Heute hat die internationale Fußball-Regelbehörde International Footbal Association Board (IFAB), dem die Verbandschefs England, Wales, Schottlands und Nordirland (mit je einer Stimme) sowie der FIFA-Präsident (mit vier Stimmen) angehören bei ihrer Jahreshauptversammlung im walisischen Hensol sechs Regeländerungen für den Fußball beschlossen. Die Änderungen treten bereits ab der WM 2026 in Kraft. FanLeben.de stellt sie vor und ordnet sie ein.
Wie das IFAB gegen das Zeitspiel vorgehen möchte
Bei Torhüter-Abschlägen oder -Abwürfen gilt bereits die Acht-Sekunden-Regel, wobei die Schiedsrichter*innen die letzten fünf Sekunden mit ihren Händen gut sichtbar herunterzählen. Künftig werden sie das auch bei Abstößen und Einwürfen tun. Wann sie mit dem Herunterzählen beginnen, liegt dabei, gerade bei Abstößen, in ihrem Ermessen. Dauert es bei Abstößen zu lange, erhält das gegnerische Team – wie jetzt bereits bei Abschlägen und Abwürfen – einen Eckball. Bei Einwurf-Verstößen darf der Gegner einwerfen. Diese Regel soll das Zeitspiel eindämmen.
Apropos Zeitspiel: Auch bei Wechseln soll das Zeitspiel erschwert werden. Ab der neuen Saison haben ausgewechselte Spieler*innen nämlich nur noch zehn Sekunden Zeit, um bei einer angezeigten Auswechslung das Feld zu verlassen. Hält sich eine*r nicht daran, darf ein*e Einwechselspieler*in erst auf den Platz, sobald es nach mindestens einer Minute eine weitere Spielunterbrechung gibt.
Und auch die Minutenregel scheint es den Regelhütern (Gendern nicht erforderlich) angetan zu haben. Denn auch Feldspieler*innen, die bei Verletzungen außerhalb des Spielfeldes behandelt werden, müssen ab Sommer unabhängig von der Dauer ihrer Behandlung mindestens eine Minute pausieren, ehe sie wieder auf den Platz zurück kommen dürfen. Außerdem soll jede Behandlung außerhalb des Platzes stattfinden, Physios, Sanitäter*innnen und Ärzt*innen dürfen den Platz nur noch in aktuen Gefahrensituationen betreten oder um den verletzten Spieler*innen direkt vom Platz zu helfen. So soll gewährleistet werden, dass sich Spieler*innen möglichst ohne Zeitdruck behandeln lassen – aber eben auch nur dann, wenn es wirklich erforderlich ist.
Das IFAB möchte die Akzeptanz des VAR stärken
Und dann sind da die im Vorfeld bereits lang disktutierten neuen Regeln für die Videoschiedsrichter*innen, über die FanLeben.de zum Beispiel bereits hier berichtet hat. Drei neue Befugnisse bekommen den regelhütenden Kellerkinder ab der kommenden Saison. Erstens: Der VAR darf künftig auch eingreifen, wenn die zweite Verwarnung bei einer Gelb-Roten Karte falsch war. Er darf also helfen, einen falschen Platzverweis zurückzunehmen. Diese Regel ist ein Kompromiss zwischen Fairness und reibungslosen Spielablauf, denn Hauptschiedsrichter*innen dabei unterstützen, eine Gelb-Rote-Karte zu geben, also darauf hinweisen, dass ein zweites gelbwürdiges Foul vorgelegen hat, darf der VAR darum weiterhin nicht. Zweitens: Eindeutig falsche Eckstoßentscheidungen darf der VAR künftig korrigieren – vorausgesetzt, der falsch gegebene Eckball wird direkt vom VAR erkannt und von den Schiedsrichter*innen unmittelbar, also zum Beispiel ohne die Ansicht von Videobildern in der Videoarea, korrigiert, ohne dass eine wesentliche Verzögerung entsteht. Eine Korrigierung im Nachhinein, also zum Beispiel, wenn aus einer eigentlich irregulären Ecke ein Tor geworden ist, ist jedoch weiterhin nicht vorgesehen. Drittens: Bisher zählte die Spieler*innenverwechslung neben Torerzielung, (potenzieller) Roter Karte und (möglichem) Strafstoß bereits zu den vier grundsätzlichen Themen, bei denen der VAR eingreifen darf. Das war bisher allerdings nur zulässig, wenn Spieler aus derselben Mannschaft bei der Bestrafung verwechselt wurden. Künftig darf der VAR auch eingreifen, wenn ein Spieler der falschen Mannschaft versehentlich mit Gelb oder einem Platzverweis sanktioniert wurde. Das dürfte die unstrittgste aller Regeländerungen sein.
