Michel Kuka ist ein Gesicht des diesjährigen Afrika-Cups – und das obwohl er gar nicht auf dem Platz steht, sondern seinen Platz in der Fankurve der Demokratischen Republik Kongo hat.

Doch auch dort ist Kukas Rolle ungewöhnlich, denn er ist nicht etwa Vorsänger, Trommler oder Fahnenträger, sondern steht 90 Minuten regungslos auf einem Holzschemel.

Michel Kuka ist eine lebende Statue.

Dabei trägt er einen Anzug in den kongolesischen Nationalfarben und reckt die rechte Hand in die Luft. Er ist nicht irgendeine Statue, sondern erinnert an Patrice Lumumba, Kongos großen Freiheitshelden. Die Pose mit der rechten Hand ist typisch für ihn, auch sein offizielles Denkmal in Kongos Hauptstadt Kinshasa zeigt ihn in dieser Körperhaltung. Das Besondere: Michel Kuka sieht Patrice Lumumba auch noch zum verwechseln ähnlich, hat nahezu dasselbe schmale Gesicht, trägt quasi dieselben Furchen, hat seine Frisur an Lumumba angepasst und sich dieselbe Brille gekauft, wie sie sein historisches Vorbild trug.

Schon seit 2013 verkörpert Kuka den Nationalhelden, gehört in dieser Rolle dem offiziellen Fanklub der kongolesischen Nationalmannschaft an. Seine offizielle Rolle im Fanklub: „Artist“, er selbst aber nennt sich „Lumumba Vea“, Denkmal Lumumbas.

Mit der Teilnahme Kongos am Afrika-Cup ist Michel Kuka auch über sein Heimatland hinaus bekannt geworden. Fans aus der ganzen Welt sehen ihn und wollen mehr über ihn erfahren. In seinem Heimatland aber ist er längst ein Star: „Es wird viel über ihn erzählt“, verrät zum Beispiel der kongolesische Sportjournalist Guy Elongo der staatlichen Nachrichtenagentur ACP. „Viele denken, dass Lumumba Vea sich während des Spiels in eine Statue verwandelt. Andere nennen ihn gar einen Zaubermeister, der alle Glücksbringer des Landes besitzt.“ Kuka selbst ist vom wachsenden Interesse etwas überrumpelt, wie er offen zugibt: „Ich bin selber überrascht“, sagt er in einem Interview. „Was ich mache, freut alle Kongolesen. Ich gebe auch den Spielern Kraft, wenn sie mich sehen. Damit sie gewinnen.“ Sportlich lief es beim Afrika-Cup dabei in der Tat gut. Die DR Kongo hat als Gruppenzweiter die Vorrunde des Afrika-Cups überstanden, mit Siegen gegen Benin und Botswana und einem Unentschieden gegen Gruppensieger Senegal. Im Achtelfinale schied die Mannschaft dann nur sehr unglücklich aus: In der 119. Minuten, also kurz vor Ende der Verlängerung, traf Mitfavorit Algerien zum Spielentscheidenden 1:0.

Aber warum ehrt Michel Kuka Patrice Lumumba? Die Antwort steckt im Wirken des Nationalhelden: Denn Patrice Lumumba war eine der eindrucksvollsten und tragischsten Figuren der afrikanischen Unabhängigkeitsgeschichte. Sein Name steht bis heute für den kompromisslosen Anspruch auf Würde, Selbstbestimmung und politische Souveränität – und zugleich für den hohen Preis, den dieser Anspruch im Zeitalter des Kalten Krieges forderte.

Lumumba wuchs in der belgischen Kolonie Kongo in einem System auf, das Afrikaner systematisch entrechtete und bevormundete. Gerade deshalb entwickelte er früh eine scharfe Sensibilität für Ungerechtigkeit und eine außergewöhnliche sprachliche Kraft. Seine berühmteste Rede hielt der erste frei gewählte Premierminister des unabhängigen Kongos am 30. Juni 1960, dem Tag der kongolesischen Unabhängigkeit, als er – entgegen diplomatischer Erwartungen -offen die Gewalt, Ausbeutung und Demütigung der Kolonialherrschaft benannte. In wenigen Minuten formulierte er einen Anspruch, der weit über den Kongo hinausreichte: Freiheit sei kein Geschenk, sondern ein erkämpftes Recht.

In seinem Amt verkörperte Lumumba die Hoffnung auf einen selbstbestimmten afrikanischen Staat. Zentral war für ihn dabei etwa, dass die enormen Bodenschätze des Landes – unter anderem Kupfer und Uran – der kongolesischen Bevölkerung zugutekommen sollten, nicht ausländischen Konzernen. In Reden und Programmen forderte er bessere Bildungschancen, den Abbau kolonialer Arbeitsverhältnisse und einen Staat, der soziale Ungleichheit aktiv bekämpft. Gleichzeitig kämpfte er für mehr Demokratie, insbesondere in staatlichen Institutionen und unterstützt auch die Unabhängigkeitsbewegungen anderer afrikanischer Staaten. Dadurch geriet er zwischen die Fronten mächtiger Interessen. Sein Beharren auf nationaler Einheit, seine Ablehnung ausländischer Einflussnahme und seine Suche nach internationaler Unterstützung jenseits der alten Kolonialmächte machten ihn dabei zur Zielscheibe. In einer Zeit, in der Afrika immer noch Schauplatz globaler Machtpolitik war, galt Lumumba vielen westlichen Akteuren als unberechenbar – und damit als Gefahr. Sein Sturz, den die CIA mit vorbereitete, seine Gefangenschaft und schließlich seine Ermordung, bei der belgische Offiziere anwesend waren, im Januar 1961 markieren einen der dunkelsten Momente der postkolonialen Geschichte. Doch gerade dieses gewaltsame Ende machte ihn zu einem Symbol. Für viele Menschen in Afrika und weltweit steht er bis heute für den Traum eines Kontinents, der seinen eigenen Weg gehen will, ohne wirtschaftliche Abhängigkeit, ohne politische Vormundschaft.

Für Michel Kuka ist deswegen klar: Lumumbas Würdigung besteht nicht nur im Gedenken an einen Mann, sondern in der aktiven Erinnerung an den fortdauernden Anspruch, dass Freiheit, Gerechtigkeit und Souveränität untrennbar zusammengehören. Lumumbas Stimme wurde zum Schweigen gebracht – seine Idee jedoch wirkt bis heute weiter. Unter anderem im Fußballstadion.

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Von admin