Immer wieder geraten besondere Vereine in tiefe Krisen, stürzen ab und die Fußballwelt fragt sich: Wie konnte es dazu kommen? In Deutschland geht es vielen Traditionsvereinen so. Doch darüber wird an vielen Stellen schon ausführlich diskutiert. Hier auf FanLeben.de schauen wir deswegen ins Ausland und widmen uns in detaillierten Recherchen der bitteren Realität von Vereinen, die wir im internationalen Fußball heute vermissen. Im ersten Teil der Serie ging es um Vitesse Arnheim, im zweiten Teil folgte Bursaspor, im dritten der FC Malaga, im vierten Wacker Innsbruck, im fünften Sheffield Wednesday, im sechsten die Western City Wanderers, im siebten die Bolten Wanderers, im achten beschäftigten wir uns mit Manchester United, im neunten ging es um einen Verein, der nur aufgrund eines schlimmen Unfalls Teil dieser Rubrik wurde: Chapecoense, im zehnten ging es dann um Lukas Podolskis Investitionen bei Gornik Zabrze und im elften um den ältesten Fußballverein Bulgariens. Heute folgt Teil 12 der Serie. Es geht nach Spanien – und jetzt auch schon los!
Racing de Santander wurde 1913 gegründet und ist einer der traditionsreichsten Vereine im Norden Spaniens. In den 1930er-Jahren spielte der Klub bereits in der Primera División und gehörte damit früh zur nationalen Elite. Wirklich dauerhaft etablieren konnte sich Racing ganz oben zwar nie, doch immer wieder kehrte der Verein in die höchste Spielklasse zurück. Der sportliche Höhepunkt der modernen Vereinsgeschichte kam in der Saison 2007/08: Unter Trainer Marcelino García Toral belegte Racing sensationell Platz sechs in La Liga und qualifizierte sich erstmals für den UEFA-Cup. Für eine Stadt wie Santander war das mehr als ein sportlicher Erfolg – es war ein Moment kollektiven Stolzes.
Doch strukturell hatte sich der Klub schon Jahre zuvor grundlegend verändert. Wie fast alle spanischen Profivereine wurde Racing 1992 im Zuge des neuen Sportgesetzes in eine Sociedad Anónima Deportiva (SAD), also eine Aktiengesellschaft, umgewandelt. Hintergrund war die massive Verschuldung vieler Klubs Ende der 1980er-Jahre. Der Staat wollte Misswirtschaft eindämmen und zwang wirtschaftlich instabile Vereine zur Kapitalisierung. Nur vier finanziell solide Klubs – Real Madrid, FC Barcelona, Athletic Bilbao und Osasuna – durften Mitgliedervereine bleiben. Racing gehörte nicht dazu.
Theoretisch konnten die bisherigen Mitglieder bei der Umwandlung Aktien zeichnen. Praktisch jedoch erforderte die neue Struktur frisches Kapital in erheblicher Höhe – Geld, das die meisten Fans nicht aufbringen konnten oder wollten. Die Umwandlung war damit gleichbedeutend mit dem Einflussverlust der Mitglieder und Fans, welche die Vereinsgeschichte zuvor über viele Jahrzehnte bestimmt hatten. Plötzlich galt: Nur wer Kapital einzahlte, erhielt Anteile. Wer es nicht konnte, verlor seinen Einfluss. Damit verlagerte sich die Macht von der Mitgliederversammlung hin zu Aktionären und Investoren, es war der Beginn des modernen Fußballs auch in Spanien. Für Racing Santander sollte es sogar zu einer Existenzbedrohung werden.
Zunächst allerdings lief es sportlich gut. In den 2000er-Jahren spielte Racing regelmäßig in der Primera División, etablierte sich als unangenehmer Gegner für größere Klubs und krönte diese Phase mit der Europapokal-Qualifikation 2008. Hinter den Kulissen jedoch blieb die finanzielle Basis trotz allem zwar fragil, aber eben auch stabil.
