Der Videobewis in der Bundesliga ist in seiner achten Saison. Und so richtig glücklich ist trotzdem noch niemand damit. Da sind jedes Wochenende strittige VAR-Entscheidungen in der ersten und zweiten Bundesliga. Und da sind jedes Wochenende stritte Schiedsrichter-Entscheidungen von der dritten Liga aus abwärts, wo es den Videoassistenten ja (immer) noch nicht gibt.
Die Kritiker*innen bemängeln zurecht: Der Videobeweis sollte für möglichst viel Objektivität sorgen – das aber gelingt ihm selbst bei vermeintlichen Tatsachenentscheidungen wie Abseitsstellungen nicht immer. Und immer wieder sind auch Szenen spielentscheidend, bei denen der VAR nicht eingreifen kann, wie gelbe oder gelb-rote Karten. Dazu kommen oft gefühlt ewig lange, tatsächlich bisweilen mehr als fünf Minuten dauernde Spielunterbrechungen, wenn besonders kritische Szenen gecheckt werden. So viel übrigens zum Begriff der eindeutigen Fehlentscheidungen, bei denen der Videoschiedsrichter ursprünglich überhaupt nur eingreifen sollte.
Fakt ist aber auch: Jedes Wochenende werden Fehlentscheidungen von Schiedsrichter*innen mit Hilfe des Videobeweises korrigiert. Insgesamt sind die Spiele durch den VAR fairer worden. Die Frage, die sich nun stellt, lautet: Ist näher an der Korrektheit genug für ein Tool, von dem sich alle ursprünglich die Wahrheitfindung versprachen?
Auch das International Football Association Board (IFAB) hat sich bei seinem jährlichen Treffen der Chef-Regelhüter im Weltfußball deswegen mit der Zukunft des VAR beschäftigt. Dem IFAB, das seit 1886 über die Fußball-Regeln entscheidet, gehören die Präsidenten der Fußballverbände von England, Wales, Schottland und Nordirland sowie der FIFA Präsident an – letzterer hat bei Abstimmungen sogar gleich vier Stimmen. Das aber nur am Rande.
Das IFAB will nun, dass die Videoschiedsrichter*innen künftig auch bei eindeutig falsch vom Gespann ausgesprochenen Eckbällen eingreifen und obendrein zu Unrecht verhängte Gelb-Rote Karten eingreifen kann. Der VAR muss diese an den Bildschirmen gestartete Überprüfung jedoch schnell tätigen, um den Spielfluss nicht zu beeinflussen. Weitere unnötige Spielverzögerungen untersagt das International Football Association Board in diesem Zusammenhang nämlich klar. Gelten sollen die neuen VAR-Kompetenzen dann schon bei der WM in diesem Sommer.
Klingt gut? Bei den deutschen Profi-Schiedsrichter*innen stößt die Änderung erst einmal auf Kritik. „Das ist nicht das, was wir wollen“, sagt Jochen Drees, der die Videoschiedsrichter in Deutschland anleitet. Er sagt: „Das läuft entgegen der Richtung, die eingeschlagen wurde. Ich kann zwar den Impuls verstehen, dass man potentiell spielentscheidende Situationen wie eine Gelb-Rote Karte überprüfen lassen will. Aber man eröffnet ein neues Feld und kommt dabei wieder in den Bereich der Ermessensentscheidung des Schiedsrichters hinein.“
Die Idee sei außerdem „nicht konsequent durchdacht“, meint der ehemalige FIFA-Schiedsrichter, denn: „Wenn man die zweite Gelbe Karte prüfen kann, müsste man auch die erste Karte prüfen können. Vielleicht war die ja falsch und Gelb-Rot dadurch unangebracht. Auch was die Eckstoßregelung angeht, bin ich höchst skeptisch. Es soll nur korrigiert werden, wenn der Check schnell geht. Doch was heißt das? Fünf Sekunden, zehn Sekunden, 30 Sekunden? Wie reagieren die Mannschaften? Ich vermute, man wird eine künstliche Verzögerung schaffen. Der Schwarze Peter wird dann wieder beim Schiedsrichter abgeladen.“
