Seit gestern sind die Olympischen Winterspiele eröffnet. Russland aber ist auch bei diesen Spielen nicht dabei – naja, fast nicht. Sportler*innen aus Russland dürfen nämlich in Italien an den Start gehen, allerdings nur unter neutraler Flagge, also ohne russische Fahne oder Nationalhymne. Als Voraussetzung für den Olympia-Start dürfen diese Athlet*innen darüber hinaus in keiner Verbindung zum Militär stehen oder den Krieg in der Ukraine unterstützen, beispielsweise in den sozialen Medien. 13 Sportler*innen sind auf diese Weise zugelassen worden. Aber wie streng setzt das Internationale Olympische Kommitee, also das IOC, unter seiner neuen Präsidentin Kirsty Coventry die eigene Regel um?

Die bittere Wahrheit: Recherchematerial des ukrainischen Molfar Intelligence Institute und des ukrainischen Journalisten Artem Chudoljejew, das der BBC vorliegt, dokumentiert, dass vier der dreizehn Athlet*innen aus Russland, also jeder vierte, gegen die IOC-Richtlinien verstoßen. Namentlich handelt es sich um den Eiskunstläufer Pjotr Gumennik, die Langläufer Saweli Korostelew und Darja Neprjajewa sowie die Eisschnellläuferin Xenia Korschowa. Was wirft man ihnen vor? Laut dem Bericht soll Gumennik unter anderem an Events in besetzten Gebieten teilgenommen haben und für Familien russischer Soldaten aufgetreten sein. Korostelew soll auf Social Media putin- und militärfreundliche Inhalte gelikt haben, bei Korschowa sollen es sogar ganz konkret kriegsbefürwortende Posts gewesen sein. Neprjajewa soll 2022 zudem an einem Trainingslager auf der annektierten Krim teilgenommen haben.

Die ukrainischen Athleten beobachten die Berichte indessen mit Sorge. „Sich auf Wettkämpfe in besetzten Gebieten vorzubereiten oder den Krieg in den sozialen Medien unterstützen: Es ist definitiv nicht richtig, sie als neutral zu bezeichnen, denn das sind sie nicht“, sagte Skeletoni Wladyslaw Heraskewytsch, der bei der Eröffnungsfeier gestern sogar die ukrainische Fahne tragen durfte.

Und was sagt das IOC? Ziemlich wenig, da es sich weigert, konkrete Fälle zu kommentieren – was absurd anmutet, da die Starterlaubnis unter neutraler Flagge doch eine Einzelfallentscheidung ist. Das IOC teilte jedoch mit, das zuständige Panel habe „die Athleten gemäß der Entscheidung des Exekutivkomitees und den von ihm festgelegten Grundsätzen überprüft“. Das Panel besteht dabei aus den IOC-Mitgliedern Nicole Hoevertsz, Pau Gasol und Morinari Watanabe und hatte das letzte Wort bei der Zulassung für die anstehenden Spiele.

Das Problem: Der Bericht bringt auch Watanabe selbst in Verbindung mit dem russischen Turn-Olympiasieger und Kriegsbefürworter Nikita Nagorny, den er laut Videoaufnahmen bei einem Treffen im März 2025 in Moskau umarmt haben soll. Der Weltturnverband (FIG), dessen Präsident Watanabe ist, teilte diesbezüglich mit, dass dessen Besuch in Russland „wenige Tage nach seinem Besuch in der Ukraine stattgefunden“ habe. Dies habe dem Zweck gedient, „den von dem Krieg betroffenen Sportlern auf beiden Seiten Unterstützung zu bekunden“.

Und so drängt sich der Verdacht auf, dass das IOC mit der Auswahl der Sportler*innen auch einen Testlauf für die Rückkehr Russlands auf die internationale Sportbühne plant. Dafür sprechen auch auch die weitere Ausführungen des IOC. So müsse man „den Sport als neutralen Ort bewahren, an dem jeder Athlet frei antreten kann, ohne durch die Politik oder die Spaltungen seiner Regierungen behindert zu werden“, sagt Beispielsweise IOC-Präsidentin Coventry in Mailand, auch wenn sie bedeutert, dass es in der Russland-Frage „keinen Zeitplan“ gebe. Wie glaubwürdig das ist? Das muss wohl jede*r für sich selbst beurteilen.

Der ukrainische Fahnenträger Heraskewytsch jedenfalls hat seine Position gefunden. Er warnt eindrücklich vor einer Normalisierung des Krieges. „Es ist wirklich traurig“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“: „Ich habe das Gefühl, dass das IOC und vor allem kleinere Verbände sich immer mehr dem Druck der russischen Seite beugen, dass es nicht um Kriterien oder die Sache geht, sondern nur darum, diese Länder und ihre Athleten zurückzubringen.“ Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

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Von admin