DFB-Schiedsrichter*innen kritisieren IFAB: „Nicht das, was wir wollen“
Dennoch werden die Regeländerungen – gerade die, die den Videobeweis betreffen – schon seit Wochen kontrovers diskutiert. Und von den deutschen Profi-Schiedsrichter*innen beispielsweise auch knallhart abgelehnt. Bei den deutschen Profi-Schiedsrichter*innen stößt die Änderung erst einmal auf Kritik. „Das ist nicht das, was wir wollen“, sagt zum Beispiel Jochen Drees, der die Videoschiedsrichter in Deutschland anleitet. Er sagt: „Das läuft entgegen der Richtung, die eingeschlagen wurde. Ich kann zwar den Impuls verstehen, dass man potentiell spielentscheidende Situationen wie eine Gelb-Rote Karte überprüfen lassen will. Aber man eröffnet ein neues Feld und kommt dabei wieder in den Bereich der Ermessensentscheidung des Schiedsrichters hinein.“
Die Idee sei außerdem „nicht konsequent durchdacht“, meint der ehemalige FIFA-Schiedsrichter, denn: „Wenn man die zweite Gelbe Karte prüfen kann, müsste man auch die erste Karte prüfen können. Vielleicht war die ja falsch und Gelb-Rot dadurch unangebracht. Auch was die Eckstoßregelung angeht, bin ich höchst skeptisch. Es soll nur korrigiert werden, wenn der Check schnell geht. Doch was heißt das? Fünf Sekunden, zehn Sekunden, 30 Sekunden? Wie reagieren die Mannschaften? Ich vermute, man wird eine künstliche Verzögerung schaffen. Der Schwarze Peter wird dann wieder beim Schiedsrichter abgeladen.“
Und noch ein Argument ist Drees wichtig: Den IFAB-Regelhütern gehe es bei ihren Änderungen gar nicht um die wöchentliche Fankritik in der Bundesliga und anderen nationalen Ligen. Sondern vor allem um das Image des Fußball-Weltverbandes FIFA. Grundsätzlich mache das IFAB nämlich „schon auch viele gute Sachen“ und sei in den vergangenen Jahren „viel beweglicher geworden“, räumt der deutsche VAR-Chef zwar ein. Kritisiert dann aber doch „Das größte Problem aber ist, dass sie immer den Fußball weltweit im Blick haben müssen und damit beispielsweise auch die Interessen des Weltverbands FIFA. Die Vorstellung, dass das WM-Finale durch einen unberechtigten Eckstoß oder eine falsche Gelb-Rote Karte entschieden wird, ist dort natürlich ein Albtraum.“ Er fragt: „Aber was das bedeutet für nationale Ligen, die an jedem Wochenende 18 Spiele durchführen, wird manchmal nicht ausreichend bedacht.“
Ein klares Teils-Teils: FanLeben.de checkt die neuen Regeln
Doch stimmt diese Pauschal-Kritik? Eher nicht. Denn die meisten Ecken-Checks würden dabei aber tatsächlich relativ schnell gehen – schneller zumindest als so mancher Spieler sich einen Ball zurechtgelegt hat. Damit würde das Spiel hier immerhin etwas gerechter als der Status quo, bei dem strittige Szenen im laufenden Spiel vor einem Treffer zwar überprüft werden können, völlig falsche Eckballentscheidungen vor einem Tor jedoch noch.
Und auch das Dress‘ Argument gegen die Checks bei gelb-roten Karten ist brüchig. Denn ein verwarnter Spieler weiß, dass er nun etwas vorsichtiger spielen muss, um einen Platzverweis zu verhindern. Das mit gelb vorbestraft sein prägt das Zweikampfverhalten viele Akteure. Die zweite gelbe Karte ist somit eine sensiblere und dadurch immer wieder auch die etwas fehleranfälligere. Aber auch weggegangen von der individuellen Ebene gilt: Eine erste gelbe Karte für einen Spieler ist nicht spielentscheidend. Erst die zweite, also die gelb-rote Karte, ist es potenziell. Sie hat also, unabhängig davon, ob die erste gelbe Karte berechtigt war oder nicht, eine höhere Bedeutung. Das rechtfertigt, die Grundidee des VAR zugrunde legend, den Videobeweis in solchen Situationen.
Auch die Maßnahmen gegen das Zeitspiel bei Abstößen und Eckbällen sind erst einmal logisch. Die Drohkulisse nach – meist mehrfacher – Ermahnung in einem bedeutsamen Spiel vielleicht irgendwann eine gelbe Karte zu sehen, hat immerhin bislang kaum einen Torhüter davon abgehalten, bei Abstößen bei Bedarf auf Zeit zu spielen. Zumal eine gelbe Karte, wenn man in der Liga zum Beispiel fünf für eine Sperre sammeln muss, auch keine wirklich abschreckende Wirkung hat. Ein gegnerischer Eckball wäre da wirkungsvoller. Vor allem aber schafft die Acht-Sekunden-Regel bei Spielunterbrechungen mehr Vergleichbarkeit – auch insgesamt im Spiel.
