Eigentlich sollte im Niederrheinstadion von Rot-Weiß Oberhausen beim Spiel gegen die Sportfreunde Siegen der Sport im Mittelpunkt stehen. Doch aus kam – zumindest aus Sicht vieler mitgereister Fans – anders: Denn das große Thema unter den Siegenern war nicht die – übrigens verdiente – 1:3-Niederlage bei den Kleeblättern. Denn unter den Fans ist ein alter Konflikt wieder aufgebrochen. Mit vier Fanbussen und etlichen Privat-PKWs sind die Anhänger der Siegener ins Ruhrgebiet gereist. Ca. 70 Minuten feuerten die Fans die Mannschaft von Trainer Boris Schommers trotz des Rückstands leidenschaftlich an.

Doch plötzlich wurden die Fahnen eingeholt und der Support eingestellt. „Nazis raus“ schallte es einige Male aus dem Fanblock der Siegener. Anschließend war Stille. Gleichzeitig versammelte sich Sicherheitspersonal auf der Tartanbahn vor und Polizei in der Kurve. Der Grund soll ein interner Konflikt innerhalb der Fanszene zwischen zwei sich politisch nicht nahestehenden Gruppierungen gewesen sein.

Der Konflikt mit rechtsradikalen Gruppen bei Spielen der Sportfreunde ist dabei leider nicht neu. Schon im September 2019 kam es während eines Heimspiels der Siegener zu einer Prügelei zwischen etwa 30 Siegener Ultras und einer kleinen Gruppe von etwa einem Dutzend rechtsradikalen Personen. Diese waren im Verlauf eines Heimspiels der Sportfreunde gegen Meinerzhagen durch rassistische und beleidigende Äußerungen gegenüber ausländischen Spielern aufgefallen, auch der sogenannte Hitlergruß war laut Augenzeugen zu sehen. Keineswegs perplex war Uwe Kölsch, damals Fan-Beauftragter des Vereins: „Noch vor 20 Jahren waren Neonazis in der Siegener Fanszene tonangebend. Das haben wir zwar im Laufe der Jahre beenden können, aber seit rund einem halben Jahr beobachten wir wiederaufkeimende Tendenzen hier in der Region. Wir müssen da sehr wachsam sein“, berichtete er damals. Der 51-Jährige erinnert sich dabei noch gut an die Zeit vor 20 Jahren: „Damals wurden die Auswärtsfahrten der Fans von den Nazis organisiert, insgesamt hatten die hier alles im Griff“, sagt er. Das änderte sich erst, als sich mit den Ultras eine Gruppe aktiv dagegenstellte. „Wir haben damals versucht, den neutralen Fans eine Alternative anzubieten. Das hat funktioniert. Mit der Zeit haben wir die Nazis verdrängt und letztlich auch aus dem Stadion geworfen“, sagt Kölsch.

Die Neonazis sollen damals aus dem Umfeld der Partei „Der III. Weg“ gestammt haben, die als neonazistisch gilt. Ihre Betätigung im Umfeld des Fußballs ist dabei kein Zufall: Vor allem auf Kinder und Jugendliche haben es die Aktivist*innen der Partei nämlich abgesehen: Für Schüler*innen wird Hilfe bei den Hausaufgaben angeboten, Selbstverteidigungskurse für „deutsche Kinder und Jugendliche“ sollen aber darüberhinaus und vor allem die „Wehrhaftigkeit der deutschen Jugend stärken“, wie es auf der Internetseite der Gruppe heißt. Das Neonazis in die Fußballstadien drängen ist nichts neues, aktuell aber wieder verstärkt zu beobachten. Auch in anderen Orten – zum Beispiel in Sprockhövel, wo Co-Trainer Christian Antwi-Adeji rassistisch beleidigt wurde – kam es zuletzt zu entsprechenden Zwischenfällen. Es ist an allen demokratisch-eingestellten Stadionbesucher*innen dafür wachsam zu sein und dagegen Haltung zu zeigen.

Noch immer ist auch „Der III. Weg“ im Siegerland aktiv, wittern in Abetracht das grassierenden Rechtsruck in Deutschland ihre Chance. Und versucht deswegen scheinbar erneut Fuß im Siegener Fußball zu fassen. Doch die Ultras der Sportfreunde haben sich dem heute erneut entgegen gestellt. Scheinbar mit Erfolg: Denn nach dem Spiel – immer noch unter Polizeibeobachtung im Block – wurden die Ultras wieder laut und verabschiedeten ihre Mannschaft mit Applaus und aufmunternden Rufen. Denn sie hatte zwar das Spiel verdient verloren, sich aber in den letzten 30 Minuten nach Gelb-Rot gegen Leonhard von Schrötter mit zehn Spielern gegen die drohende Niederlage gestemmt. Und sie hatten bewiesen, dass der Siegener Block heute und in Zukunft keine Nazis in ihren Reihen duldet. Eine wichtige Botschaft – wichtiger als drei Punkte in Oberhausen.

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Von admin