Im marokkanischen Fußball gibt es eine Konstante, die über sportliche Zyklen, politische Umbrüche und strukturelle Reformen hinweg Bestand hat: Nur drei Vereine haben seit Einführung des nationalen Ligabetriebs ununterbrochen erstklassig gespielt. Es sind Wydad Casablanca, Raja Casablanca und AS FAR Rabat.
Das ist eine international ziemlich einmalige Situation. Und ein Grund, einmal ganz genau auf den Fußball in Marokko zu schauen. Auf die Vereine, die ihn seit Jahrzehnten prägen. Und die politischen Strukturen des Landes, das 2030 WM-Gastgeber (und -Favorit) sein will. Los geht’s!
Beginn des Ligafußballs in Marokko
Der organisierte nationale Ligafußball in Marokko existiert seit der Saison 1956/57, also unmittelbar nach der staatlichen Unabhängigkeit von Frankreich. In diesem Jahr wurde erstmals eine landesweite höchste Spielklasse eingeführt, die heute den Namen Botola Pro trägt. Seit diesem Zeitpunkt hat es in Marokko wie überall auf der Welt zahlreiche Absteiger, Neugründungen, Fusionen und wirtschaftliche Zusammenbrüche gegeben – doch diese drei Klubs haben die erste Liga nie verlassen. Zum Vergleich: In Deutschland spielt kein Verein seit Gründung der Bundesliga immer erstklassig. Der FC Bayern gehört der Bundesliga zwar am längsten an und stieg auch nie ab, aber er ist eben nicht seit Anfang an dabei.
Schauen wir deswegen jetzt auf diese drei besonderen Vereine und wie sie den marokkanischen Fußball prägen. Auf gehts!
Wydad Casablanca: Institution des frühen Ligafußballs
Wydad Casablanca, gegründet 1937, war bereits in der Kolonialzeit eine der prägenden Fußballinstitutionen des Landes. Nach Einführung der nationalen Liga entwickelte sich Wydad schnell zum maßgeblichen Stabilitätsanker des neuen Wettbewerbs. Der Klub gewann früh nationale Titel, stellte regelmäßig Nationalspieler und etablierte professionelle Strukturen zu einer Zeit, in der viele Vereine noch semiamateurhaft organisiert waren. Dabei ist Wydad rechlich – wie die meisten marokkanischen Traditionsklubs – bis heute als klassischer Sportverein organisiert, gehört also seinen Mitgliedern, auch wenn deren Mitbestimmungsmöglichkeiten in der Praxis stark eingeschränkt werden. Wydad ist dennoch bis heute der Rekordmeister Marokkos und prägte über Jahrzehnte Spielstil, Fanorganisation und sportliche Standards.
Das zeigt sich auch an einem reichlich gefüllten Trophäenschrank: Wydad Casablanca wurde 22-mal marokkanischer Meister. Den ersten Meistertitel gewann der Klub bereits 1957, also in der Premierensaison der nationalen Liga nach der Unabhängigkeit Marokkos. Der bislang letzte Meistertitel datiert aus dem Jahr 2022. Zweimal konnte Wydad zudem drei Meisterschaften in Serie gewinnen. National gewann Wydad zudem den Coupe du Trône, also den marokkanische, Pokal neunmal. Aber vor allem auch international zählt der Klub zu den Aushängeschildern des Landes: Wydad holte drei Mal die CAF Champions League dreimal, gewann den CAF Super Cup 2018 und den Afro-Asian Club Championship 1993.
Die Anhängerschaft von Wydad gilt als eine der größten und einflussreichsten Afrikas. Prägend ist die Ultras-Gruppe „Ultras Winners 2005“, deren Support sich durch großflächige Choreografien, Gesänge über 90 Minuten und eine ausgeprägte visuelle Ästhetik auszeichnet. Politisch sind Wydad-Fans nicht parteigebunden, treten jedoch anti-autoritätlich und gesellschaftskritisch auf; ihre Kurve thematisiert wiederholt soziale Fragen, Freiheit, Würde und Solidarität. Jedoch nicht großflächig bei jedem Spiel. Sichtbar ist auch transnationales Engagement, etwa in Form von Solidaritätsbekundungen, aktuell vor allem für für die Menschen in den palästinensischen Gebieten, oder bei sozialen Initiativen in Casablanca. Außerhalb des Stadions engagieren sich Teile der Szene in Wohltätigkeitsaktionen, Blutspenden, Nachbarschaftshilfe und Bildungsprojekten.
