Das NBA-Spiel der Minnesota Timberwolves gegen die Golden State Warriors, das mit einem 111:85-Sieg für die Warriors endete, musste um 24 Stunden verschoben werden, nachdem am Samstagmorgen der 37-jährige US-Bürger Alex Pretti bei einem Einsatz von Bundesagenten der US-Einwanderungsbehörde ICE auf der Straße durch mehrere Schüsse getötet wurde.
Vertreter der US-Regierung sprachen von Selbstverteidigung. Heimatschutzministerin Kristi Noem, die die Befehlsgewalt über die ICE-Einheiten hat, nannte Pretti, von Beruf Krankenpfleger, einen „inländischen Terroristen“. Pretti habe sich den ICE-Agenten mit einer Waffe genähert, so die von der Trump-Administration verbreitete Darstellung. Videomaterial von dem Einsatz, das von seriösen US-Medien verbreitet und ausgewertet wurde, belegen dies nicht – im Gegenteil: Es zeigt, die die ICE-Agenten Peretti erst entwaffnen und zu Boden ringen und dann, als er wehrlos im Schwitzkasten eines Agenten daliegt, von hinten mit mehreren gezielten Schüssen regelrecht ermordet wird. Und das ist kein Einzelfall: Erst vor zweieinhalb Wochen wurde – auch in Minneapolis – die 37-Jährige Renee Good in ihrem Wagen von einem ICE-Agenten erschossen worden. Auch hier dokumentieren Aufnahmen einen staatlichen Mord. Seit Monaten gibt es in der Folge, vor allem in den demokratisch regierten Großstädten, Widerstand in der Bevölkerung, der staats und der lokalen Politik gegen die vermummten Kontroll- und Deportationstrupps der Einwanderungsbehörde.
Nachdem es in Minnesotas Metropole nun das zweite Todesopfer durch Schüsse von ICE-Agenten gab, kam zu Protestkundgebungen und Zusammenstößen zwischen Bundesbeamten und den Demonstrant*innnen. Minnesotas Gouvanor Tim Walz, der gemeinsam mit Kamala Harris gegen Donald Trump und dessen Vizepräsident J. D. Vance als US-Präsident kandidiert, schrieb anschließend in den sozialen Netzwerken, er sei „verdammt stollst auf Minneapolis“.
Die NBA verlegte jedenfalls das Spiel der Timberwolves aus Sicherheitsgründen auf den Sonntag. Mit ausdrücklicher Zustimmung beider Klubs, wie die Trainer Chris Finch und Steve Kerr klarstellten. Vor der Partie gab es eine Gedenkminute für den getöteten Pretti, ein Porträt von ihm wurde auf dem Videowürfel eingeblendet. Fans in der Arena hielten „ICE Out“-Protestplakate in die Luft. „Es ist mein Zuhause. Ich liebe es, hier zu leben“, sagte Timberwolves-Coach Finch vor dem Spiel. „Es ist traurig, zu sehen, was passiert.“ „Es sind schwere Zeiten für uns, für alle Leute in Minneapolis“, sagte auch Allstar-Spieler Julius Randle. Und weiter: „Unabhängig von politischen Überzeugungen: Niemand hat es verdient, sein Leben zu verlieren.“ Warriors-Coach Kerr wiederum sprach im Anschluss von einem der bizarrsten, traurigsten Spiele, die er jemals erlebt habe: „Man konnte die gedrückte Atmosphäre in der Halle spüren. Alle, auch die Mannschaft, hatten damit zu kämpfen, was hier vor sich geht und was diese Stadt durchmachen muss.“
Kerrs Wort hat dabei besonderes Bericht. Denn der Trainer wird bei den olympischen Spielen auch US-Nationalcoach sein. Dabei gehört zu einer wachsenden Gruppe im US-Sport, die sich offen gegen die Politik von Präsident Trump stellt. Doch auch Spielerlegende Charles Barkley, der inzwischen als TV-Experte bei „ESPN“ arbeitet, positionierte sich: „Irgendjemand muss aufstehen und dem Einhalt gebieten. Sonst werden noch mehr Menschen ohne Grund sterben.“ Und sogar die Spielergewerkschaft der NBA erklärte sich solidarisch mit den Protesten in Minnesota: „Wir Spieler dürfen nicht länger schweigen“, heißt es in der Erklärung der mächtigen Gewerkschaft. Darüber hinaus hielt sie fest, Minneapolis sei „eine Stadt, die im Kampf gegen Ungerechtigkeit eine Vorreiterrolle“ einnehme. „Die NBA-Spieler können nicht länger schweigen. Mehr denn je müssen wir jetzt das Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigen und uns mit den Menschen in Minnesota solidarisieren, die protestieren und ihr Leben riskieren, um Gerechtigkeit zu fordern.“ Den Angehörigen von Renee Good und Alex Pretti sprach die NBPA zudem ihr „tiefstes Beileid“ aus. Und Breanna Stewart, eine der bekanntesten Basketballerinnen des Landes und dreifache Olympiasiegerin, hielt bei einem PR-Termin, bei dem Top-Spielerinnen für die „Unrivaled“-Liga Werbung machten, ein Poster mit der Botschaft „Abolish ICE“ in die Kamera. Zu deutsch: „ICE abschaffen“.