Und noch ein Argument ist Drees wichtig: Den IFAB-Regelhütern gehe es bei ihren Änderungen gar nicht um die wöchentliche Fankritik in der Bundesliga und anderen nationalen Ligen. Sondern vor allem um das Image des Fußball-Weltverbandes FIFA. Grundsätzlich mache das IFAB nämlich „schon auch viele gute Sachen“ und sei in den vergangenen Jahren „viel beweglicher geworden“, räumt der deutsche VAR-Chef zwar ein. Kritisiert dann aber doch „Das größte Problem aber ist, dass sie immer den Fußball weltweit im Blick haben müssen und damit beispielsweise auch die Interessen des Weltverbands FIFA. Die Vorstellung, dass das WM-Finale durch einen unberechtigten Eckstoß oder eine falsche Gelb-Rote Karte entschieden wird, ist dort natürlich ein Albtraum.“ Er fragt: „Aber was das bedeutet für nationale Ligen, die an jedem Wochenende 18 Spiele durchführen, wird manchmal nicht ausreichend bedacht.“
Die meisten Ecken-Checks würden dabei aber tatsächlich relativ schnell gehen – schneller zumindest als so mancher Spieler sich einen Ball zurechtgelegt hat. Schlimmstenfalls könnte man auch nach der ausgeführten Ecke noch eingreifen, wenn daraus ein Tor oder Elfmeter würde. Das wäre immerhin gerechter als der Status quo, bei dem strittige Szenen im laufenden Spiel vor einem Treffer zwar überprüft werden können, völlig falsche Eckballentscheidungen vor einem Tor jedoch noch. Auch wenn der Videobeweis damit natürlich noch mehr zur Slapsticknummer würde.
Und auch das Dress‘ Argument gegen die Checks bei gelb-roten Karten ist brüchig. Denn ein verwarnter Spieler weiß, dass er nun etwas vorsichtiger spielen muss, um einen Platzverweis zu verhindern. Das mit gelb vorbestraft sein prägt das Zweikampfverhalten viele Akteure. Die zweite gelbe Karte ist somit eine sensiblere und dadurch immer wieder auch die etwas fehleranfälligere. Aber auch weggegangen von der individuellen Ebene gilt: Eine erste gelbe Karte für einen Spieler ist nicht spielentscheidend. Erst die zweite, also die gelb-rote Karte, ist es potenziell. Sie hat also, unabhängig davon, ob die erste gelbe Karte berechtigt war oder nicht, eine höhere Bedeutung. Das rechtfertigt, die Grundidee des VAR zugrunde legend, den Videobeweis in solchen Situationen.
Trotzdem sind immer mehr VAR-Eingriffe keine gute Lösung für den Fußball. Das Spiel dauert länger und wird immer weniger direkt auf dem Spielfeld, dafür mehr auf dem Bildschirm daneben, entschieden. Wir sind hier aber ja nicht bei FIFA 26. Das wiederum spräche eher für die grundsätzliche Abschaffung des Videobeweises, wie sie ja tatsächlich von Ultras in fast allen Stadien deutschlandweit gefordert wird, oder für eine viel grundlegendere Reform.
Wie die aussehen könnte? Bei der U17-Weltmeisterschaft der Männer, die Ende letzten Jahres übrigens, wie sollte es bei einem FIFA-Tunier auch anders sein, in Katar ausgetragen wurde, testete der Weltverband eine ziemlich konkrete Alternative zum Videoschiedsrichter. Eine Alternative, die auch in Deutschland bereits immer wieder diskutiert wurde: Die sogenannte Challange-Regel. Mit einer „Challenge“ können Trainer*innen die Prüfung einer konkreten Schiedsrichterentscheidung einfordern. Pro Halbzeit hat jede Mannschaft einmal die Möglichkeit zur „Challange“. Dafür gibt es auf den Trainerbänken dafür ein Tablet, auf dem Szenen sofort in der Wiederholung angesehen werden können. So geht keine Szene verloren und die Trainer*innen können gut abschätzen, ob sich beim jeweiligen Vorfall eine „Challange“ auch tatsächlich lohnt. Der Schiedsrichter schaut sich dann – wie man es aus der Bundesliga kennt – an einen Monitor am Spielfeldrand die zu überprüfende Szene noch einmal an und bewertet sie gegebenenfalls neu. Gibt er der challangenden Mannschaft Recht, behält die ihre „Challange“-Möglichkeit, bleibt der Schiedsrichter hingegen bei seiner Bewertung, darf der entsprechende Trainer erst in der nächsten Halbzeit wieder eine Schiedsrichterentscheidung überprüfen lassen. So soll für einen sorgsamen Einsatz garantiert werden. Die Idee ist dabei übrigens dem American Football entnommen.
