Aktuell laufen die Asienmeisterschaften im Frauenfußball. Unter anderem mit am Ball: Die Mannschaft aus dem Iran. Für die Spielerinnen eigentlich etwas ganz besonders.
Denn der Frauenfußball hat im Iran zwar eine durchaus lange Tradition, das erste Länderspiel fand beispielsweise schon im Jahr 1971 statt. Doch nach der Islamischen Revolution von 1979 erfuhr der Frauenfußball viele Veränderungen. Spielerinnen in den Vereinen wurden gezwungen, einen vollständigen Hijab zu tragen, und männlichen Zuschauern wurde der Zutritt zum Frauenstadion verwehrt. Und die Nationalmannschaft musste ihren Spielbetrieb vollständig einstellen. Erst 2005 nahm die iranische Fußballnationalmannschaft der Frauen ihren Spielbetrieb wieder auf. Bei der Westasienmeisterschaft 2005 in Jordanien erreichten die iranischen Frauen bei ihrem ersten Anlauf in einem offiziellen Turnier auf Anhieb den zweiten Platz. Im Anschluss daran fand 2006 in Teheran das erste Fußballspiel der Iranischen Fußballnationalmannschaft der Frauen in einem heimischen Stadion seit der Revolution statt. Für Weltmeisterschaften oder die olympischen Spiele konnte man sich noch nicht qualifizieren, 2022 aber immerhin erstmals für eine Asienmeisterschaft. Jetzt also die zweite Teilnahme. In Serie.
Doch nur auf den Fußball und das Turnier können sich die Spielerinnen gerade natürlich nicht konzentrieren. In ihrer Heimat herrscht Krieg. Viele Menschen kämpfen zudem in einer feministischen Revolution gegen das Mullah-Regime. Die deutsche Männer-Nationalmannschaft zerbrach 2022 fast an der Frage einer #OneLove-Kapitänsbinde in Katar. Für die Iranerinnen ist die Situation weitaus existenzieller: Denn stellen sich die Spielerinnen offen gegen das iranische Regime droht ihnen bei ihrer Rückkehr nicht bloß ein Shitstorm, sondern die Hinrichtung. Gleichzeitig hätten sie aber so die Möglichkeit, ein weltweit sichtbares Sprachrohr für ihre mutigen Mitstreiter*innen im Iran zu sein und vielleicht dabei zu helfen, einen demokratischen Iran mitzuermöglichen.
Und so ist ihr Protest vor den Spielen gar nicht hoch genug zu bewerten: Als die Nationalhymne des Irans nämlich vor dem ersten Spiel gegen Südkorea abgespielt wurde, hatten sich alle Spielerinnen und der Trainerstab dazu entschieden, nicht mitzusingen. Damit widersetzten sie sich wohl auch offiziellen Anweisungen aus Teheran: Vom Regime hätte es vor ihrer Abreise die Anordnung gegeben, die Hymne mitzusingen, um das Regime nicht zu beschämen. Schweigen kann nämlich laut sein. Trainer Marziyeh Jafari und die Spielerinnen äußerten sich jedoch nicht weitergehend zu ihrem Protest – und auch nicht zu den Raketenangriffen, dem Tod des obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei und der grundsätzlichen Situation vor Ort. Ihr Schweigen sagte aber auch so genug.
Auch bei den folgenden Spielen gegen Australien und die Philippinen schwiegen die Spielerinnen bei der Nationalhymne. Gleichzeitig lockerten einige Spielerinnen die vom Regime vorgeschriebene Spielkleidung, obwohl sich im Umfeld der iranischen Delegation wohl auch Mitglieder der Revolutionsgarden als Sittenwächter aufgehalten haben.
Im Iran selbst darf derweil übrigens kein Fußball gespielt werden. Aufgrund einer 40-tägigen Staatstrauer nach dem Tod Chameneis fallen alle Spiele in der heimischen Liga und die geplanten WM-Vorbereitungsspiele der Männer-Nationalmannschaft aus. Doch auch die Männer-Nationalmannschaft hatte in der Vergangenheit immer mal wieder ähnliche Protestformen wie die Spielerinnen gewählt.
Doch für die Frauen-Nationalmannschaft stellte sich währenddessen nach dem dritten Spiel, Iran verlor alle drei Spiele (0:3, 0:4 und 0:2) und schied aus, dann die Frage nach der Rückkehr in ihre Heimat. Insgesamt sieben Personen aus der Delegation, darunter sechs Spielerinnen, wollen diese nicht antreten und haben in Australien Asyl beantragt – und erhalten. Das teilte Innenminister Tony Burke in der Hauptstadt Canberra mit. Auf einem symbolträchtigen Foto waren die Frauen zudem ohne Kopftuch an Burkes Seite zu sehen.
Konkret sei allen Teammitgliedern bei der Ausreise Asyl angeboten worden. Dabei seien Offizielle aus Australien und Übersetzer dabei gewesen, aber keine iranischen Aufsichtspersonen, erklärte Innenminister Burke. „Es wurde ihnen eine Wahl angeboten. Wir haben dafür gesorgt, dass es keine Eile gab, keinen Druck“, sagte Burke. Und in der Tat ging die Initiative dazu auch von den Spielerinnen selbst aus, die sich mit der Bitte um Asyl an die australischen Behörden gewandt hatten und daraufhin ihr Teamhotel unter Polizeischutz verlassen durften.
Der Fußball – das zeigt diese Geschichte – kann die weltweite Aufmerksamkeit auf Themen und Perspektiven lenken, die in einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung sonst zu kurz kommen würden. Er kann Menschen zusammenbringen. Und Hoffnung machen.
Die Iranierinnen haben diese Kraft erkannt – und genutzt.
Schade, dass das sonst viel zu selten passiert.
