Borussia Dortmund verliert das Topspiel gegen den FC Bayern. Damit hat der BVB statt – wie bei einem Sieg – fünf nun elf Zähler Rückstand auf die Münchener. Und selbst fünf Punkte wären nach dem direkten Duell ein echtes Brett gewesen, denn die Bayern haben auch eine nahezu uneinholbar bessere Tordifferenz. Einen echten Meisterschaftskampf hätte es wohl nur noch geben können, wenn der BVB letzte Woche in Leipzig und jetzt zuhause gegen den Rekordmeister gewonnen hätte. Zehn Spiele, zwei Punkte – das wäre möglich gewesen. Aber elf Zähler? Das wären vier Bayern-Niederlagen bei vier Dortmunder Siegen während der BVB zusätzlich in allen anderen Partien das Bayern-Ergebnis spiegeln müsste. Alle sind sich einig: Das ist kaum mehr möglich. Nicht in dieser Saison.
Gestern nach dem Spiel wurde Nico Schlotterbeck darum auch direkt gefragt, ob der den Bayern schon zur – nächsten (und vielleicht vorerst letzten ohne ihn?) – deutschen Meisterschaft gratulieren wolle. Wollte er nicht. Und zwar nicht, weil der BVB-Verteidiger die sportliche Ausgangslage grundsätzlich anders beurteilt, nein, dass die Meisterschaft nun wohl entschieden ist, räumte auch Schlotterbeck in den Interviews in der Mixed Zone direkt ein, aber gleichzeitig betonte der Nationspieler auch, dass es eben noch zehn Spiele sind. Zehn Spiele und elf Punkte – was wäre es für ein Sportgeist, da aufzugeben oder den sportlichen Wettbewerb für beendet zu erklären?
Natürlich: Das letzte realistisch verbliebene Saisonziel für die Borussen ist es, den zweiten Tabellenplatz zu festigen. Und es wird sich, bei ohnehin ziemlich sicherer Champions-League-Qualifikation, so manchen Spieler vielleicht schwerer als nötig fallen, sich dafür Woche für Woche zu motivieren – das zumindest legen einige der letzten Auftritte nahe. Aber gerade deswegen ist jede Nicht-Gratulation auch ein Zeichen: Solange es nicht vorbei ist, ist es nicht vorbei. Die sportliche Integrität der Bundesliga, die davon lebt, dass jede Mannschaft, unabhängig davon, um wie viel es für sie tatsächlich nocht geht, Woche für Woche ihr Bestes gibt, ist das wohl höchste Gut des Wettbewerbs. Alles andere wäre den Mannschaften, die gerade noch um Europapokal-Plätze oder gegen den Abstieg kämpfen, gegenüber unfair. Eine verfrühte Gratulation wäre da das völlig falsche Signal. Dass Schlotterbeck den Bayern gestern noch nicht gratulieren wollte, ist darum kein Zeichen von Übermut oder gar Bockigkeit, sondern im Gegenteil der (nächste) Beweis, dass der BVB-Verteidiger ein fairer Sportsmann ist.
Bleibt die Frage, was die reflexartige Frage nach der Meisterschafts-Gratulation überhaupt sollte. Sie nährt – ob bewusst oder unbewusst – den weit verbreiteten Narrativ der Über-Bayern, einer Bundesliga, die nicht spannend und kaum noch sehenswert ist und die – das folgt ja daraus – dringend reformiert werden müsste. Aber dieser Narrativ stimmt nicht. Das Meisterschaftsrennen wird in diesem Jahr nicht im März entschieden sein. Der Kampf um die Europapokalplätze ist eng. Der Abstiegskampf, gespickt mit einigen Überraschungen (Grüße in die Autostadt) spannend wie lange nicht. Gleichzeitig stimmt ja – trotz des ärgerlichen BVB-Aus‘ – die internationale Konkurrenzfähigkeit der Liga, nicht wenige halten die Bayern für einen Favoriten auf den Champions-League- und den VfB Stuttgart zumindest für einen Mitfavoriten auf den Europa-League-Titel. Und sehenswert ist die Bundesliga ja offensichtlich auch: Keine Liga, weder die Premier League, noch La Liga oder die Serie A, lockt Woche für Woche mehr Fans ins Stadion. Und in der Mixed Zone waren sich gestern auch alle einig, ein verdammt hochklassiges und sehenswertes Topspiel dargeboten bekommen zu haben.
Der Super-Bayern-Schwäche-Liga-Narrativ ist deswegen populistischer Quatsch. Gemacht von Leuten, die eigentlich nur an Mitbestimmungsrechte wie die 50+1-Regel ran wollen. Das aber würde die Liga, wer es anders sieht, soll doch zum Beispiel nach Frankreich schauen, nicht spannender machen. Oder international wettbewerbsfähiger, wer es anders sieht, soll doch zum Beispiel nach Italien schauen. Und auch nicht sehenswerter, weil, wie erwähnt, nirgendwo mehr Menschen ins Stadion kommen, die Bundesliga im TV-Rechte-Ranking immer noch und mit Vorsprung auf Platz drei liegt und den Rückstand auf die zweitplatzierte La Liga zuletzt sogar verkleinern konnte.
Darum, liebe Bayern, noch ist die Saison nicht zu Ende.
Nach 34 Spieltagen schauen wir aber gerne auf die Tabelle – und gratulieren gerne, wem dann zu gratulieren ist.
Auch wenn viel (und egal wie viel jetzt schon) dafür spricht, dass ihr dann Glückwünsche empfangen werdet.
