Überraschungen.
Man kennt sie.
Man liebt sie.
Man hasst sie.
Je nachdem.
Gerade erleben Fußballfans hier in Deutschland viele Überraschungen.
Dass Lukas Kwasniok in Köln als Cheftrainer und Otmar Schrok in Magdeburg als Geschäftsführer gehen mussten, waren keine Überraschungen. Aber dass sowohl Sebastian Kehl als auch Jörg Schmadtke mit Ende der Woche nicht mehr beim BVB beziehungsweise bei Hannover 96 arbeiten würden, das schon.
Und man braucht nicht die Lebenserfahrung eines Sebastian Kehls (46) und erst Recht nicht die eines Jörg Schmadtkes (62) um zu wissen: Wenn zwei so dicke Überraschungen auf einmal kommen, sind selten alle gut. Aber FanLeben.de begibt sich heute auf die Spur von zwei ganz besonderen Ausnahmen.
Kehls Reifeprüfung, Dortmund Fokussierung: Book folgt auf die Vereinslegende
Auf dem ersten Blick kam diese Meldung gestern ziemlich plötzlich: Borussia Dortmund und Sebastian Kehl beenden ihre Zusammenarbeit. Diese Entscheidung hatten die Geschäftsführung des BVB und der bisherige Sportdirektor an diesem Sonntag einvernehmlich getroffen, wie es in einer Vereinsmitteilung hieß. Doch Carsten Cramer, Sprecher der BVB-Geschäftsführung, ergänzte, warum gerade der jetzige Zeitpunkt für die Trennung stimmig war: „Um die mit Blick auf die neue Saison anzustoßenden Veränderungen voranzutreiben und auch Sebastian Zeit für die nächsten Schritte seiner beruflichen Zukunft zu geben, ist die Trennung zum jetzigen Zeitpunkt folgerichtig.“ Seit 2018 war Kehl vier Jahre Leiter der Lizenzspielerabteilung des BVB, dem in dieser Zeit 2021 der DFB-Pokalsieg gelang. Im Sommer 2022 übernahm der ehemalige BVB-Profi den Posten des Sportdirektors. In seiner Amtszeit qualifizierte sich Borussia Dortmund kontinuierlich für die UEFA Champions League und erreichte 2024 sogar das Finale der Königsklasse. Zuvor trug er als Spieler 13 Jahre lang das schwarzgelbe Trikot und gewann mit Borussia Dortmund unter anderem drei Deutsche Meisterschaften, darunter auch das erste Double der Vereinsgeschichte aus Meisterschale und DFB-Pokal 2012. In seinen unterschiedlichen Funktionen bestritt Kehl insgesamt 748 Spiele für Borussia Dortmund, unter Jürgen Klopp war er zudem Kapitän des Team.
Doch als Funktionär hatte es Kehl beim BVB trotzdem nie leicht. Zwar wurde er als Leiter der Lizenzspielerabteilung vom damaligen Sportdirektor Michael Zorc gut eingearbeitet, gleichzeitig war es für Kehl auch denkbar schwer, in die Fußstapfen des überaus beliebten und erfolgreichen Kaderplaners zu treten. Auch wenn Zorc Kehl einige schwere Hausaufgaben, wie vergleichsweise hohe Kader- also Gehaltskostenstruktur hinterließ und es auch Kehl immer wieder gelang, wichtige Spieler neuhinzuzuholen, darunter aus der aktuellen Mannschaft unter anderem Gregor Kobel, Nico Schlotterbeck und Felix Nmecha. Auch Top-Talente wie Jude Bellingham und Erling Haaland brachte er, wenn auch seltener als Vorgänger Zorc, zum BVB und verkaufte sie mit hohem Ertrag weiter. Gleichzeitig konnte Kehl keinen Transferüberschuss erzielen, immer wieder lag er bei Neuzugängen daneben. Das teuerste Missverständnis ist dabei sicherlich sein teuerster Spieler: Niklas Süle, der mehr als zwölf Millionen Euro pro Jahr in Dortmund verdiente. Gleichwohl würde seine Arbeit andernorts wohl weitaus weniger kritisch gesehen. Und: Bei seinem nächsten Verein wird Kehl von Anfang an über mehr Autorität verfügen, es wurmte ihn, dass Lars Ricken und nicht er als Nachfolger von Hans-Joachim Watzke zum Sportgeschäftsführer wurde. Immer wieder wurde auch um Uneinigkeit zwischen ihm, Ricken und den wechselnden Cheftrainern, vor allem mit Edin Terzic, bei der Kadergestaltung berichtet. Kehl wird nun irgendwo Sportgeschäftsführer werden und zeigen können, wie gut er tatsächlich ist.
