Zwischen Mur und Tribüne gibt es in Graz zwei Erzählungen, die sich seit mehr als einem Jahrhundert gegenseitig spiegeln und reiben: der SK Sturm Graz und der Grazer AK. Beide Vereine sind älter als viele ihrer Mythen, beide tragen die Brüche der Stadtgeschichte mit und beide stehen damit für mehr als 90 Minuten Fußball. Und doch erzählen sie unterschiedliche Geschichten darüber, wofür ein Sportverein in einer Stadtgesellschaft steht und wie Fan-Kultur in Krisen zur tragenden Struktur werden kann.
Gründung: zwei Kinder derselben Zeit – mit unterschiedlichen Startpunkten
Der Grazer Athletiksport-Klub ist der ältere der beiden Rivalen. Er entstand 1902 und entwickelte sich früh als Mehrspartenverein, der über den Fußball hinaus in mehreren Sportarten Bedeutung erlangte.
Sturm wiederum beginnt als lose Fußballmannschaft 1909; die statutenmäßige Gründung als „Grazer Fußballclub Sturm“ erfolgte später, am 31. März 1912 im Hotel „Goldene Birn„. Diese Differenz prägt Selbstbilder: Der GAK als traditionsreicher „Athletik“-Verein, lange auch als sportpolitischer Mitgestalter im steirischen Sport; Sturm als Klub, der sich aus einer frühen Fußballbewegung heraus institutionalisierte und später im Stadtfußball doch noch große Bedeutung entwickelte. Sturm der Arbeiter-, GAK der Intellektuellen-Verein.
Sturm erlebte spätestens in den späten 1990ern eine nationale Strahlkraft, die den Klub in vielen steirischen Haushalten vom „Verein aus Graz“ zur großen Landesmarke machte – nicht zuletzt durch internationale Auftritte und die Meisterjahre.
Beim GAK lag die gesellschaftliche Wucht oft in der Mischung aus Tradition und Fallhöhe: Ein Klub, der in Graz historisch zu den Pionieren zählte, wurde in den 2000ern sportlich gekrönt – und stürzte danach wirtschaftlich ab.
Politische Stellung: Vereine in politischen Zeiten – ohne einfache Etiketten
„Politisch“ ist im Fußball fast immer doppeldeutig: Es geht um Vereinsführung und Institutionen – und zugleich um Fankurven, Milieus, Symboliken. Beginnen wir aber mit den jeweils dunkelnsten Phasen der Vereinsgeschichte: Beide Vereine existierten durch politische Systemwechsel – und waren in der NS-Zeit wie praktisch alle Institutionen im Sport von Gleichschaltung und Rahmenbedingungen betroffen.
Sturm beschreibt in seiner eigenen Geschichtsdarstellung, dass der Verein nach dem „Anschluss“ 1938 gleichgeschaltet wurde, mit parteitreuem „Vereinsführer“ und Hitlerjugend-Strukturen im Jugendbereich; zugleich wird betont, dass Sturm in unteren Ebenen als „unpolitisch und nicht belastet“ dargestellt werde (unter Verweis auf Forschung).
Auch mediale Aufarbeitung verweist auf historische Forschung zur Sturm-Geschichte im Nationalsozialismus. Beim GAK zeigt sich die politische Dimension vor allem in dokumentierten Vereins- und Verbandskontexten nach 1945 (z. B. ASVÖ-Bezug) und in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in der Vereinsgeschichte. Der GAK war zu dieser Zeit der sportlich bedeutendere Verein, zudem bürgerlicher geprägt und wurde daher verstärkt für Propagandazwecke missbraucht.
Sportliche Erfolge: Gipfel, die das Selbstbild formen
Sport schreibt bei Traditionsvereinen die Mythen – und die Hierarchien in einer Stadt.
Sturm Graz gewann österreichische Meisterschaften in den Saisonen 1997/98, 1998/99, 2010/11, 2023/24 und 2024/25; internationale Bekanntheit erhielt der Klub besonders durch Champions-League-Teilnahmen um die Jahrtausendwende. Der GAK krönte sich 2004 zum österreichischen Meister und holte in seiner Geschichte mehrere Cup-Titel (u. a. 1981, 2000, 2002, 2004).
Gerade dieser sportliche Gipfel 2004 wirkt im Rückblick wie ein Brennglas: Er steht für das Maximum, das in Graz jenseits von Sturm möglich war – und zugleich als Kontrastfolie zu den wirtschaftlichen Problemen, die später den Klub prägten.