Die Regel kommt dabei nicht nur bei der aktuellen Jugend-WM zum Einsatz. Seit Anfang des Jahres erlaubt das für Regelfragen zuständige International Football Association Board die Anwendung auch bei nationalen Wettbewerben. Und einige sind dabei: In Spanien haben die oberste Liga der Frauen und die 3. Liga der Männer dadurch nun technische Hilfsmittel für die Unparteiischen. Dasselbe gilt für die Serie C der Männer in Italien, die Serie A der Frauen beginnt aktuell mit Tests. Auch in einigen Wettbewerben Brasilien kommt die „Challange-Regel“ zum Einsatz.
Ihr Vorteil: Die Mannschaften können aktiver an der Entscheidungsfindung beziehungsweise der Regelhütung mitwirken. Aktuell fühlen sich viele Trainer*innen und ihre Teams dem VAR ja tendenziell eher ausgeliefert. Beim challangen tragen sie nun selbst mit Verantwortung. Daneben gibt es noch einen Vorteil: Der bisherige VAR ist technisch aufwendig, die Umsetzung entsprechend teuer. Die Video-Support-Lösung hier ist einfacher umzusetzen und dadurch deutlich günstiger, weil kein separates Studio und kein Übertragungswagen gebraucht werden. Außerdem braucht man weniger aktive Schiedsrichter*innen, nämlich keine Videoschiedsrichter*innen, pro Spiel. Ein großes Plus: Die Einheitlichkeit des Spiels kann so gefördert werden. Auch in unteren Spielklassen und in den ersten Spielrunden des DFB-Pokals wäre die Anwendung der „Challange-Regel“ ohne immense Investitionskosten möglich. Der Amateurfußball würde dem Profifußball damit wieder ähnlicher, es würde wieder mehr ein Spiel für alle. Wobei es natürlich den Haken gibt, dass es, je größer das mediale Interesse an einem Spiel ist, es entsprechend mehr Kameras und damit mehr Kameraperspektiven vor Ort gibt und je mehr Kameraperspektiven es gibt, desto einfacher ist es, eine Szene zu überprüfen. Die vollkommene Gleichheit garantiert also auch diese Regel nicht.
Beim DFB ist man mit der „Challange-Regel“ übrigens erheblich glücklicher als mit dem IFAB-Vorstoß jetzt. Aber auch grundsätzlich zeigt man sich – trotz aller Drees-Zweifel – offen für Reformen. Kein Wunder. Der bisherige VAR ist längst zum Politikum geworden. Spieler, Trainer und Fans – alle fühlen sich bei strittigen Videoentscheidungen oft übergangen. Und die Schiedsrichter auf dem Feld wirken in fast jedem Spiel schwächer als sie sind.
Gerade die „Challange-Regel“ würde ihre Rollle nun wieder stärken. Und sie gibt – während sie zu einem verantwortungsbewussten Einsatz anhält – den beteiligten Mannschaften die Möglichkeit, bei kritischen Szenen zu intervenieren. Krasse Fehlentscheidungen können so korrigiert, das Spiel gerechter werden. FanLeben.de meint: Beim DFB sollte man den Erfinder*innen der „Challange-Regel“ darum dankbar sein. Denn sie könnte der Ausweg aus dem Videobeweis-Dilemma sein, in dem sich der DFB seit nun mehr acht Jahren befindet.
Warum aber das IFAB diese Idee nicht konsequent weiterverfolgt, bleibt wie so vieles schwer begreifbar.
