Sie dribbeln mit verbundenen Augen, lassen den Ball wie an einer Schnur kreisen und verwandeln Basketball in ein Spektakel. Doch hinter der scheinbar leichten Show der Harlem Globetrotters steckt eine Geschichte, die viel schwerer wiegt: geprägt von Rassismus, politischer Instrumentalisierung und einem ständigen Balanceakt zwischen Selbstinszenierung und Anpassung. Anlässlich des 100. Jahr ihres Bestehens schaut FanLeben.de auf ihre Geschichte. Los gehts!

Die Geschichte beginnt 1926 – nicht im New Yorker Stadtteil Harlem, sondern im segregierten Chicago. Afroamerikanische Spieler treten zunächst als „Savoy Big Five“ auf, benannt nach dem dortigen Savoy Ballroom. Erst später entsteht der Name „Harlem Globetrotters“ – ein bewusst gewählter Marketingtrick. Denn Harlem stand schon damals für afroamerikanische Kultur, für Jazz, Selbstbewusstsein und Kreativität. Dass keiner der Spieler tatsächlich aus Harlem kam, war zweitrangig. Der Name verkaufte ein Bild – eines, das beim weißen Publikum funktionierte. Schon hier beginnt ein Spannungsfeld: Die Globetrotters nutzten stereotype Erwartungen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Gleichzeitig boten sie schwarzen Spielern überhaupt erst eine Bühne in einer Zeit, in der sie vom organisierten Profisport weitgehend ausgeschlossen waren.

In diesen Anfangsjahren lag die Kontrolle über die Harlem Globetrotters übrigens bei Abe Saperstein, einem weißen Manager, während die Spieler ja wie erwähnt nahezu ausschließlich afroamerikanisch waren. In einer Zeit der Rassentrennung war das kein Ausnahmefall, sondern Teil eines Systems: Schwarze Athleten sorgten für die Unterhaltung, das Geld floss nach oben, meist in andere Hände. Saperstein war seinen Spielern jedoch auch erst einmal ein weitesgehend gleichberechtigter Geschäftspartner, erhielt jedoch aus den Ticket-Einnahmen einen doppelten Anteil, um für die Ausgaben aufzukommen. Erst mit dem graduellen Rückzug der ursprünglichen Spieler Mitte der 1930er-Jahre übernahm er als dienstältestes Mitglied die Organisation, teilte die Einnahmen nicht länger auf, sondern zahlte den angestellten Spielern stattdessen eine Pauschale von 7,50 $ pro Spiel. Saperstein war es wohl auch, der das Team benannte und seine Inszenierung als Showmannschaft steuerte.

Was heute deswegen oft vergessen wird: Die Globetrotters waren zunächst ein ernsthaftes Wettbewerbsteam. 1940 gewannen sie ein bedeutendes nationales Turnier und gehörten zu den besten Mannschaften der USA.

Doch der Weg zur Anerkennung führte nicht nur über Leistung. Um beim weißen Publikum zu bestehen, bauten sie früh humorvolle Elemente ein: Slapstick und clowneske Einlagen gehörten früh zum Portolfio des Team. Diese Entwicklung war ambivalent. Einerseits verschaffte sie dem Team enorme Popularität. Andererseits griff sie bewusst rassistische Klischees auf – das Bild des „lustigen“, unterhaltsamen schwarzen Entertainers. Die Spieler bewegten sich in einem System, das ihnen oft nur dann Raum gab, wenn sie Erwartungen erfüllten. Viele Historiker sprechen deshalb von einer doppelten Strategie: Anpassung, um sichtbar zu werden – und gleichzeitig Selbstermächtigung durch sportliche Überlegenheit.

Dazu passt auch das: Überliefert ist nämlich auch, dass die Harlem Globetrotters das Trickspiel, also besonders schwierige Ballstafetten, Trickwürfe und ähnliches in ihr Spiel als Antwort auf rassistische Zwischenrufe aus dem Publikum integrierten.

