Marokko wollte ein Fußballfest feiern und sich an die Spitze des afrikanischen Fußballs katapultieren – auch um den eigenen Anspruch zu untermauern, bei der Weltmeisterschaft im Sommer zum Favoritenkreis zu gehören, vielleicht sogar als erste Mannschaft Afrikas den Titel zu gewinnen. Mit dieser Erwartungshaltung ging der marokkanische Fußballverband in den Afrika Cup, der zwischen Dezember und Januar passender Weise auch noch in Marokko ausgetragen wurde. Und lange sah es für die Mannschaft um Noussair Mazraoui, Achraf Hakimi und Brahim ja auch ziemlich gut aus, souverän zog man als klarer Favorit ins Tunierfinale ein. Dort wartete der Senegal.

Und auch da waren die Vorzeichen eigentlich klar: Da war zum einen der erdrückende Heimvorteil der Marokkaner, Senegals Spieler wurden bei jedem Ballkontakt vom Stadion in Rabat lautstark ausgepfiffen. Und dann hatte der Herausforderer auch noch mehrere Personalprobleme zu bewältigen: Abwehrchef Koulibaly und Mittelfeldstratege Diarra sahen beim 1:0 gegen Ägypten im Halbfinale jeweils ihre zweite gelbe Karte, was eine Gelbsperre nach sich zog, und dann verletzte sich auch noch der etat-mäßige Rechtsverteidiger Diatta beim Aufwärmen wenige Minuten vor dem Spiel. Trainer Pape Thiaw musste also auf drei Positionen wechseln, während Marokkos Coach Walid Regragui auf die selbe Formation wie beim Halbfinal-Sieg gegen Nigeria setzen konnte.

Doch kaum angepfiffen, lief die Partie dann ganz anders als erwartet. Schon früh hatten hatten die Senegalesen eine erste Großchance durch Pape Gueye, der nach einer Ecke per Kopf aus kurzer Distanz am marokkanischen Keeper Bono scheiterte (5.). Auch danach hatte der Senegal mehr Ballbesitz. Die Gastgeber lauerten stattdessen aus einer diszipliniert-agierenden Defensive heraus auf senegalesische Ballverluste, um dann über die eigenen schnellen Flügelspieler zu gefährlichen Kontern zu kommen. Immer mal wieder deutete Marokko so das eigene Potenzial an, echte Torchancen blieben jedoch erst einmal aus. Der Senegal war so überraschend die bessere Mannschaft in der ersten Hälfte.

Erst nach der Pause passte sich das Spiel der ursprünglichen Erwartungshaltung wieder an. Und Marokko hatte zwei echte Großchancen: Zunächst legte El Kaabi den Ball nach Hereingabe von El Khannouss hauchdünn am Tor vorbei (58.). Kurz darauf wurde ein gefährlicher Abschluss des Stürmers in höchster Not gerade noch so von Sarr geblockt (63.). Anschließend gab es eine längere Verletzungsunterbrechung, nachdem Senegals  El Aynaoui am Kopf getroffen worden war. Die Pause verlagerte das Gleichgewicht im Spiel und beide Mannschaften neutralisierten sich wieder.

Vielleicht fragt man sich an dieser Stelle, warum dieser Spielbericht gerade jetzt, zwei Monate nach dem Finale, hier veröffentlicht wird. Eine Berechtigte Frage. Und die Antwort liegt in den Spielszenen kurz vor Schluss begründet, um die es jetzt geht. Zunächst pfiff Schiedsrichter Jean-Jacque Ndala Ngambo aus der DR Kongo nach einer senegalesischen Ecke ein vermeintliches Foul an Hakimi zu früh ab, bevor Niakhaté den Ball über die Linie köpfte – der VAR konnte nicht mehr eingreifen (90.+2). Ein eigentlich regulärer Treffer für den Senegal, der also nicht gegeben wurde. Kurz darauf wurde Ngambo dann vom VAR wegen eines Zweikampfs zwischen Diouf und Brahim Diaz im senegalesischen Strafraum in die Review Area geschickt und wertete den kurzen Griff des Verteidigers an den Hals des Real-Stars als Foul – Elfmeter für Marokko (90.+5). Eine ebenfalls ziemlich umstrittene Entscheidung.

Die Spieler des Senegals wollten dieses Doppel-Pech folglich auch nicht wahr haben, nicht so kurz vor Ende dieses Finalspiels. Es folgten umfangreiche Proteste, eine Rudelbildung auf dem Platz – und schließlich etwas unglaubliches: Senegals Trainer Thiaw wies seine Spieler an, den Platz zu verlassen. Aus Protest gegen die beiden Schiedsrichterentscheidungen zog sich ein Großteil der senegalesischen Mannschaft daraufhin auch tatsächlich in die Katakomben zurück. Das Spiel stand dabei sogar vor dem Abbruch, da auch auf den Tribünen Chaos ausgebrochen war: Fans des Senegal wollten den Platz stürmen, was durch das Eingreifen der Sicherheitskräfte aber noch verhindert werden konnte. Auf dem Platz wurde währenddessen natürlich weiter diskutiert, ehe die Westafrikaner schließlich auf Geheiß von ihrem Trainer und dem früheren Bayern-Spieler und Kapitän der senegalesischen Nationalmannschaft Sadio Mané wieder aufs Feld zurückkehrten.