Raja Casablanca: Der urbane Gegenpol
Raja Casablanca, 1949 gegründet, stieß etwas später zur nationalen Dominanz vor, entwickelte sich jedoch rasch zum sportlichen und kulturellen Gegengewicht zu Wydad. Der Klub gewann seine erste Meisterschaft 1971 und wurde insbesondere ab den 1980er-Jahren zu einer festen Größe im nationalen und kontinentalen Fußball. Raja zeichnete sich durch eine starke Jugendförderung, offensive Spielphilosophie und eine wachsende gesellschaftliche Verankerung in Casablanca aus. International machte der Klub Marokko mehrfach auf afrikanischer Ebene sichtbar. Allein 13 marokkanische Meisterschaften konnte Raja gewinnen, hinzu kommen acht nationale Pokalsiege.
National steht Raja damit im Schatten von Wydad, aber international gehört auch Raja zu den erfolgreichsten Vereinen Afrikas: Der Klub holte die CAF Champions League dreimal , gewann den CAF Confederation Cup zweimal und den CAF Super Cup zweimal. Hinzu kommen der Gewinn des Afro-Asian Club Championship 1998 und mehrere Titel im Arab Club Champions Cup. Gerade in den 1990er Jahren galt man als die prägende Vereinsmannschaft des Kontinents.
Die Fans von Raja gelten dabei als eine der größten, kreativsten und politisch bewusstesten Fangemeinschaften Afrikas. Dabei stimmen sie außerhalb des Stadions in den meisten Fragen mit den Wydad Fans überein und engagieren sich ebenfalls sozial in ihrer Stadt. Doch einen besonderen Augenmerk legen sie auf den Kampf um mehr Mitbestimmungsrechte in ihrem Verein. Zwar ist auch Raja formell als Mitgliederverein organisiert, de Facto aber können die Vorstände den Klub nahezu autokratisch führen. Die Ultras wollen hingegen eine echte Vereinsdemokratie. Dazu passt: Der Verein, der ja mehr als ein Jahrzehnt nach seinem ewigen Rivalen Wydad gegründet wurde, wurde lange als Verein der einfacheren, jüngeren und stärker marginalisierten Stadtviertel wahrgenommen. Auch wenn diese soziale Trennung heute nicht mehr strikt gilt, prägt sie weiterhin das Selbstbild der Raja-Fans: Raja wird oft als Stimme von unten, als rebellischer, unangepasster Klub gelesen. Ihre Kurve gilt darum auch als expliziter politisch als die von Wydad und ist neben ausdrücklicher Systemkritik bekannt für explizite Botschaften zu sozialer Ungleichheit, Perspektivlosigkeit junger Menschen, Repression im monarchischen System Marokkos und Freiheit. Raja-Choreografien und Gesänge haben so immer wieder auch internationale Aufmerksamkeit erlangt, weil sie gesellschaftliche Themen klar benennen. Diese Haltung ist Teil der Identität und anders als bei Wydad eben kein gelegentliches Stilmittel.
FAR Rabat: Der staatliche Klub
Mit FAR Rabat kam 1958 ein Verein hinzu, der von Beginn an institutionell anders aufgestellt war. Als Klub der königlichen Streitkräfte verfügte FAR über stabile finanzielle und infrastrukturelle Voraussetzungen. Diese Sonderstellung ermöglichte eine kontinuierliche Wettbewerbsfähigkeit, ohne jedoch zu sportlicher Monopolisierung zu führen. FAR Rabat gewann früh nationale Titel, stellte über Jahrzehnte einen Kern der Nationalmannschaft und wurde zum maßgeblichen Vertreter des Fußballs außerhalb der Wirtschaftsmetropole Casablanca.
Machen wir es konkret FAR Rabat wurde 13-mal marokkanischer Meister. Den ersten Meistertitel gewann der Klub 1961, nur drei Jahre nach seiner Gründung 1958. Aktuell durchlebt der Verein aber eine Durststrecke: Der bislang letzte Meistertitel datiert nämlich aus der Saison 2007/08. Im Coupe du Trône ist FAR Rabat dafür mit 12 Titeln der Rekordsieger. International gewann der Klub die CAF Champions League 1985 und den CAF Confederation Cup 2005.
FAR Rabat ist dabei anders als Wydad und Raja Casablanca kein klassischer Mitgliederverein. Der Klub ist institutionell den königlichen Streitkräften Marokkos zugeordnet und wird entsprechend staatlich getragen. Präsidenten und Führungspersonal werden nicht durch eine Mitgliederversammlung der Fans gewählt, sondern aus dem Umfeld der Staatsführung ernannt. Diese besondere Konstruktion brachte dem Verein über Jahrzehnte finanzielle und infrastrukturelle Stabilität, begrenzte jedoch zugleich die formale Mitsprache der Anhängerschaft.