Fankultur: Kurven als eigene Institutionen
Wer Graz verstehen will, sollte nicht nur Tabellen lesen, sondern Kurven.
Bei Sturm ist die organisierte Fanszene seit Jahrzehnten ein prägender Teil der Kluböffentlichkeit. Die Ultragruppe „Brigata Graz 1994“ gilt als älteste Ultragruppe rund um Sturm und wurde in Fanmedien auch als Gesprächspartner für Entwicklungen in der Kurve dokumentiert. Hier geht es – typisch Ultras – um Choreografie, Selbstorganisation, Identität und das dauernde Aushandeln zwischen Generationen: Wie bleibt eine Kurve laut, ohne zur bloßen Kulisse zu werden. Die Sturm-Fans identifizieren sich klar antifaschistisch und antirassistisch, für eine solidarische Stadtgesellschaft und offene Tribünen für alle Fans, unabhängig beispielsweise von Herkunft und sexueller Identität.
Beim GAK ist die Kurve nicht nur Stimmungsträger, sondern in den 2010er-Jahren phasenweise Existenzgrundlage geworden. Denn der GAK ist nicht einfach „abgestiegen“ – er ist wirtschaftlich kollabiert und musste Strukturen neu bauen. In der Vereinsdarstellung wird ein vierter Konkursantrag im Oktober 2012 beschrieben; kurz darauf wurde der Spielbetrieb eingestellt.
Der unterklassige Neuanfang: GAC/GAK 1902 – und warum Ehrenamt hier kein romantisches Wort ist
Der entscheidende Punkt für die heutige GAK-Erzählung ist der Neuanfang in den unteren Ligen: Ende 2012 wurde ein Nachfolge-/Parallelverein gegründet, der zunächst (auch aus namensrechtlichen Gründen) als GAC auftrat und später als GAK 1902 firmierte. Belastbar dokumentiert ist zudem, wie diese Neugründung organisatorisch getragen wurde: In einem Protokoll zur gründenden Generalversammlung am 6. März 2013 ist festgehalten, dass die Versammlung von den Gründern eröffnet wurde, zu Beginn 268 Stimmberechtigte im Saal waren und ein 40-köpfiges Gründungsgremium im Rahmen der Vorbereitung tätig war. Es wird auch ausdrücklich die „Aussichtslosigkeit“ einer Rettung des „alten GAK“ als Grund für den Entschluss zur Neugründung genannt. Und dann ist da die Fan-Perspektive: In der Fußball-Bundesliga-Rückschau auf das Comeback wird der Wiederaufstieg als Geschichte beschrieben, die „vor allem“ auch dank Menschen im Hintergrund möglich wurde – und ausdrücklich: „die Fans ließen den GAK wiederauferstehen“. Der Text verankert das Comeback im Unterhaus und verweist auf den Start ganz unten (1. Klasse Mitte, erster Gegner Judendorf-Straßengel).
Auch Fanmedien vermerken, dass GAK-Anhänger einige Monate nach dem Konkurs den Nachfolgeklub GAC gründeten. Das ist der qualitative Unterschied zum „normalen“ Traditionsklub-Alltag: Hier wird Ehrenamt nicht als Begleitmusik erzählt („Fans verkaufen halt Schals“), sondern als strukturgebendes Element – von Mitgliederversammlungen über Infrastrukturfragen bis hin zur praktischen Aufrechterhaltung eines Klubbetriebs, der sich in der untersten Liga erst wieder beweisen musste.
Fazit: Zwei Vereine, zwei Arten von Stolz – und eine gemeinsame Stadt
Sturm und GAK sind in Graz keine austauschbaren Marken. Sturm steht – sportlich wie symbolisch – für den Weg eines Klubs, der sich aus der Stadt heraus zur nationalen Größe entwickelt hat, mit Erfolgszyklen, internationaler Bühne und einer Kurve, die seit den 1990ern eine eigene Kulturgeschichte schreibt.
Der GAK steht für Tradition, einen Meistergipfel, den Absturz – und eine Wiederauferstehung, die ohne organisierte, ehrenamtliche Fanarbeit in dieser Form kaum erzählbar wäre. Und vielleicht ist genau das die ehrlichste Parallele: Beide Vereine sind, bei aller Rivalität, soziale Orte – mit der Fähigkeit, Menschen über Jahrzehnte zu binden. In Graz ist Fußball nicht bloß Sport. Er ist Erinnerung, Gegenwart, Streitkultur – und manchmal eben auch: Selbsthilfe.
