Seit über einhundert Jahren ist Juventus Turin eng mit der Fiat-Familie Agnelli verbunden – und bis heute im Besitz der Auto-Dynastie. Das ist nicht überraschend: Alle italienischen Profiklubs liegen in der Hand privater Investoren, doch nirgendwo ist der Wildwuchs an Besitzstrukturen lange Zeit so unkontrolliert gewesen wie im Mutterland der Ultras. Teilweise gab es Multi-Club-Ownerships innerhalb Italiens, Investoren konnten de Facto sogar im Besitz mehrerer Erstligisten sein. Immerhin Italien-interne MCOs sind heute verboten, auch wenn einige italienische Klubs weiterhin Teil entsprechender, nun aber grundsätzlich international-agierender Unternehmensgruppen sind. Doch eine lang-gehegte Familientradition wie bei Juventus ist weiterhin die Ausnahme: Fast jedes zweite Team gehört US-Investmentfirmen, hinzu kommen Investoren aus Asien sowie Unternehmer und Patriarchen aus Italien selbst.
Der italienische Fußball ist vor allem eins: Nein, nicht taktisch- beziehungsweise durch ein defensives Catenaccio geprägt, er ist ein internationales Spekulationsobjekt. Warum? Weil die meisten Klubs zwar bereits Marken mit einer gewissen internationalen Strahlkraft sind, aber die Vermarktungsmöglichkeiten der Liga längst noch nicht ausgereizt sind, weil es kaum Mitbestimmungs-Tradition für die Tifosi gibt und deswegen selbst die absurdesten Kuriositäten wie im Ausland-ausgetragene Ligaspiele in der Serie A denkbar sind. Außerdem müssen ausländische Fußballer in Italien kaum Steuern zahlen, was die Verpflichtung internationaler Spieler, selbst von Stars, relativ gesehen günstig macht. Hinzu kommt, dass viele Standorte verschuldet sind, das drückt den Kaufpreis. Und dass die Infrastruktur fast aller Klubs vollends in die Jahre gekommen ist, in den vergangenen zwanzig Jahren wurden nur zwei Stadien grundlegend saniert oder neugebaut, es werden also Investoren händeringend gesucht. Günstige Einstiegspreise, gute Wachstumschancen, kaum Restriktionen – der italienische Fußball ist mehr Geschäft als die englische Premier League.
Die Leidtragenden: Die Tifosi. Die Eintrittspreise für die Spiele der Serie A steigen stark an, sind deutlich teurer als Bundesliga-Tickets. Lediglich für die klassischen Fankurven gibt es noch vergleichsweise günstige Karten, aber auch weil Ultra-Choreographien und Gesänge während des Spiels den Wert einer Übertragung steigern. Und immer wieder stürzen Vereine ab: Über 150 Insolvenzen gab es im italienischen Profifußball seit Beginn dieses Jahrtausends. Napoli, die Fiorentina, Parma, Torino FC, Hellas Verona, die AC Cesena, Bari, Palermo, Como, Pisa, Monza, SPAL sind nur einige der prominentesten Fälle. Was auffällt: Viele Klubs wurden nach der Insolvenz neu gegründet, teilweise mehrfach, und kehrten mit neuen Eignern früher oder später – mit neuem Logo und leicht veränderten Namen als neue Kapitalgesellschaft – in den Profifußball zurück. Die Ultras von Hellas Verona, einem Klub der gerade von einer US-Firma übernommen wurde, die übrigens unter anderem Thomas Hitzlsperger in den Aufsichtsrat berief, kommentierten in einer Zeitungsanzeige: „Hellas wahres Kapital sind die Menschen“ – und in der Tat: In keinem anderem Land wird so deutlich wie in Italien, das organisatorische Strukturen und Rechtsformen bloß Hüllen sind, die Identität der Klubs aber von den Menschen vor Ort, in den Kurven ausgeht.
Aber zurück zu Juventus Turin. Der Klub wurde 1897 gegründet. Als klassischer Sportverein. Die Gründer waren 13 Schülern des Turiner Massimo-d’Azeglio-Gymnasiums. Daher auch der Name: Juventus ist Italienisch für Jugend. Seit 1900 spielt Juventus in der italienischen Meisterschaft, die 1905 mit einem unerwarteten Erfolg über den damaligen Serienmeister CFC Genua erstmals gewonnen wurde.