„Das Feld hier ist bestellt, ich wünsche dem Verein bei seiner Neuausrichtung nur das Allerbeste und weiterhin die größtmöglichen Erfolge“, mit diesen Worten verabschiedet sich Kehl dann auch selbst aus dem operativen Geschäft beim BVB. Und so wie er selbst kann wohl auch wirklich Borussia Dortmund von der Veränderung auf seiner Position profitieren. Immer wieder sprach Lars Ricken davon, dass der BVB wieder langfristig etwas aufbauen wolle, Talente früh finden, gut entwickeln und erst spät mit hohem Transfergewinn weiterverkaufen müsse. Weniger Can, mehr Reggiani. Gleichzeitig war der BVB zuletzt unter Watzke auch strukturell festgefahren. Ein neuer Sportdirektor kann helfen, Strukturen im Verein zu modernisieren, weniger in alten Schubladen zu denken und zu neuer Kreativität zu kommen. Das scheint auch Ricken zu wollen. Die Neubesetzung von Kehls Jobs dauerte in der Folge jedenfalls kaum mehr als 24 Stunden, bevor es heute dann hieß: Ole Book wird neuer Sportdirektor von Borussia Dortmund. Der BVB hat sich mit dem 40-Jährigen auf eine Zusammenarbeit ab diesem Mittwoch verständigt. „Mit Ole Book haben wir unseren Wunschkandidaten für die Position des Sportdirektors zum BVB holen können. Ich verfolge seine hervorragende Arbeit in Elversberg zunächst als Sportdirektor und zuletzt als Sportvorstand schon lange und bin absolut überzeugt, dass Ole fachlich und menschlich sehr gut zu uns passt“, erklärt Borussia Dortmunds Geschäftsführer Sport, Lars Ricken. „Mit ihm in der sportlichen Verantwortung hat Elversberg den Sprung aus der Regionalliga in die Spitze der Zweiten Liga geschafft, auf dem Weg dahin viele junge Talente entwickelt und gleichzeitig Kaderwerte geschaffen. Wir haben großes Vertrauen in Ole und seine Expertise, wenn es darum geht, kreative und mutige Ideen auf dem Transfermarkt zu entwickeln.“
Für Book spricht: Er bringt keinen Stallgeruch, aber trotzdem viel Leidenschaft für den BVB mit. Book kommt aus Beckum im Münsterland – Kern-Einzugsgebiet der Schwarzgelben, wie Book auch selber sagt: „Borussia Dortmund ist ein besonderer Verein für mich mit einer emotionalen Verbindung seit Kindheitstagen.“ Kurzum: Im Ruhrgebiet könnten gestern alle Leute von einer Überraschung profitiert haben.