Die Fans von FAR Rabat unterscheiden sich in der Folge auch deutlich von denen der Casablancaner Klubs. Ihre Anhängerschaft ist traditionell stärker staatlich und national geprägt, was aus der militärischen Verankerung des Vereins resultiert. Politisch treten FAR-Fans weniger systemkritisch auf als etwa die Fans von Raja Casablanca. Offene Protestbotschaften oder gesellschaftskritische Choreografien sind selten; stattdessen dominieren nationale Symbole, Disziplin und Vereinsloyalität. Der organisierte Support wird vor allem von der Ultras-Gruppe Ultras Askary getragen. Ihr Stil ist geprägt von militärischer Symbolik, klarer Ordnung und kollektivem Auftreten. Choreografien sind visuell stark, inhaltlich jedoch meist vereins- und nationenbezogen, nicht politisch konfrontativ. Engagement außerhalb des Stadions zeigt sich vor allem in patriotischen Aktionen, sozialen Initiativen in Rabat und Unterstützung staatlicher Gedenktage, weniger in explizit oppositionellen oder zivilgesellschaftlichen Kampagnen.
Kleiner Funfact zur Verbindung von Königshaus und Fußball in Marokko: In den ersten Jahren der Unabhängigkeit hatte die marokkanische Nationalhymne noch keinen Liedtext. Dann sah der damalige König Hassan II. bei der WM 1966, wie die Nationalteams stolz ihre Hymne sangen. Vier Jahre später, 1970 in Mexiko, nahm die marokkanische Mannschaft zum ersten Mal an einer WM teil. Vor dem ersten Spiel beauftragte der König einen Schriftsteller mit dem Entwurf eines Liedtextes. Hassan II. gilt auch als Gründungsvater von FAR Rabat, immer wieder soll er sogar in die Auswahl „seiner“ Trainer eingegriffen haben. Viel mehr in den Fokus kann ein König seinen Klub nicht rücken.
Drei Derbys, die Fußballfans begeistern müssen
Im Zentrum des marokkanischen Fußballs steht trotzdem unangefochten das Derby von Casablanca zwischen Wydad und Raja. Diese Rivalität ist die wichtigste des Landes und reicht weit über sportliche Konkurrenz hinaus. Beide Vereine teilen sich dieselbe Stadt, dasselbe Stadion und oft sogar dasselbe soziale Umfeld, Familien trennen sich bei den Trikotfarben. Hinzu kommt, dass die Spiele zwischen Wydad und Raja gerade in letzter Zeit fast immer titelrelevant waren und damit eine größere sportliche Bedeutung hatten als die jeweiligen Duelle mit FAR Rabat. Das macht die direkten Aufeinandertreffen zwischen den beiden Casablanca-Vereinen, obwohl sie sich politisch und institutionell so viel näher stehen, noch emotionaler und aufgeladener als die Spiele gegen den Militärklub.
Die Spiele zwischen Wydad Casablanca und FAR Rabat haben da einen ganz anderen Charakter. Ihre Hochphase lag vor allem in den ersten Jahrzehnten der marokkanischen Liga, als FAR als Klub der königlichen Streitkräfte über große strukturelle Vorteile verfügte und früh dominierte. Wydad wurde dabei häufig als ziviler Gegenpol aus der Wirtschaftsmetropole Casablanca gelesen. Die nationale Oppostion versammelte sich hinter Wydad, wenn es darum ging, den priveligierten Sportverein zu ärgern. Noch geringer ist die Rivalität zwischen Raja Casablanca und FAR Rabat. Zwar treffen hier zwei sehr unterschiedliche Vereinsmodelle und Fankulturen aufeinander – Raja mit einer stark gesellschaftskritischen, urbanen Kurve, FAR mit staatlicher Verankerung und diszipliniertem Selbstbild –, doch daraus entwickelte sich nie eine dauerhafte Feindschaft. Die Spiele waren in bestimmten Phasen sportlich bedeutend, besaßen jedoch nie den identitätsstiftenden Charakter eines Derbys. Gerade die Raja-Fans wollen FAR Rabat nicht damit aufwerten, Spiele gegen diesen Klub als emotional gleichbedeutend mit dem Casblanca-Derby zu begreifen.
Der Fußball in Marokko: Spielball der Politik?
Klingt alles erstmal nach einer packenden Liga und schöner Fußballwelt? Könnte man meinen, gerade nach dem jüngsten Afrika-Cup, der in Marokko ausgerichtet wurde und – von einigen unschönen Bildern während des Finales abgesehen – den Kontinent begeisterte. Auch weil in Rabat gerade ein neuer Campus des marokkanischen Fußballverbandes, benannt nach König Mohammed VI, eingeweiht wurde. Dort reihen sich Rasenplätze aneinander, gesäumt von Fitnesszentrum, Schwimmanlage und Hotel. Damit soll der Fußballnachwuchs in Marokko gefördert werden, bislang rekrutiert sich die Nationalmannschaft nämlich fast ausschließlich aus der Diaspora. Manch eine*r träumt, während marokkanische Jugendnationalmannschaften gerade internationale Tuniere in Serie gewinnen, sogar schon von einem WM-Titel.