Auch die in Minnesota ansässigen Sport-Franchises, neben den Timberwolves auch die Vikings (NFL) und Wild (NHL), schlossen sich einem offenen Brief der Handelskammer an, gemeinsam mit zahlreichen Großunternehmen aus der auch wirtschaftlich bedeutenden Region. Die Firmen äußerten sich besorgt und sprachen von einer „angespannten Lage, die weite Teile des lokalen Wirtschaftslebens belaste“. Sie forderten lokale und staatliche Behörden zu Zusammenarbeit und Deeskalation auf. Das Reizwort „ICE“, längst ein Symbol für die tiefen Gräben in der US-amerikanischen Gesellschaft, wurde dabei aber vermieden.
Auch die National Football League (NFL) insgesamt ist aktuell mit Trump im Konflikt. Jedenfalls will der Präsident nicht zur diesjährigen Super Bowl zwischen den New England Patriots und den Seattle Seahawks kommen. Das Finale steigt am 9. Februar in Santa Clara, Kalifornien. „Einfach zu weit weg“ sei das Spiel ließ der Präsident mitteilen. In einem Interview mit der US-Boulevardzeitung „New York Post“ schimpfte Trump dann aber auch über die NFL-Wahl für die Showacts im Rahmenprogramm. Sie fiel auf die Band Green Day, die vor dem Ankick auftreten soll, und auf den puerto-ricanischen Rapper Bad Bunny, der die Halbzeitshow bestreiten soll. Sowohl Green Day als auch Bad Bunny gelten als Trump-kritisch. Ihre Wahl ist damit auch eine politische Botschaft.
FanLeben.de-Kommentar von Karl Jahn Boie: Sport ist mächtig – und verdammt nochmal politisch
Im US-Sport wächst also der Druck auf Donald Trump – und das ist beeindruckend. Denn mit ihrem Konfrantationskurs gegen die radikal rechte Trump-Adminstration riskieren die Franchises und Sportler*innen Repressionsgewalt und Anfeindungen, die in der aufgeladenen politischen Stimmung bisweilen ja sogar lebensgefährlich werden können. Ihre Haltung macht das aber nicht minder wichtig – im Gegenteil: Gerade aufgrund des immensen Drucks auf die demokratische Zivilgesellschaft und alle, die sich den Gewalttäter*innen in den Weg stellen wollen, braucht es einflussreiche Multiplikator*innen gegen Trump und für ein Mindesmaß an Menschlichkeit in der Politik.
Apropos: Mit der Fußballweltmeisterschaft soll in diesem Jahr eines der größten und reichweitenstärksten Sportevents der Welt in den USA stattfinden. Trump will dieses Tunier nutzen, um sich weiter zu inszenieren. Bilder von ihm auf der Tribüne neben anderen Regierungschef und dem FIFA-Präsidenten, ja sogar ein historisches Sportfoto von ihm bei der Übergabe des WM-Portals würden ihn wie einem Staatsmann aussehen lassen – statt wie den Oberbefahlshaber über das ICE-Kommando aus Deporteuren und politischen Mördern. Doch jeder, der es mit Freiheit, Demokratie und Menschenwürde ernst meint, muss das Wegsehen verhindern. Statt Jubel-Bilder von Trump braucht es den größtmöglichen Druck auf den US-Präsidenten, damit der seine Politik des Hasses so schnell wie auch nur möglich beendet.
Schauen wir deswegen auch auf uns. Denn der deutsche Fußball ist einflussreich. Und deswegen stellt sich doch ganz offensichtlich die Frage, ob eine DFB-Mannschaft unter diesen Umständen überhaupt noch an der Fußball-WM in den USA teilnehmen sollte.
Oder?
Zumindest Oke Göttlich, immerhin Präsident des deutschen Fußball-Bundesligavereins St. Pauli und Präsidiumsmitglied des DFB und der DFL, sieht „den Zeitpunkt definitiv gekommen“, über die Lage in den USA „konkret nachzudenken und zu reden“. Göttlich sagte heute zur „Hamburger Morgenpost“: „Das Leben eines Profifußballers ist nicht größer als das Leben von sehr vielen Menschen in verschiedenen Regionen, die derzeit von dem WM-Gastgeber direkt oder indirekt angegriffen oder bedroht werden.“
Noch sind rund fünfeinhalb Monate bis zum Auftaktspiel der Weltmeisterschaft. In Mexiko und Kanada, den Co-Gastgebern des Turniers, gibt es genug Sportstätten, um die Spiele auch alleine austragen zu können. Eine WM ohne US-Beteiligung ist also ganz konkret möglich und mit erheblich weniger bürokratischen Aufwand verbunden als es ein kurzfristiger WM-Entzug für Katar bedeutet hätte. Der DFB könnte also genau jetzt damit beginnen, Druck auf die FIFA auszuüben. Deren Präsident Gianni Infantino hat einen guten Draht zu Trump, durfte ihn sogar mehrfach im Weißen Haus besuchen. Infantino könnte Trump deutlich machen: ‚Mordet ICE weiter, verlierst Du die WM‘. Vielleicht würde das etwas bewirken. Der Fußball ist mächtig, schließlich geht es bei der Weltmeisterschaft auch wirtschaftlich um richtig viel und außerdem ist Trumps Wunsch, dieses historische Foto von sich mit dem WM-Pokal zu bekommen, groß. Knickt Trump aber nicht ein, müsste die FIFA standhaft bleiben. Auch das hätte eine deutliche Wirkung: An die Trump-Anhänger*innen, dass sie unsere Solidarität haben. Und an die Trump-Gegner*innen, nämlich, dass es für sie gerade richtig was zu verlieren gibt, wenn sie weiter auf ihrem faschistoiden Präsidenten vertrauen.
