Seit 2021 ist Samuel Eto’o, ehemaliger Weltklasse-Stürmer und Kapitän der Nationalmannschaft Kameruns, nun schon Präsident des Fußballverbands Kameruns. Doch von Ruhe, Konstanz oder gar einer nachhaltigen Entwicklung des Fußballs vor Ort kann seitdem wahrlich keine Rede sein – im Gegenteil: Es gibt Vorwürfe der Korruption, es soll tätliche Angriffe auf einen YouTuber gegeben haben und Versuche, Spiele zu manipulieren. 2024 wurde er zudem wegen Beleidigung von Schiedsrichtern während der FIFA U20-Weltmeisterschaft der Frauen für sechs Monate gesperrt.

Aber auch um die sportliche Ausrichtung des eigenen Verbandes tobt ein massiver Machtkampf zwischen Verbandspräsident Eto’o und den Sportministerium Kameruns. Der Einfluss des Ministeriums auf den Fußballverband ist immens. Selbst den Nationaltrainer wählte in den letzten 30 Jahren zumeist das Ministerium aus und nicht der Verbandspräsident beziehungsweise die Gremien des Fußballverbandes, der nach FIFA-Statuten eigentlich unabhängig agieren können muss. Kurz vor Beginn des Afrika-Cups, der dieser Tage in Marokko ausgetragen wird, eskalierte Eto’o den Streit und entließ den bisherigen Nationaltrainer, Marc Brys.

Der aber akzeptiert seine Freistellung nicht. Seine Argumentation: Brys war 2024 von Kameruns Sportministerium zum Trainer ernannt worden – offenbar schon damals gegen den Willen von Eto’o. Dementsprechend könne er auch nur vom Sportministerium entlassen werden. „So lange es kein vom Staatspräsidenten unterschriebenes Dokument gibt, das David Pagou zum Trainer erklärt, heißt der Trainer der Unbezähmbaren Löwen Marc Brys“, sagt der Belgier. Darüber gebe es „keine Diskussion“. Den ehemaligen Weltklassespieler Eto’o bezeichnete Brys als „narzisstisch“, das Vorgehen als „Sabotage“ und seine Entlassung als „illegal und lächerlich“. Sein Fazit: „Eto’o wollte mich von Anfang an loswerden. Er hat mich von der ersten Minute an beleidigt.“

Dennoch verpflichtete Eto’o einen eigenen Nationaltrainer: David Pagou, der bislang nur in Kamerun aktiv war, sowohl in der heimischen Liga als auch im Fußballverband. Und dabei durchaus erfolgreich: Unter anderem wurde er in Kamerun bereits als Trainer des Jahres ausgezeichnet. Sein Netzwerk ist darüber hinaus engmaschig. Nichtsdestoweniger stand Kamerun damit plötzlich mit zwei Trainern da. Und das kuriose: Beide nominierten einen Kader für den Afrika-Cup.

Allerdings: Inwiefern es sich bei Pagous Kader wirklich um die Auswahl des neuen Coaches handelt, wird ebenfalls angezweifelt. Denn er verzichtete etwa auf André Onana einer der prominentesten Spieler beim Cup, unter Brys war der Torhüter eigentlich die Nummer 1, mit Eto’o stand Onana aber auf Kriegsfuß. Bereits beim Afrika-Cup 2024 war Onana vom damaligen Nationaltrainer Rigobert Song auf die Bank gesetzt worden – auf Druck von Eto’o hin, wie es damals hieß. Noch auffälliger aber ist die Nichtnominierung von Stürmer Vincent Aboubakar, der in Brys‘ Kader ebenfalls auftaucht, in dem von Pagou aber eben nicht. Im Kamerun machten Berichte die Runde, wonach Eto’o den 33 Jahre alten Routinier nicht im Team haben wolle, weil dieser ihm sonst als Rekordtorschütze des Landes gefährlich werden würde. Eto’o, der auch Rekordtorschütze des Afrika-Cups ist, kommt auf 56 Treffer für Kamerun, Aboubakar liegt mit 45 nur noch knapp dahinter. Bestätigt ist all das natürlich nicht. Auch der Ex-Bundesliga-Profi Eric Maxim Choupo-Moting gehört trotz 18 Saisontoren für die New York Red Bulls in der MLS nicht zum Kader.

Der afrikanische Fußballverband erkannte übrigens die Kaderliste von Pagou an. Mit dabei ist darum auch Christian Kofane von Bayer Leverkusen. Brys hatte ihn zwar bereits für seine letzten Länderspiele nominiert, die aber sagte Kofane ab – offiziell, weil er sich auf die Werkself konzentrieren wollte. Aber wohl auch, weil sein Berater gute Beziehungen zu Samuel Eto’o unterhält. Dafür spricht außerdem, dass Kofane in einer von Eto’o betriebenen Akademie ausgebildet wurde.

Noch spektakulärer ist aber die Nominierung von Arnold Maël Kamdem. Kamdem, ehemaliger Juniorennationspieler Kameruns, spielt aktuell in der sechsten (!) brasilianischen Liga. Konkret war der Mittelfeldspieler erst wenige Tage zuvor im Landesinneren Brasiliens vom Penarol AC aus der Campeonato Amazonense Série B zum CS Sinop gewechselt, der sich gerade so in der Campeonato Mato-Grossense halten konnte. Aber noch bevor Kamdem seine Heimat verließ, coachte Pagou ihn bei Renaissance de Ngoumou und betreute ihn auch als Fitnesstrainer bei der U20-Nationalmannschaft.

