätte es den BVB da wirklich schlecht getan, wenn Reggiani oder ein anderes Abwehr-Talent gespielt hätten? Oder anstelle von Salih Özcan zum Beispiel Mathis Albert im Kader stünde, während Mussa Kaba ja sehr wohl einen Platz auf der B-Liste einnehmen könnte? Sicher nicht. Und das ist darum auch die wesentliche Kritik an Borussia Dortmund unter Nico Kovac: Das Ganze ist zwar effektiv – aber eben auch ziemlich mutlos.
Doch Mut war das Fundament aus dem die europäischen Träume von Borussia Dortmund in den letzten 15 Jahren gemacht waren. Natürlich gab es Rückschläge – vor acht Jahren haben sie uns die beiden letzten Spiele gegen Atalanta Bergamo beschert – aber unterm Strich waren sie für die sportliche und wirtschaftliche Entwicklung des BVB existenziell. Deswegen lohnt es sich auch gerade im Nachbericht zum gestrigen Spiel an mehr Mut zu appellieren (das hier ist mein erster Text auf schwatzgelb.de, ich hatte sonst ja auch noch keine Gelegenheit dazu).
Und damit gehen wir auch schon (naja) rein ins Spiel. BVB-Trainer Nico Kovac musste in der Defensive auf sein Kapitäns-Double Nico Schlotterbeck und Emre Can verzichten, auch der erwähnte Niklas Süle fehlte verletzt. Trotzdem ging Borussia Dortmund als aktueller Tabellenzweiter und mit dem 4:0-Sieg gegen Mainz 05 als klarer Favorit in die Partie. Auch Atalanta Bergamo hat zwar sein letztes Spiel und das immerhin in Rom gewinnen können und sich damit auch wieder auf einen internationalen Tabellenplatz vorgearbeitet haben, von den Champions-League-Rängen der Serie A sind sie aber noch einige Punkte entfernt. Klare Sache also. Der BVB begann gut – um im Wording dieses Textes zu bleiben sogar mutig.
Gleich in der dritten Minute gingen die Schwatzgelben in Führung: Zunächst findet ein langer Vertikalpass Felix Nmecha, der Julian Brandt mitnehmen will. Über Umwege flankt Nmecha den Ball dann aber doch auf die rechte Seite zu Maximilian Beier, der dort auf Julian Ryerson verlängert. Der nimmt Tempo auf und flankt die Kugel von rechts in die Mitte. Dort steigt Serhou Guirassy höher als Ex-Leverkusener Oriol Kossounou und trifft zur ganz frühen Führung per Kopf. Für Ryerson ist es der fünfte BVB-Assist in Serie.
Auch sonst macht der BVB zu Beginn der Partie kräftig Druck, die Gäste aus Italien können sich kaum befreien. Bergamo versucht das Spiel vor allem durch ein aggressives Spiel zu beruhigen, sammelt gerade zwischen Minute zehn und 20 zahlreiche Foulspiele. Das bringt die Borussia etwas aus dem Tritt, die erst nach 16 Minuten zur nächsten nennenswerten Chance kommt: Beier zieht von der linken Strafraumkante an der Sechzehnerlinie in die Mitte und schließt dann kraftvoll ab. Doch der Schuss verpasst geht dann doch recht weit am rechten Pfosten vorbei.
Fünf Minuten später, also nach 21 Minuten kommen dann die Gäste zu ihrer ersten Torchance. Daniel Svensson aber kann vor Mario Pasalic klären. Nichtsdestoweniger ist es nun Atalanta, das mutiger ins Spiel findet. Erst in der 32. Minute hat der BVB über Nmecha und Svensson seine nächste Torchance, bevor es in der 33. Minute wieder Nmecha, dieses Mal mit einem Distanzschuss, probiert. In der 39. Minute hat dann wiederum Beier eine nennenswerte Chance, nachdem beide Mannschaften zwischendurch das Tempo rausgenommen hatten: Und zwar geht Beier jetzt relativ alleine aufs Tor zu, wird aber nach rechts abgedrängt. Dann wird der Winkel zu spitz und er muss im Strafraum abdrehen. Die Szene verpufft. In der 41. Minute gibt es zudem einen gefährlichen Freistoß für den BVB: Von halbrechts versucht sich Ryerson. Seine präzise Hereingabe findet auch auf den Kopf von Anton, dessen Abschluss nur knapp über die Querlatte rauscht.