Aber so einfach ist es nicht.
Im Oktober gingen in marokkanischen Großstädten Tausende Menschen auf die Straßen. Es waren vor allem junge Leute, die sich über soziale Medien vernetzt hatten, darunter zahlreiche Fußballfans, gerade auch aus Casablanca. „Das Gesundheitswesen und Bildungssystem sind in der Krise“, begründet Basma El Atti, Korrespondentin für das Medienportal „The New Arab„, die Proteste. Die Demonstranten stießen wütende Rufe aus: „Das Volk will Bildung“ und „Gesundheit statt Fußball“. Eine starke Ansage, gerade aus den Mündern leidenschaftlicher Fußballfans.
Und darum geht es: 2030 wird Marokko gemeinsam mit Spanien und Portugal die Weltmeisterschaft austragen. Dafür wird in einem Vorort von Casablanca das größte Stadion der Welt gebaut, mit einer Kapazität von 115 000 Plätzen. Die geplanten Kosten: 430 Millionen Euro. Die jungen Demonstrant*innen stellen darum die offensichtliche Frage: Kann sich ein Land wie Marokko, das von einer starken sozialen Ungleichheit geprägt ist, eine milliardenschwere Fußballoffensive überhaupt leisten?
Königshaus und Regierung sagen: Ja. In Afrika hat Marokko vor Kurzem Ägypten als das meistbesuchte Land abgelöst. Bis zur WM 2030 soll sich die Zahl der Touristen verdoppeln, auf dann 26 Millionen. Dafür wird die Länge des Streckennetzes für Hochgeschwindigkeitszüge in Marokko massiv erweitert. Die Regierung erhofft sich durch die WM ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von 1,7 Prozent. Und jährlich 100 000 neue Vollzeitjobs. Auch viele Spieler, insbesondere die Legionäre, sind vom Kurs begeistert. Spieler wie der in Spanien aufgewachsene Brahim Diaz, der bei Real Madrid unter Vertrag steht und auch schon für die spanische Nationalmannschaft spielte, wechselten zum marokkanischen Verband – wegen der größeren Aussicht auf Erfolge. Kapitän Achraf Hakimi spielt bei Champions-League-Sieger Paris St. Germain.
Doch die marokkanische Realität ist aktuell auch das: Im September 2023 erschütterte ein Erdbeben das marokkanische Atlasgebirge, fast 3000 Menschen kamen ums Leben. Noch heute, mehr als zwei Jahre später, müssen dort Hunderte Überlebende in Zelten übernachten. Viele von ihnen haben keinen Zugang zu Strom, Wasser, Medizin. In manchen Regionen übersteigt die Arbeitslosigkeit 20 Prozent. Die Regierung verspricht zwar, dass die Weltmeisterschaft den marokkanischen Staat maximal fünf Milliarden Euro kosten wird. Und das wäre wenig im Vergleich zu früheren Turnieren wie in Brasilien, Russland oder Katar. Für Marokko aber könnte es eine langfristige Belastung werden. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt bei rund 3400 Euro. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt das BIP pro Kopf über 50.000 Euro.
Hinzu kommen anhaltende diplomatische Spannungen: Seit Jahrzehnten beansprucht Marokko die Westsahara – was international nicht anerkannt wird. Lange hielt sich die Regierung in Rabat diplomatisch zurück, doch nach einer Entspannungsphase trat Marokko erst 2017 der Afrikanischen Union bei. Marokko will sich aktuell als unverzichtbares Bindeglied zwischen Afrika und Europa positionieren. Auch durch fragwürdige Deals: So erhält Marokko aktuell auch viel Geld von der Europäischen Union, um afrikanische Migration zurückzuhalten.
Während des Afrika-Cups wurden die Proteste unterdrückt. Zuvor hatten Königshaus und Regierung für die Zeit nach dem Tunier Gesprächsbereitschaft signalisiert. Aber von einem Punkt wollen sie keinesfalls abweichen: Marokko sieht den Fußball als Fundament seiner Staatsentwicklung.
Viele Fans hätten bei aller Liebe zu ihren Mannschaften als solches trotzdem lieber die Bildungs- oder Gesundheitspolitik.
Der ewige Dreikampf – das gilt darum vielleicht auch nicht nur für Wydad und Raja Casbalanca sowie FAR Rabat, sondern auch für das Verhältnis von Staat, Sportler*innen und Fans.
