Manchmal schreibt der Fußball rund um einzelne Spiele ganz besondere Geschichten – absurd oder bewegend. Auf FanLeben.de rekonstruieren wir diese Geschichten und halten so die Erinnerung am Leben. Nachdem wir bislang über das Spiel Barbados und Grenada 1994, bei dem beide Mannschaft unbedingt ein Eigentor erzielen wolltendie Rückkehr von Erzgebirge Aue auf die internationale Bühneüber die tragische Geschichte der torreichste Begegnung aller Zeitenüber einen Schiedsrichter und seine Zahnprotheseüber die WM 1954 berichtet habenein kurioses Qualifikationsspiel zwischen Madagaskar und Mauritiusein Spie mit mehr als einem Ball berichtet habenein ziemlich überraschendes Toreinen Spielabbruch, von dem vor allem Rot-Sünder profitiertendie Erfindung der Strafkartendas Wetter in Kaiserslautern, darüber, wie aus einem Fußballstadion ein Foltergefängnis wurde und wie ein Fußballspiel zu einem Akt des Widerstands gegen Nazi-Deutschland wurde, berichtet haben, geht es heute um eine der größten Stadion-Tragödien der Fußballgeschichte.

Am 24. Mai 1964 ist das Estadio Nacional in Lima bis auf den letzten Platz gefüllt. 53.000 Menschen, „ein wenig mehr als fünf Prozent der damaligen Stadtbevölkerung“, wie es später in einer BBC-Rekonstruktion des Ereignisses heißt, drängen sich zu einem Spiel, das auch sportlich enorm aufgeladen ist: Peru gegen Argentinien, ein Qualifikationsspiel im Rahmen des südamerikanischen Olympia-Qualifikationsturniers für die Spiele in Tokio 1964.

Und sportlich hält die Partie auch, was sie verspricht: Auf dem Rasen ist es ein enges, hitziges Spiel. Argentinien geht in Führung, Peru halt dagegen, kommt zusehends besser in die Partie und drängt auf den Ausgleich. Und als das Stadion auf den späten Ausgleich hofft, ereignet sich die Szene, die sich in das kollektive Gedächtnis des Landes einbrennt: Denn kurz vor Schluss landet der Ball tatsächlich im argentinischen Tor, doch der Treffer wird aberkannt. Der Peruaner Víctor „Kilo“ Lobatón hat bei einem Klärungsversuch der Argentinier den Ball abgeblockt, von seinem Körper prallt die Kugel ins Tor ab – doch der Schiedsrichter wertet die Szene als Foulspiel und gibt den Ausgleichstreffer nicht.

Was dann passiert, ist kein „Platzsturm“ im Sinne einer kurzen Szene, sondern der Beginn einer Kettenreaktion. Laut BBC gelangen kurz nach der Entscheidung zwei Zuschauer das Spielfeld. Der erste, ein Mann mit dem Spitznamen „Bomba„, versucht den Schiedsrichter anzugreifen, wird von der Polizei gestoppt und grob vom Platz geführt. Der zweite, Edilberto Cuenca, wird nach Darstellung von Augenzeugen von den Ordnungskräften im Stadion besonders brutal behandelt und genau das treibt die Stimmung in den Rängen weiter.

Im Norden des Stadions, wo die leidenschaftlichsten Anhänger*innen Perus ihre Plätze haben, eskaliert die Situation. Inmitten von fliegenden Gegenständen und immer mehr Menschen, die Richtung Zäune drängen, entscheidet die Polizei, die Situation „zu lösen“ – und feuert Tränengas in die Zuschauermengen. Die BBC berichtet, dass allein im Nordbereich zwischen 10 und 20 Tränengasgranaten niedergehen. Außerdem lässt die Polizei Hunde auf die Besucher*innen los, so werden auch viele Unschuldige Fans Opfer von Gewalt. Umstehende bekommen Angst. Historiker*innen sind sich in ihrer Bewertung einig: Vor allem das überharte Eingreifen der Polizist*innen trägt Verantwortung für die unglaubliche Tragödie, die sich nun ereignen sollte.