Die Zeitspielregel bei Verletzungen wirkt hingegen eher kurios: Wenn ein*e Spieler*in nach einem harten Einstiegen der gegnerischen Mannschaft eine kurze Behandlung braucht, beispielsweise, um eine leicht geprellte Stelle zu kühlen oder, um ein Pflaster auf eine Schnittwunde zu kleben, ist es eine ungemessene Bestrafung ihrer Mannschaften, wenn diese aufgrund der Verletzung für mindestens eine Minute in Unterzahl spielen müssen. Hier werden die Opfer statt der Täter bestraft. Da wäre es klüger, Behandlungsunterbrechungen weiterhin einach nachspielen zu lassen, also Vertrauen in das Ermessen der Schiedsrichter*innen zu haben. Hier schadet das neue engere Regelkorsett also sogar der Fairness – auch wenn es beim ersten Lesen vielleicht gut gemeint klingt.
Reden wir zum Abschluss noch darüber, dass eine – im Weltfußball auch schon erprobte – Alternative zu den VAR-Reformen von den Regelhütern nicht umgesetzt wurde. Bei der U17-Weltmeisterschaft der Männer, die Ende letzten Jahres übrigens, wie sollte es bei einem FIFA-Tunier auch anders sein, in Katar ausgetragen wurde, testete der Weltverband nämlich die sogenannte Challange-Regel. Mit einer „Challenge“ können Trainer*innen die Prüfung einer konkreten Schiedsrichterentscheidung einfordern. Pro Halbzeit hat jede Mannschaft einmal die Möglichkeit zur „Challange„. Dafür gibt es auf den Trainerbänken dafür ein Tablet, auf dem Szenen sofort in der Wiederholung angesehen werden können. So geht keine Szene verloren und die Trainer*innen können gut abschätzen, ob sich beim jeweiligen Vorfall eine „Challange“ auch tatsächlich lohnt. Der Schiedsrichter schaut sich dann – wie man es aus der Bundesliga kennt – an einen Monitor am Spielfeldrand die zu überprüfende Szene noch einmal an und bewertet sie gegebenenfalls neu. Gibt er der challangenden Mannschaft Recht, behält die ihre „Challange“-Möglichkeit, bleibt der Schiedsrichter hingegen bei seiner Bewertung, darf der entsprechende Trainer erst in der nächsten Halbzeit wieder eine Schiedsrichterentscheidung überprüfen lassen. So soll für einen sorgsamen Einsatz garantiert werden. Die Idee ist dabei übrigens dem American Football entnommen.
Die Regel kommt dabei nicht nur bei der aktuellen Jugend-WM zum Einsatz. Seit Anfang des Jahres erlaubt das für Regelfragen zuständige International Football Association Board die Anwendung auch bei nationalen Wettbewerben. Und einige sind dabei: In Spanien haben die oberste Liga der Frauen und die 3. Liga der Männer dadurch nun technische Hilfsmittel für die Unparteiischen. Dasselbe gilt für die Serie C der Männer in Italien, die Serie A der Frauen beginnt aktuell mit Tests. Auch in einigen Wettbewerben Brasilien kommt die „Challange-Regel“ zum Einsatz.
Ihr Vorteil: Die Mannschaften können aktiver an der Entscheidungsfindung beziehungsweise der Regelhütung mitwirken. Aktuell fühlen sich viele Trainer*innen und ihre Teams dem VAR ja tendenziell eher ausgeliefert. Beim challangen tragen sie nun selbst mit Verantwortung. Daneben gibt es noch einen Vorteil: Der bisherige VAR ist technisch aufwendig, die Umsetzung entsprechend teuer. Die Video-Support-Lösung hier ist einfacher umzusetzen und dadurch deutlich günstiger, weil kein separates Studio und kein Übertragungswagen gebraucht werden. Außerdem braucht man weniger aktive Schiedsrichter*innen, nämlich keine Videoschiedsrichter*innen, pro Spiel. Ein großes Plus: Die Einheitlichkeit des Spiels kann so gefördert werden. Auch in unteren Spielklassen und in den ersten Spielrunden des DFB-Pokals wäre die Anwendung der „Challange-Regel“ ohne immense Investitionskosten möglich. Der Amateurfußball würde dem Profifußball damit wieder ähnlicher, es würde wieder mehr ein Spiel für alle. Wobei es natürlich den Haken gibt, dass es, je größer das mediale Interesse an einem Spiel ist, es entsprechend mehr Kameras und damit mehr Kameraperspektiven vor Ort gibt und je mehr Kameraperspektiven es gibt, desto einfacher ist es, eine Szene zu überprüfen. Die vollkommene Gleichheit garantiert also auch diese Regel nicht. Aber vollkommene Gerechtigkeit gibt es im Fußball ohnehin nicht. Es gibt sie wahrscheinlich nirgendwo im Leben.
Trotzdem haben die Regelhüter des Weltfußballs jetzt einiges am Regelwerk unternommen, um für mehr Fairness zu sorgen. Ob sich die Regeländerungen auszahlen? Die Zeit wird es zeigen.