Brahim Diaz trat daraufhin selbst zum Elfmeter an. Mit dem letzten Schuss der regulären Spielzeit hätte er Marokko den ersten Titel seit 50 Jahren bescheren können. Hätte, können – Konjunktiv. Denn derr Real-Star entschied sich stattdessen für einen lockeren Chipball direkt in die Mitte des Tores – und scheiterte damit völlig zurecht an Senegals Torhüter Mendy, der einfach stehen blieb und den Ball locker abfing – der völlige Wahnsinn in der inzwischen 24. Minute der Nachspielzeit!

Also: Verlängerung. Und da war es dann – man ahnt es – Pape Gueye, der den Ball selbst weit durchs Mittelfeld trieb, dabei Hakimi abschüttelte und den Ball letztendlich aus 15 Metern unwiderstehlich unter Mithilfe der Latte in die Maschen drosch (94.). Es war der sportliche Schlusspunkt dieses außergewöhnlichen Finalspiels, auch wenn Marokko danach zu einigen guten Chancen kam, ein Ausgleich gelang der Mannschaft von Trainer Regragui nicht mehr. Und so gewann der Senegal den Afrika Cup 2026 – für viele Senegalesen eigentlich zu schön um wahr zu sein.

Womit wir ganz konkret beim Anlass dieses Textes wären. Denn seit gestern Abend (mitteleuropäischer Zeit) steht fest: Dem Senegal wird der Titel aberkannt, Marokko von der CAF, dem afrikanischen Fußballverband, zum Sieger des Turniers erklärt. Das Finale also vom grünen Rasen an den grünen Tisch verlagert.

Und das kam so: Marokko hatte direkt im Anschluss an das Spiel selbst Einspruch gegen dessen Wertung eingelegt, weil eben die senegalesischen Spieler aus Protest gegen die Schiedsrichter-Entscheidungen den Platz verlassen hatten. „Diese Situation hatte erhebliche Auswirkungen auf den normalen Spielverlauf und die Leistung der Spieler„, so die Begründung des Verbands. Die CAF folgte der Argumentation in der ersten Instanz nicht, doch Marokko ging in Beruf. Mit Erfolg.

In einer Mitteilung des Verbandes heißt es dazu nur, dass der eingelegten Berufung des marokkanischen Fußballverbandes stattgegeben und die ursprüngliche Entscheidung des Disziplinarausschusses aufgehoben wird. Der CAF begründet die Entscheidung in Bezug auf das Verhalten der senegalesischen Spieler vor dem Diaz-Strafstoß mit einem Verstoß gegen Artikel 82, wodurch wiederum der Artikel 84 aktiviert wird. In Artikel 82 heißt es: „Wenn sich ein Team aus Gründen jeglicher Art aus dem Wettbewerb zurückzieht, nicht zu einem Spiel antritt, sich weigert zu spielen oder das Spielfeld vor dem regulären Ende des Spiels ohne Genehmigung des Schiedsrichters verlässt, wird es als Verlierer gewertet und von dem laufenden Wettbewerb ausgeschlossen.“ In Artikel 84 ist festgelegt, dass die entsprechende Partie in solch einem Fall mit 3:0 für den Gegner gewertet wird.

Durch das Verlassen des Spielfelds habe die senegalesische Nationalmannschaft also die Partie aufgegeben. Der CAF hatte in seiner ersten Entscheidung noch geurteilt, dass die Kriterien einer Aufgabe durch die Rückkehr der Spieler auf den Rasen nicht erfüllt seien. Das ist nun also doch noch anders bewertet worden. Für die Korrektur des ersten Urteils spricht: Bereits Ende Januar hatte die CAF hatte Strafen gegen Spieler und Offizielle des Senegals, darunter Nationaltrainer Pape Thiaw, der seine Spieler nach einem Elfmeterpfiff in der Nachspielzeit dazu angewiesen hatte, den Platz zu verlassen, ausgesprochen. Im Zuge der Tumulte auf dem Platz waren aber auch Spieler von Marokko bestraft worden. Die Geldstrafen verhängten betragen insgesamt mehr als eine Million Euro.

In einer ersten Reaktion auf die Entscheidung postete der senegalesische Fußballverband übrigens ein Foto von der Pokalübergabe auf X, ehemals Twitter.

In Marokko wiederum jubelt man darüber, dass die Titel-Flaute der Nationalmannschaft nach 50 Jahren beendet ist. Wenn auch anders als erhofft.

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Von admin