Kurz darauf fällt dann auch das 2:0 (42. Minute)! Dortmund kontert über Guirassy auf der linken Seite. Der Stürmer hat viel Platz und zieht in den Strafraum. Sein anschließender Pass vor das Tor ist perfekt getimt für Beier, der aus wenigen Metern nur noch einschieben muss. Mit dem 2:0 geht es dann auch in die Kabine.
Gleich zu Beginn der zweiten Halbzeit könnte der BVB einen Elfmeter bekommen. Brandt schickt Guirassy in den Strafraum, der geht nach einem Zweikampf gegen Kossounou zu Boden. Aber für den Schiedsrichter reicht das Foulspiel nicht für einen Strafstoß-Pfiff.
Bergamo hat zu Beginn der zweiten Hälfte echte Probleme damit, ins Spiel zu finden. Doch Borussia Dortmund wiederum tut sich schwer damit, das zu bestrafen – im Gegenteil könnten die eingang dieses Textes genannten Kritiker jetzt anmerken, nimmt die Kovac-Elf selbst auch Tempo aus dem Spiel, versucht zu verwalten, Kräfte zu schonen und ja kein Risiko mehr einzugehen. Das ist sicher nicht mutig, aber effektiv.
Gleichzeitig setzt der BVB auch alles daran, die Mannschaft auf Bergamo nicht ins Spiel kommen zu lassen, frühes und aggressives Gegenpressing setzt die Gäste unter Druck und ermöglicht den BVB immer wieder Konterchancen, wie über Beier und Brandt (58.) und den sehr auffälligen Ryerson und Guirassy (60.). Nennenswert ist dann auch noch diese Szene: Ryerson bringt von links eine Ecke in den Strafraum. Bergamos-Keeper Carnesecchi wird wenige Meter vor dem Tor entscheidend von Guirassy gestört und faustet die Kugel nur ideenlos weg. Brandt steht im Rückraum und zieht direkt ab, der Ball rauscht aber knapp drüber. Gefahr also auch nach Standards – auch das ist unter Kovac neu beim BVB.
Ab der 75. Minute beendet der BVB dann allmählich sein Gegenpressing und lässt die Italiener das Spiel machen. Doch denen fällt wenig ein. Stattdessen ist es der BVB der über den eingewechselten Chukuwumeka (79.) und über Bellingham (78.) noch zu zwei Torchancen kommt. In der 86. versucht es dann noch einmal Pasalic für die Gäste – aber ungefährlich.
Dann ist aber auch schon Schluss im schönsten Stadion der Welt. Der BVB gewinnt das Spiel gegen Atalanta souverän mit 2:0 und bringt sich damit für das Rückspiel nächsten Mittwoch in eine sehr gute Ausgangslage. Ein mutiger stark und eine abgeklärte Leistung ließen heute Abend keinen Zweifel daran, welches Team gewinnen würde.
Besonders hervorzuheben ist noch Champions-League-Debütant Reggiani, der zwar bereits in der 18. Minute nach einem Foulspiel die gelbe Karte gesehen hatte, aber trotzdem souverän durchspielte. Fehlerfrei, sehr stabil. Das ist einer, an dem wir noch viel Freude haben werden – vorausgesetzt, er bekommt weiter verdiente Einsatzzeiten. Gründe, weiter auf Spieler wie Niklas Süle zu setzen, gibt es nach dem heutigen Abend jedenfalls erst einmal keine mehr. So leid es mir tut.
Und Nico Kovac wird für seine Taktik damit, wenn es brenzlig wurde, einmal mehr belohnt. Der BVB hat heute alles positive gezeigt, wofür er unter Kovac (zumindest im (aber immerhin häufigen) Erfolgsfall) steht. Effizienz, Routine, Stabilität. Und so langsam muss man einfach anerkennen, dass alle Negativ-Vergleiche kaum Berechtigung haben und stattdessen die Richtung schlichtweg stimmt. Auch wenn bei weitem noch nicht alles – Stichwort: Jugendförderung – alles Gold ist, was glänzt.
Wieder ist es also Bergamo, das uns BVB-Fans Mut macht. Schön, wenn sich Geschichte wiederholt…