Ein Wendepunkt kam Ende der 1940er-Jahre. Die Globetrotters besiegten die Minneapolis Lakers, eines der besten weißen Profiteams der Zeit. Diese Spiele waren mehr als sportliche Erfolge, sie waren auch politisch ein Statement. Sie zeigten öffentlich, dass schwarze Spieler nicht nur mithalten konnten, sondern dominieren konnten. Kurz darauf begann die Integration der NBA. Spieler wie Chuck Cooper oder Nathaniel Clifton, die zuvor bei den Globetrotters gespielt hatten, gehörten zu den ersten Afroamerikanern in der Liga. Der Einfluss des Teams auf die Öffnung des US-Basketballs ist kaum zu überschätzen.

Mit Beginn des Kalten Krieges wurden die Globetrotters dann sogar zu kulturellen Botschaftern der USA: Während die Sowjetunion den USA Rassismus vorwarf, schickte die amerikanische Regierung afroamerikanische Teams wie die Globetrotters um die Welt. Ihre Mission: ein positives Bild der Vereinigten Staaten zu vermitteln. Sie spielten in Europa, Afrika, Asien – oft vor Tausenden Zuschauern. Ihre Shows waren nicht nur Unterhaltung, sondern Teil der sogenannten „Soft Power“: ein Versuch, Sympathien zu gewinnen und politische Narrative zu beeinflussen. Doch der Widerspruch blieb offensichtlich: Während die Globetrotters im Ausland für Gleichheit standen, war Diskriminierung in den USA weiterhin Realität, denn bis weit in die 1960er Jahre war die sogenannte „Rassentrennung“ in den USA politische und gesellschaftliche Praxis.

In dieser Zeit verlagerte sich aber auch der sportliche Fokus der Globetrotters endgültig. Aus dem Wettbewerbsteam wurde eine Showtruppe. Spiele wurden zunehmend inszeniert, Gegner wie die „Washington Generals“ traten als feste Kontrahenten auf, meist mit vorhersehbarem Ausgang. Die Globetrotters perfektionierten ihr Konzept: spektakuläre Tricks, Comedy, Interaktion mit dem Publikum. Sie wurden zu einer globalen Marke – erkennbar an ihren blau-roten Trikots und ikonischen Figuren wie Meadowlark Lemon oder Curly Neal.

Die „Wahsington Generals“ wurden in den 1950er-Jahren sogar als expliziter Bestandteil des Globetrotter-Ökosystems gegründet, aber nicht als ernsthafter Konkurrent, sondern als dauerhafter Gegenspieler des Teams. Ihr Gründer: Red Klotz, ein ehemaliger Basketballspieler und -trainer, der das Potenzial eines Dauerhaften „Rivalen“ für die Globetrotters erkannte, selbst über Jahre für die Generals spielte und dabei gut verdiente. Die Rolle von Klotz‘ Generals ist klar definiert: Sie sind das Team, gegen das die Globetrotters gewinnen sollen. Über Jahrzehnte hinweg traten die Generals als scheinbar reguläre Gegner auf, doch die Spiele folgen einer festen Dramaturgie. Die Generals spielen „normalen“ Basketball, während die Globetrotters das Spiel zunehmend in eine Show verwandeln– mit Tricks, Comedy und Publikumsinteraktion. Dass die Generals dabei fast immer verlieren, ist Teil des Konzepts. Gerade durch diesen Kontrast funktioniert die Inszenierung: Hier die disziplinierten, ernsten Gegner – dort die kreativen, überlegenen Entertainer. Für viele Zuschauer ist dieses Duell längst ein Ritual, ein bewusst gespielter Gegensatz, der die besondere Stellung der Globetrotters zwischen Sport und Show erst sichtbar macht. Übrigens: Gerade in den Anfangsjahren spielten für die Generals oft vor allem weiße Sportler, auch das sollte ein bewusster Kontrast zu den BPoCs der Globetrotters sein.

In den 1990er-Jahren kam es zudem auch kulturell zu einem weiteren Einschnitt: Mit Mannie Jackson kaufte ein ehemaliger Spieler das Team und wurde damit einer der ersten schwarzen Eigentümer im großen Sport- und Entertainmentgeschäft der USA. Für viele galt das als symbolischer Wendepunkt: Die Globetrotters waren nicht länger nur eine Bühne für schwarze Spieler, sondern auch ein Unternehmen unter schwarzer Führung. Ein weiterer Moment der Selbstermächtigung durch die Globetrotters.