Die Wende zum Wirtschaftsunternehmen begann 1923, als am 24. Juli Edoardo Agnelli, Sohn des Fiat-Mitbegründers Giovanni Agnelli senior und Vater des berühmten Giovanni Agnelli, eine Partnerschaft mit dem Verein einging und als Sponsor fungierte. Noch bevor 1926 offiziell der Profifußball in Italien legalisiert wurde und 1929 die Serie A gegründet wurde, finanzierte Agnelli eindrucksvolle Transfers. Für damals 50.000 Italienische Lire wechselte zum Beispiel Virginio Rosetta von der US Pro Vercelli zu Juventus – der erste dokumentierte professionelle Spielertransfer. 1926 gewann Juventus Turin daraufhin die zweite italienische Meisterschaft und zwischen 1931 und 1935 sogar fünf Scudetti in Serie.
In dieser Zeit lang die faktische Kontrolle über den Klub bereits bei der Agnelli-Familie. Doch formal war Juventus noch ein demokratisch-konstituierter Verein. Das änderte sich 1949 als die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft beschlossen wurde. Seither ist Juventus ein Wirtschaftsunternehmen und mehrheitlich im Besitz der Agnellis. Juve war dabei übrigens der erste italienische Klub, der eine solche Umwandlung vornahm. Und damit lange Zeit alleine blieb. Erst als 1981 das „Legge 91“ beschlossen wurde, ein Gesetz, welches den Profifußball als Wirtschaftssektor offiziell anerkannte, zogen mehr und mehr Standorte nach. Mit dem Gesetz sollte Rechtssicherheit geschafft werden – vor allem auch für Spieler. Denn Spielerverträge unterlagen bis dahin nicht dem italienischen Arbeitsrecht. Das „Legge 91“ legte schließlich fest, dass alle Klubs in der Serie A als Wirtschaftsunternehmen zu behandeln sein, allein aus Haftungs- und Rechenschaftsgründen war die klassische Vereinsstruktur damit kaum noch aufrecht zu erhalten. In den 1980er Jahren folgten darum fast alle Klubs, allen voran AC und Inter Mailand und die AS Rom, dem Vorbild Juventus‘.
Das diese Veränderung von den Fans akzeptiert wurde, lag sicher vor allem daran, dass die internationalen Investoren, die den italienischen Fußball heute bestimmen, damals noch keine Rolle spielten. Es waren eng mit dem Verein verbundene Familien oder lokal-verwurzelte Unternehmen, welche die Kontrolle über die Klubs übernahmen. Fußball war ein Prestigeobjekt. Auch für die Moratti-Familie, die über fast sechs Jahrzehnte die Verantwortung für Inter Mailand trug. Angelo Moratti war ab 1955 Präsident des Vereins, Sohn Massimo folgte 1995 als Eigentümer. Massimo Moratti aber verkaufte den Klub 2013, er verglich Inter damals mit einer Erwachsen-werdenden Frau, die jetzt „von Zuhause ausziehen“ müsse. Die neuen Besitzer waren chinesische Investoren, deren Investitionsversprechen unerfüllt blieben, ihnen folgte die Oaktree Capital Management.
Moratti verkaufte Inter kurz nach dem Triple-Gewinn 2010. Also zum einem Zeitpunkt, als der Klub am Peak seines Erfolges angekommen war. Viele anderen Alt-Eigentümer verkauften, weil sie über Jahre Schulden angehäuft hatten und diese nicht mehr bedienen konnten. Das war für die ausländischen Investoren aus den oben genannten Gründen natürlich ein Best-Case. Und so verselbstständigte sich die Entscheidung von 1981 bis zum heutigen Tag. Genauso wie die Steuer-Privilegien für ausländische Fußballspieler die Entwicklung italienischer Talente hemmt. Gut gemeint ist eben oft das Gegenteil von gut gemacht.
Immer wieder werden scheinbar leichte Veränderungen im Fußball diskutiert. Auf eine mögliche Minderheitsbeteiligung eines Investors bei einer DFL-Tochterfirma reagierten die Ultras in Deutschland mit Tennisbällen, die sie auf die Spielfelder warfen. Übertrieben fanden das einige. Andererseits entfalten scheinbar kleinen Entscheidungen manchmal eine immense und schier unumkehrbare Wirkung.