Keine Schlammschlacht, aber vielleicht ein Weltmeister-Comeback: Wie Hannovers Aufstigeschancen steigen
Angedeutet hatte sich auch diese Entscheidung für die Öffentlichkeit nicht, entsprechend überraschend kam dann die zweite Eilmeldung, dieses Mal am späten Sonntagnachmittag: Hannover 96 und Jörg Schmadtke beenden ihre Zusammenarbeit „einvernehmlich“ zum 31. März. „Die Aufsichtsgremien von Hannover 96 werden zu gegebener Zeit über eine Neubesetzung eines Geschäftsführers Sport der Hannover 96 GmbH & Co. KGaA entscheiden“, teilte der Tabellenfünfte der 2. Liga in einem äußerst knappen Statement mit, das beendet wird mit: „Die Aufgaben von Herrn Schmadtke werden interimsweise durch den Geschäftsführer Henning Bindzus und den Sportdirektor Ralf Becker übernommen. Für Hannover 96 steht die Verwirklichung der sportlichen Ziele der laufenden Saison weiterhin im Vordergrund.“
So richtig einvernehmlich klingen diese Worte aber nicht, unter anderem weil im Statement von „Herrn Schmadtke“ die Rede ist, während die anderen genannten Personen mit Vor- und Nachnamen benannt werden. Dazu passen die heute aufkommenden Berichte, wonach die Trennung auch tatsächlich einseitig von Hannover 96 ausgegangen sein soll – wegen einer in der Tat völlig unterkühlten Beziehung zum ehemaligen Sport-Boss. So soll er mehrfach mit Gregor Baum, Besellschafter der Profi-Fußball-Kapitalgesellschaft der Niedersachsen, aneinandergeraten sein. Bei weitreichenden Entscheidungen soll Schmadtke außerdem Sportdirektor Becker und Cheftrainer Christian Titz nicht eingebunden haben. Möglicherweise dachte er auch über eine Trennung von Titz nach, berichtet das Magazin.
Auch für Hannover 96 kommt die Trennung darum zu einem richtigen Zeitpunkt. Denn für das Titz-Team geht es aktuell noch um den Aufstieg und die damit die lang ersehnte Rückkehr in die Bundesliga. Interne Unruhe wäre da Gift. Zwar heißt es auch, Titz hätte einen Teil der Kabine verloren, aber auch hier könnte das klare Bekenntnis des Klubs dem Coach den Rücken stärken und ihm helfen, wieder die gesamte Mannschaft hinter sich zu versammeln. Außerdem sind ganz aktuell zwei aus Hannover-Sicht hochinteresannte Schmadtke-Nachfolger auf dem Markt: Erst im Januar gab Per Mertesacker bekannt, Arsenal zum Saisonende nach dann 15 Jahren verlassen zu wollen. Der 42-jährige hatte die Gunners-Akademie nach seinem Karriereende als Spieler als Nachwuchsleiter neu-ausgerichtet und so unter anderem Talenten wie Bukayo Saka oder zuletzt Ethan Nwaneri und Myles Lewis-Skelly den Durchbruch ermöglicht. Er strebt den nächsten Schritt an, gilt in Hannover als bestens vernetzt und in Konflikten als vermittelnd, wenn er sich nicht bei einem noch größerem Verein sieht, könnte das passen. Alternativ würde auch Sebastian Kehl gut auf Schmadtkes Position passen, denn Kehl reifte wie Mertesacker bei den Niedersachsen zum Profi und hätte nach seiner Zeit bei Borussia Dortmund die nötige Durchsetzungsstärke, um sich im Spannungsfehld der Profi-Fußball-Kapitalgesellschaft zu behaupten. Beide würden zudem Euophorie bei den Fans entfachen. Und Jörg Schmadtke erspart sich auf diese Weise eine lange und seinem Image schadene öffentliche Schlammschlacht – und hat wieder mehr Zeit für Reisen mit seiner Frau. Ist doch auch etwas.
Zwei Überraschungen, mindestens vier Gewinner. Ostern ist erst in 13 Tagen. Aber den Kindern ist schon heute zu wünschen, dass ihre Ostereiersuche mindestens genauso so erfolgreich wird, wie der Funktionärstransfermarktsonntag.