Viele Zuschauer wollen jetzt nur noch raus aus dem Stadion. Doch das Estadio Nacional ist in dieser Zeit kein Stadion mit modernen Fluchttoren, sondern mit Tunneln und metallenen Verschlüssen an den Ausgängen. Es ist eng. Und die Ordnungskräfte an den Stadiontoren sind noch nicht auf Massenbewegungen raus aus dem Stadion eingestellt. Menschen laufen die Treppen hinab, stoßen unten auf geschlossene Barrieren und von oben drückt die Masse nach. Die BBC beschreibt diesen Moment als „enormen Crush“ in den Tunneln: Wer vorne steht, kann nicht weg; wer hinten steht, sieht nicht, was unten passiert. Es entsteht also eine Massenpanik.

Das Ergebnis ist eine der schlimmsten Stadionkatastrophen der Sportgeschichte. Menschen drängen und zerquetschen sich. Auch außerhalb des Stadions kommt es zu Gewalttaten und teils bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Besucher*innen des Spiels. Auch hier soll die Polizei gegen Fans, denen die Flucht aus dem Stadion trotz allem gelang, gewaltsam vorgegangen sein. Der offiziell genannte Todeszahl beträgt 328, dazu kommen über 500 Verletzte. Die BBC weist zugleich darauf hin, dass diese Zahl möglicherweise unterschätzt sein könnte, weil sie nach damaligen Angaben nicht alle Todesfälle – etwa durch Schussverletzungen außerhalb – abbildet.

Auf dem Platz selbst gerät das Spiel aus dem Fokus – aber es bleibt Teil der historischen Fakten: In Ergebnislisten wird es als 0:1 für Argentinien geführt und mit Beginn der Panik abgebrochen. Draußen rund ums Stadion kommt es zu weiteren Ausschreitungen; die Guardian-Archivrekonstruktion schildert, wie panikgetriebene Menschen zu den Ausgängen drängen, um „Polizei, Tränengas und Hunde“ zu entkommen – und wie sich die Panik zur tödlichen Dynamik verdichtet.

Das südamerikanische Olympia-Qualifikationsturnier wurde dennoch fortgesetzt, Argentinien qualifizierte sich am Ende für die Olympischen Spiele in Tokio. Gleichwohl stand der weitere Verlauf des Wettbewerbs unter dem unmittelbaren Eindruck der Katastrophe von Lima. Das Turnier verlor seine sportliche Unbeschwertheit; organisatorische und sicherheitspolitische Fragen rückten in den Vordergrund. Auch politisch hatte die Katastrophe unmittelbare Folgen: Die peruanische Regierung ordnete eine Untersuchung an, der damalige Innenminister trat zurück, mehrere Polizeiverantwortliche wurden entlassen oder strafrechtlich verfolgt. Zudem verhängten die Behörden vorübergehend ein Verbot von Fußballspielen im Land. In den Monaten danach wurden Sicherheitsvorschriften für Großveranstaltungen verschärft, insbesondere hinsichtlich Fluchtwegen und Polizeieinsatz in Stadien. Die Tragödie von Lima wurde damit nicht nur zu einem sporthistorischen, sondern auch zu einem politischen Einschnitt in der peruanischen Innenpolitik der 1960er-Jahre.

Es bleibt eine der schlimmsten Katastrophen im Rahmen eines Fußballspiels jemals. Und gleichzeitig eine, die in Europa kaum in Erinnerung geblieben ist. Dabei sollte sie jeder Fußballfan kennen. Denn sie mahnt uns Fans zu Besonnenheit. Und die Politik dazu, Ordnungskräfte zu deeskalierender Sicherheitspolitik zu bringen. Sie mahnt zu einer Infrastrukturplanung, die Massenpaniken vorgreift. All das, damit sich so eine Tragödie nicht wiederholen kann.

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Von admin