Doch diese Phase blieb nicht dauerhaft. Seit 2013 gehört das Team wieder einem großen Entertainment-Konzern. Heute sind die Globetrotters Teil einer durchstrukturierten Markenwelt, in der Shows, Inhalte und internationale Tourneen strategisch geplant werden – und in der wirtschaftliche Entscheidungen nicht mehr aus der Kabine kommen, sondern aus der Konzernzentrale.

Heute touren die Harlem Globetrotters weiterhin weltweit. Sie treten in Arenen auf, besuchen Schulen, engagieren sich in sozialen Projekten und werben für Themen wie Integration und Bildung.

Doch ihre Rolle ist dabei längst nicht frei von Kritik.

Besonders umstritten war ihr Engagement in Nordkorea. 2013 reiste eine Auswahl von Spielern gemeinsam mit ehemaligen NBA-Profis in das isolierte Land, wo sie vor politischer Führung und Publikum auftraten. Sie sprachen von kulturellem Austausch – für viele Beobachter*innen zeigten sie eine problematische Nähe zu einem autoritären Regime.

Rund 50 Millionen US-Dollar setzen die Globetrotters heute jährlich um. Jedes Jahr finden meist 300 Spiele in 20 bis 30 Ländern statt, immer vor tausenden Zauscher*innen. Es ist eine dauerhafte und nie enden wollende Welttournee. Eine beeindruckende Zahl, aber weit entfernt von den Milliarden, die im modernen Profisport zirkulieren. Ihr Geschäftsmodell folgt dabei nicht dem klassischen Liga-Prinzip, sondern eher dem eines reisenden Entertainment-Unternehmens: Einnahmen stammen vor allem aus Ticketverkäufen für mehrere hundert Shows pro Jahr, aus Merchandise, Sponsoring und zunehmend aus Medien- und Digitalformaten.

Das Geld landet dabei heute nicht bei den Spielern, sondern bei einem Konzern. Die Globetrotters gehören dem US-Unternehmen Herschend, das auch Freizeitparks und Erlebnisformate betreibt. Die Spieler sind Angestellte, gut bezahlte Performer, aber weit entfernt von den Gehältern und Beteiligungsmodellen der NBA. Sie reisen um die Welt, sind Teil einer globalen Marke, doch am wirtschaftlichen Erfolg partizipieren sie nur begrenzt.

Über ihre Shows hinaus haben die Harlem Globetrotters den Basketball nachhaltiger geprägt, als es auf den ersten Blick scheint. Ihr Einfluss liegt weniger in Taktiksystemen als in einer Haltung zum Spiel: Kreativität, Ballgefühl und Individualität wurden bei ihnen nicht als Risiko, sondern als Stärke inszeniert. Lange bevor spektakuläres Ballhandling, No-Look-Pässe oder spielerische Leichtigkeit zum festen Bestandteil moderner Highlights wurden, zeigten die Globetrotters, dass Basketball auch Ausdruck von Persönlichkeit sein kann. Gerade für viele afroamerikanische Spieler wurde dieser Stil zu einer Form der Selbstbehauptung – auf dem Court sichtbar zu werden, in einem System, das ihnen lange Zeit wenig Raum gab.

Zugleich wirkten sie indirekt auf die Entwicklung der NBA ein. Ihre Siege gegen weiße Profiteams in den 1940er-Jahren stellten die bestehenden Hierarchien offen infrage und beschleunigten die Integration der Liga. Ohne diesen sportlichen und symbolischen Druck wäre die NBA vermutlich langsamer und anders gewachsen – weniger vielfältig, weniger geprägt von den Spielertypen, die das Spiel heute definieren. Auch der Entertainment-Charakter der Liga, von All-Star-Weekend bis Highlight-Kultur, trägt Spuren dieser frühen Verbindung von Sport und Show.

Dabei wandelten sie sich von einem Produkt des Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft zu einem Werkzeug gegen Rassismus. Eine beeindruckende Geschichte, die da vor 100 Jahren in Chicago begann.

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Von admin