Dass er es noch bis zum Afrika-Cup schaffen würde, war für Kamdem dabei lange nicht abzusehen. „Ich hatte Schwierigkeiten wegen meiner Größe, ich bin ziemlich klein, also musste ich viel härter arbeiten, um meine Größe mit meiner Schnelligkeit und meinem Einsatz auszugleichen, und so begann es besser zu laufen. Als ich in einen Verein kam, schenkte mir der Trainer nicht viel Aufmerksamkeit, weil ich etwas klein war, aber nachdem ich eine Weile trainiert hatte, sah er, dass ich anders war, auch wenn ich etwas klein bin, kompensiere ich das in anderen Bereichen, und so habe ich meine Schwierigkeiten mit der Größe überwunden“, erinnerte er sich vor einigen Jahren. Dafür konnte sich Kamdem im Amateurfußball recht schnell einen Namen machen, bei der Université de Yaoundé I bewies er als Kapitän zudem Führungsqualitäten. Nicht nur die 1,68 Meter Körpergröße und die Ähnlichkeit brachten ihm Vergleiche mit Frankreichs 2018er-Weltmeister N’Golo Kanté ein. Auch im Spielstil gleichen sich die beiden: Aggressivität und Einsatz, taktisches Verständnis, ein gutes Passspiel und viel Energie. Und Kanté schaffte in Frankreich ebenso nicht in den großen Nachwuchsleistungszentren den Sprung zu den Profis. Auch Kandem spielte vor seinem Wechsel nach Brasilien erst in der dritten und dann in der zweiten Liga Kameruns.

Dann folgte der Wechsel ins „Land des Fußball“, wie Kandem sagt. Über ein Probetraining kam er fernab der Heimat an sein erstes Engagement. Es folgten weitere Stationen im unterklassigen Bereich. Auch über die Corona-Pause im brasilianischen Fußball blieb der Kameruner im Land. Mittlerweile konnte er sich so immerhin im zweithöchsten Level der Staatsmeisterschaften festspielen. Und auch fußballerisch habe er sich weiterentwickelt: „Im kamerunischen Fußball geht es etwas mehr um Kraft, im brasilianischen Fußball hingegen ist er sehr technisch, mit sehr schnellen Spielern. Das hat mir ermöglicht, mich weiterzuentwickeln und viel härter zu trainieren.“

Trotzdem: Ohne Pagou wäre Kandem wohl niemals Nationalspieler Kameruns geworden. Aber die Zerwürfnisse im Verband waren seine Chance, Teil einer märchenhaften Geschichte zu werden – und die hat er genutzt. Im dritten Gruppenspiel gegen Mosambik, das Kamerun am Ende 2:1 gewann, wurde Kamdem in der Halbzeit für Brightons Carlos Baleba eingewechselt – und konnte ohne große Probleme mithalten. „Der Anfang war sehr angespannt. Alles war neu, aber es ist ein Traum, der wahr geworden ist. Es ist eine Ehre und eine Freude, für Kamerun zu spielen“, sagte er im Anschluss. „Natürlich habe ich etwas Druck verspürt. Aber da es ein Wettbewerb ist, muss man das überwinden, sich befreien und sein Bestes geben.“ Trotz der Querelen um den Verband ist für Kamdem das Ziel klar: Das Endspiel am 18. Januar in Rabat. In der Runde der letzten 16 bejubelte er auf der Bank das Weiterkommen gegen Südafrika. Im Viertelfinale wartet nun Gastgeber und Top-Favorit Marokko. Ob er noch mal die Chance bekommt, sich auf der großen Bühne zu zeigen, ist offen. Der überraschende Auftritt könnte ihn seinen weiteren Träumen aber näherbringen. „Mein Traum ist es, auf hohem Niveau professionell zu spielen, zum Beispiel in der brasilianischen Série A, bei Teams wie Corinthians, Santos oder Flamengo. Außerdem möchte ich in Europa spielen, in einer der fünf großen Ligen“, sagt Kamdem.

Nichtsdestoweniger gilt: Der Machtkampf in Kamerun kennt vor allem einen Verlierer: den kamerunischen Fußball. Denn das bizarre Schauspiel der letzten Jahre hat sich sportlich in der Vergangenheit bereits niedergeschlagen. Beim Afrika-Cup 2024 war für das einstige Aushängeschild des afrikanischen Fußballs bereits im Achtelfinale Schluss, die Qualifikation für die WM 2026 hat das Land verpasst – obwohl für den afrikanischen Verband mehr Startplätze zur Verfügung standen. Auch die Nachwuchsentwicklung leidet, wenn selbst minderjährige Spieler*innen in politische Grabenkämpfe abseits des Platzes verwickelt werden. So schön das Kamdem-Märchen ist: Man kann nur hoffen, dass bald wieder Ruhe, Konstanz und eine nachhaltige Entwicklung im kamerunischen Fußball einsetzen.

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Von admin