Dann aber kam das Jahr 2011. Die Mehrheitsanteile wurden vom bisherigen Präsidenten, einen spanischen Geschäftsmann, an den indischen Unternehmer Ahsan Ali Syed verkauft, weil der umfangreiche Investitionen und damit immenses Wachstum für den Klub versprach. Doch die angekündigten Mittel flossen nicht. Mehr noch: Syed soll gar nicht über das notwendige Geld zum Kauf des Klubs verfügt haben. Er war damit in seiner neuen Rolle de Facto handlungsunfähig. Die Liquidität des Klubs brach in der Folge ein, Spielergehälter konnten nicht mehr gezahlt werden, die sportliche Substanz zerfiel. 2012 stieg Racing aus La Liga ab, später folgten weitere Abstiege bis in die dritte Liga. Diese Krise war nicht nur sportlich, sie war existenziell.
Ein symbolträchtiger Tiefpunkt folgte 2014: Im Pokalspiel gegen Real Sociedad verweigerte die Mannschaft aus Protest gegen ausstehende Gehaltszahlungen ihr Mitwirken. Das Spiel wurde kampflos verloren. Racing Santander vom spanischen Ligaverband noch bestraft. Kaum ein Bild hat den Niedergang deutlicher gemacht. Gleichzeitig liefen Ermittlungen gegen frühere Verantwortliche wegen Misswirtschaft. Die Regionalregierung von Kantabrien, die zeitweise eine Minderheitsbeteiligung am Klub gehalten hatte, geriet politisch unter Druck.
Was den Verein in dieser Phase rettete, war weniger Kapital als Identität. Denn die Fans blieben. Trotz Drittklassigkeit und Chaos kamen Tausende ins El Sardinero. Proteste gegen die Führung, Unterstützung für die Spieler – Racing wurde wieder als Gemeinschaftsprojekt verstanden, nicht als Investmentvehikel.
Investor Syed tauchte daraufhin nicht mehr in Santander auf. Seine Gläubiger setzten hingegen vor Gericht durch, dass sie die organisatorische Kontrolle über Racing, was sich in einem Vorinsolvenzprozess befand, übernehmen durften. 2015 erklärte ein Gericht den ursprünglichen Verkauf der Mehrheitsanteile an dann Syed rückwirkend für unwirksam, weil die Transaktion mit Unregelmäßigkeiten behaftet war. Die Aktien fielen dadurch rechtlich an frühere Eigentümerstrukturen zurück. Gleichzeitig war Racing nun aber bereits in einem Insolvenzverfahren angekommen. In diesem Rahmen wurden Anteile und Schulden neu geordnet. Die Kontrolle ging darum nicht an die Alt-Besitzer, sondern schrittweise an eine neue, regional geprägte Eigentümerstruktur über. Die heutige Mehrheitskontrolle liegt bei der spanischen Unternehmergruppe um Sebman Sports International, hinter der der Geschäftsmann Alfredo Pérez steht. Pérez ist seit 2015 Präsident des Vereins und gilt als zentrale Figur der nun folgendenden Stabilisierung.
Denn kurz darauf begann in der Tat eine vorsichtige Konsolidierung. Schulden wurden restrukturiert, die sportliche Planung stabilisierte sich. Racing schaffte die Rückkehr in die Segunda División und etablierte sich wieder als ernstzunehmender Zweitligist. Die SAD-Struktur besteht weiterhin, doch mit größerer Transparenz und ohne die riskanten Versprechen dubioser Investoren.
Die Geschichte von Racing Santander ist damit mehr als die Chronik eines sportlichen Auf und Ab. Sie ist ein Lehrstück über die Folgen der spanischen Strukturreform von 1992, über die Machtverschiebung weg von Mitgliedern hin zu Kapitalgebern – und über die Verletzlichkeit von Traditionsvereinen im Spannungsfeld zwischen Identität und Investorenlogik. Und sie zeigt zugleich, dass ein Klub, der tief fällt, nicht zwangsläufig verschwindet – solange seine Anhänger*innen bleiben.
