Ein Spieler, der bewusstlos vom Eis getragen werden musste, 125 Strafminuten für eine Mannschaft und eine 14-Spiele-Sperre für einen deutschen Nationalspieler: Das dritte Play-off-Spiel in der Viertelfinalserie zwischen dem ERC Ingolstadt und dem EHC München war ein Tiefpunkt dieses Eishockeyjahres. Und das trotz toller Spielzüge. Die Chronologie eines Abends, an dem Gewalt statt Sport im Mittelpunkt stand.
Danach, dass es so eine hitzige Begegnung werden würde, sah es zu Beginn aber zunächst nicht aus. In einer ausgeglichenen Anfangsphase traf Philipp Krauß zunächst nach einem Konter zur Ingolstädter Führung (4.). Doch schon kurz darauf wurde es zum ersten Mal hitzig und es gab eine erste fünfminütige Strafe gegen München wegen Behinderung. Diese nutzten die Ingolstädter dann direkt brutal aus: Als erstes traf Riley Barber in doppelter Überzahl zum 2:0. Direkt darauf erhöhten Alex Breton und erneut Barber auf 4:0 – binnen 50 Sekunden war der Dreierpack perfekt (11.). Ingolstadt legten noch vor der ersten Pause das 5:0 durch Myles Powell nach (19.). Im zweiten Drittel konnte DeSousa für München auf 1:5 (26.) verkürzen. Doch Breton stellte in einer weiteren doppelten Überzahl der Ingolstädter den Fünf-Tore-Vorsprung wieder her und erhöhte auf 6:1 (38.). Zugleich der Stand nach 40 Minuten. Auch im Schlussdrittel konnte München zunächst durch Oswald wieder zum 2:6 (44.) verkürzen, bevor Ingolstadt in erneuter doppelte Überzahl durch Breton den 7:2 Endstand herstellt (51.).
Dann aber lief die letzte Spielminute in Ingolstadt, in der das ohnehin schon sehr hart geführte Spiel vier der Serie zwischen dem ERC Ingolstadt und dem EHC München seinen negativen Höhepunkt fand. Münchens Fabio Wagner checkte an der blauen Linie ohne Chance auf den Puck Edwin Tropmann heftig weg. Wagner fuhr dabei in voller Geschwindigkeit auf Tropmann zu und traf diesem durch eine aktive Bewegung mit dem Ellenbogen am Hals. Der Ingolstädter verlor bei dem heftigen Zusammenprall seinen Helm und blieb auf dem Eis bewusstlos liegen. Sofort kamen Sanitäter*innen aufs Eis, um den Verletzten abzutransportieren. Doch erst im Krankenwagen kam Tropmann übereinstimmenden Medienberichten zufolge wieder zu sich. Ihm geht es inzwischen den Umständen entsprechend wieder gut.
Insgesamt „sammelten“ die Spieler an diesem Abend 125 Strafminuten – ein trauriger Rekord. Nach dem Foul von Fabio Wagner wurde die Partie dann auch de Facto abgebrochen. Die letzten 100 Sekunden liefen einfach herunter, beide Mannschaften spielten nicht mehr, das hatten wohl die Schiedsrichter des Abends so nach Rücksprache mit den Trainern beider Mannschaften angeregt. Die Gästemannschaft verließ anschließend unter Buhrufen der Ingolstadt-Fans das Eis.
Die übliche Pressekonferenz mit den beiden Trainern wurde daraufhin abgesagt, auch Spielerinterviews gab es nicht. Dafür stellten sich die beiden Sportdirektoren Ingolstadts Tim Regan sowie Münchens Christian Winkler, der sich zuvor umgehend nach dem Befinden Tropmanns erkundigt hatte, den Fragen der Presse. Regan wirkte sehr mitgenommen und fand deutliche Worte. Dass der Spielstand die Münchner frustriert hatte, verstand der Regan noch. „Aber in diesem Maß gibt es keine Entschuldigung. Das hat nichts mit Eishockey zu tun„, machte er klar. Und weiter: „Die Trainer müssen die Mannschaft im Griff haben, vor allem bei diesem Spielstand war das eine völlig unnötige Aktion. So etwas darf nicht passieren. Das schadet unserem Produkt und der Gesundheit unserer Spieler.“ Letzteres stand für Regan dann an erster Stelle: „Die Jungs sind gerade in keinem guten Zustand in der Kabine, sie sind absolut geschockt“, berichtete der Sportdirektor. „Wir müssen uns jetzt um sie kümmern.“
Christian Winkler stellte eines gleich zu Beginn seines Statements klar: „Ich hoffe nur, dass es dem Burschen so gut wie möglich geht, dass es nicht ganz so schlimm ist, wie es auf dem Eis ausgesehen hat, und dass er schnell wieder auf die Füße kommt. Das ist jetzt für mich das Allerwichtigste, alles andere ist zweitrangig.“ Winkler betonte, dass das Foul Wagners in der Tat überhart, aber auch untypisch für Wagner gewesen sei: „Er ist ein harter Spieler, aber nicht unfair.“ Außerdem hätten die Ingolstädter die ersten Spiele der Serie bereits mit großer Härter geführt, das sei für die Eskalation an diesem Abend mitverantwortlich gewesen. Das wiederum wollte Regan nicht auf sich sitzen lassen: „Von unserer Seite ist das nicht Spiel nicht eskaliert, wir waren diszipliniert“, stellte Regan nämlich fest. Auch die Schiedsrichter pfiffen nicht zugunsten des ERC; Marian Rohatsch und Christopher Schadewaldt verfolgten eine sehr konsequente Linie. Die Münchner müssen sich fragen lassen, weshalb sie nicht schon früher eingriffen, um die Situation zu deeskalieren. „Der Trainer kann nicht auf das Eis laufen“, lautete Winklers Antwort dazu. Coachen aber kann er.
Auch der Disziplinarausschuss der DEL folgt eher der Ingolstädter-Argumentation: Wagner wird für 14 Spiele und mindestens bis zum 8. Mai gesperrt. Damit wird Wagner bis zum Ende der diesjährigen Play-offs um die deutsche Meisterschaft nicht mehr zum Einsatz kommen. Zudem erhält der 30-Jährige eine Geldstrafe. Zur Begründung heißt es, dass Wagner keinen Versuch unternommen habe, an die Scheibe zu gelangen. Außerdem seien der Kopf- und Nackenbereich der Haupttrefferpunkt des Checks gewesen. „Der Check wurde extrem rücksichtslos und ohne spieltaktischen Zweck ausgeführt“, so der Disziplinarausschuss.
